Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Mach dir ein Bild von Musik

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Dieser Comic ist ein offenes System. Es gibt keine Panelumrahmungen, und viele Bilder gehen bis an den Seitenschnitt. Damit treten sie mit- und untereinander in engeren erzählerischen Kontakt, als das sonst der Fall ist – Comics verdanken ihre Besonderheit ja neben der Bild-Text-Kombination auch gerade den räumlich akzentuierten Auslassungen zwischen den Panels, die wir als Leser gedanklich auszufüllen haben. Doch hier ist alles im Fluss, geht ineinander über. Wie sehr, das kann man sich auf dem Tumblr-Eintrag des Zeichners dieser Graphic Novel ansehen: https://joonassildre.tumblr.com/.

Er heißt Joonas Sildre, sie heißt „Zwischen zwei Tönen“. Das ist verblüffend, weil dieser Titel doch geradezu dazu aufzurufen scheint, das klassische Auslassungsprinzip des Comics eher noch zu betonen, statt es wie hier durch übergreifende Seitenarchitektur zu kaschieren. Aber dem 1980 in der estnischen Hauptstadt Tallinn geborenen Zeichner geht es darum, ein musikalisches Element in die Form seines Comics zu bringen, und Musik suggerieren wir eben mit Fluss, wenn es auch etliche Beispiele dafür gibt, wie Unterbrechungen dramaturgisch in einer Komposition einzusetzen sind – von der traditionellen Unterteilung diverser musikalischer Formen in einzelne Sätze ganz zu schweigen.

In „Zwischen zwei Tönen“ indes geht es um einen Komponisten, der gerade dadurch bekannt geworden ist, dass er weit zurück in die Geschichte seines Faches geht und über die Gregorianik unser Verständnis von Musik wieder auf die Anfänge der europäischen Tradition aufmerksam gemacht hat: Arvo Pärt, 1935 geboren, auch in Estland. Er ist mittlerweile einer der populärsten Gegenwartskomponisten weltweit, wozu nicht zuletzt der häufige Einsatz seiner pathetisch-melodischen Musik in Filmen beigetragen hat.  Das wiederum nimmt Joonas Sildre mit seiner Bildkontinuität im Comic auf. So, wie er Pärts Musik in Bilder setzt, haben die meisten von uns sie wohl auch kennengelernt: durch Bilder.

Pärt, heute Inbegriff eines durchaus mehrheitsfähigen E-Musik-Komponisten, hat als Avantgardist begonnen und ist dementsprechend in der Sowjetunion, die sich sein Heimatland 1940 einverleibte, heftig angeeckt, denn mit Sozialistischem Realismus hatten seine Klangexperimente überhaupt nichts am Hut. Es gibt in Sildres Comic eine Szene, die Pärt in den späten sechziger Jahren, also mit Anfang dreißig, bei einer Performance zeigt, in deren Verlauf eine Geige angezündet wurde, nachdem sie zuvor als Schläger zum Federballspielen gebraucht worden war. So etwas konnte bei den Behörden nur Ärger erregen – als bürgerliche Dekadenz. Pärts Aktion hätte genauso gut irgendwo im Westen stattfinden können, er hatte sein Ohr auch jenseits des Eisernen Vorhangs am Puls der Zeit. Sildre führt ihn uns als einen Freigeist vor, dessen spätere Entscheidung, immer mehr die Tradition einzubeziehen, auf der Grundlage unbändiger Neugier erfolgt ist.

Allein das macht die Schilderung dieses Lebens und Schaffens schon hochinteressant. Pärt ist zudem eng mit Deutschland verbunden, denn als er 1980 mehr oder minder freiwillig die Sowjetunion verließ, ging er zwar zunächst nach Österreich, dessen Staatsbürgerschaft er auch annahm, lebte dann aber von 1981 bis 2008 in Berlin. Danach kehrte er in seine mittlerweile wieder unabhängig gewordene estnische Heimat zurück, wo ihm 2018 ein eigenes Zentrum eingerichtet wurde. Anlässlich dessen Eröffnung entstand damals Sildres Comic, den Maximilian Murmann nun kenntnisreich für den experimentierfreudigen Buchverlag Voland & Quist ins Deutsche übersetzt hat.

Man sieht ihm seine Herkunft nicht an, denn Sildre hat offenbar ein Auge auf den Puls der Zeit. Seine graphische Handschrift in „zwischen zwei Tönen“ verdankt sich vor allem dem Vorbild des Amerikaners David Mazzzucchelli, der mit seiner kurzlebigen Anthologie „Rubber Blanket“ (in der sich ausschließlich seine eigenen Geschichten fanden) Anfang der neunziger Jahre jene monochrome und fettlinige Ästhetik  prägte, die das Superhelden-Erscheinungsbild der achtziger Jahre (das Mazzucchelli entscheidend mitbestimmt hat) in den Autorencomic überführte. Diese reduzierte Graphik erlaubt porträtähnliche Darstellungen der Figuren, ohne dass man sich als Zeichner auf Fotorealismus verpflichtet sähe. Und Pärt ist ohnehin durch den markanten Kinnbart unverwechselbar.

Der Comic erzählt sein Leben bis zur Ausreise 1980, also ist noch reichlich Luft für eine Fortsetzung, die man nur erhoffen kann. Dass ein estnisches Publikum sich vor allem für die Zeit des Komponisten im eigenen Land interessiert, ist leicht einzusehen; für uns deutsche Leser hätte die Zeit danach aber auch großen Reiz. Und dann könnte man sehen, wie das Umsetzen von Musik in Bilder sich bewährt, denn zur noch wilderen Anfangszeit Pärts passt die synästhetische Übersetzung von Klang in Graphik natürlich gut; die Strenge des späteren Pärts dagegen dürfte Sildres Geschick einiges abverlangen.

 Aber man darf ihm auch einiges zutrauen. Programmatisch verzichtet er auf jegliche Lautmalereien in seiner Geschichte, so dass man bei der graphischen Darstellung von Musik kein Textelement vermisst. Musik wird in „Zwischen zwei Tönen“ stets als kleine fliegende schwarze Punkte dargestellt – ganz selten werden sie auch einmal weiß gezeichnet; ein Grund dafür ist leider nicht ersichtlich –, und die schweben nicht einfach durch den Raum, sondern sie sind mit durch speedlines erkennbarer großer Dynamik unterwegs. So durchwehen sie als Sternschnuppen ganze Bildsequenzen, sind aber zugleich auch Samen, die im Gemüt von Arvo Pärt auf fruchtbaren Boden fallen.

Die Darstellung nimmt natürlich auch Bezug auf das Symbol einer ganzen Note, und einen geradezu meisterlichen Einfall hat Sildre, wenn er im schönsten Abschnitt seiner zweihundert Seiten Pärt auf einen Baum klettern lässt, dessen Äste in eine gängige Notenlinie ausfasern, die dann von einer riesigen Schere gekappt wird, worauf Pärt abstürzt und aus den fallenden Notenlinie eine Wellenlandschaft wird, in die er eintaucht und wieder an die Oberfläche kommt, ehe er sich mittragen lässt. Diese Sequenz wird ausgelöst durch Pärts Feststellung „Alle Weisheit liegt in der Reduktion.“ Und genau nach dieser Maxime handelt Sildre – nicht nur als Zeichner, sondern auch als sein eigener Szenarist.

Dass ihm dabei Pärt selbst aus Auskunftgeber und Berater zur Seite stand, macht „Zwischen zwei Tönen“ zu so etwas wie einer autorisierten Biographie. An diesem Comic werden Musikliebhaber schwer vorbeikommen. Doch auch bloße Comicliebhaber sollten ihn lesen. Aus Estland oder auch den anderen baltischen Staaten ist bislang nicht viel an Bildergeschichten zu uns gekommen. Wie man Skildes Arbeit ansieht, gibt es dort aber viel zu entdecken.


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