Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Wie bald ist „soon“?

„Soon“ ist das englische Wort für „bald“. Ist das Jahr 2151 bald? Ich wäre aus meinem persönlichen Erwartungshorizont heraus geneigt zu sagen: nein. Aber bezogen auf die ganze Menschheitsgeschichte oder gar die unseres Planeten reden wir über ein Augenzwinkern. In dem allerdings so manches passieren wird, wie wir von Thomas Cadène erfahren, denn dessen Science-Fiction-Comic mit dem Titel „Soon“ lässt in den kommenden 130 Jahren folgendes geschehen sein: Klimakollaps, Impfstoff-Konkurrenz, Dritter Weltkrieg, Ressourcenschwund, Neukonzeption von Lebensraum und Einflusssphären auf der Erde, Diktatur und schließlich Start eines großen Raumfahrtprogramms zur Besiedelung eines neuen Planeten. Viel Stoff, selbst für etwas mehr als zweihundert Albumseiten. Aber all diese Ereignisse werden beiläufig miterzählt. Im Zentrum steht ein Generationenkonflikt zwischen Mutter und Sohn. Es ändert sich eben doch nicht so bald etwas unter der Sonne.

Bevor das aber nun negativ aufgenommen würe, sei gesagt: „Soon“ ist ein meisterhaft erzählter und sehr gut in Bilder umgesetzter Comic. Cadène, den Lesern von faz.net durch die von ihm geschriebene Serie „6 aus 49“ bekannt sein könnte, die einige Monate lang hier publiziert wurde, hat mit Benjamin Adam einen versierten Zeichner gewonnen, der „Soon“ in eine halbrealistische Funny-Ästhetik kleidet, die durch kapitelweisen Wechsel einer jeweils stimmungsfördernden monochromen Kolorierung das komplexe Geschehen leichter zugänglich macht der Carlsen Verlag hat wieder mal keine Leseprobe, also hier zur Anschauung ein paar Seiten im französischen Original: https://www.actuabd.com/Soon-Par-Thomas-Cadene-et-Benjamin-Adam-Ed-Dargaud und auch noch ein ordentliches Konvolut deutsche: https://diezukunft.de/review/comic/soon-von-thomas-cadene-benjamin-adam). Man sollte drei Stunden Lektürezeit einkalkulieren, und was man liest, ist keine leichte Kost.

Denn das, was von der uns vertrauten Zivilisation in der Mitte des zweiundzwanzigsten Jahrhunderts übriggeblieben ist, sind sieben noch einigermaßen für menschliches Leben geeignete Zonen, die sich vier Kontinente verteilen – und Europa ist nicht dabei. Irgendwo im Comic findet sich übrigens eine Karte, die noch eine achte Zone ausweist: Neuseeland (was angesichts der Isolation dieses Landes sehr glaubwürdig wäre), aber seltsamerweise spielt dieser Lebensraum dann keine Rolle mehr. Mag sein, dass da der Weltgeist dem Zeichner Adam die Hand geführt hat und ihn den fernen Inselstaat markieren ließ, obwohl sonst niemand davon weiß. Ein vor den Schutzgebieten geschütztes Schutzgebiet sozusagen.

Hauptfiguren sind die Astronautin Simone Jones aus der amerikanischen (falls man das 2051 überhaupt noch so sagen kann) Zone New Winnipeg und ihr fast erwachsener Sohn Juri, der seinen Vornamen natürlich Gagarin verdankt. Frau Jones ist die Leiterin der SOON-Mission, die sich nach neuen Lebensmöglichkeiten in anderen Sternensystemen umsehen soll. Aber auch im kommenden Jahrhundert ist die Technik noch nicht weit genug fortgeschritten, um so etwas wie Warp-Geschwindigkeiten zu ermöglichen – sprich: Die Expedition in die unendlichen Weiten wird mehr als die Dauer eines Menschenlebens erfordern. Nachdem sie gestartet sein wird, wird Juri seine Mutter niemals wiedersehen.

Vor diesem endgültigen Abschied gegen beide noch einmal auf reisen rund um die Welt, soweit etwas von ihr übrig ist. So lernen wir die verschiedenen Zonen kennen, die sich in sozialer Schichtung und Regierungsform durchaus heftig voneinander unterscheiden. Juri verlässt auch einmal in der chinesischen Zone New Hefei das kontrollierte Gebiet und erfährt nicht nur, wie es im Niemandsland drum herum aussieht, sondern auch, wie sich Liebe anfühlt. Das hilft ihm dabei, seine Mutter gehen zu lassen. Und auch hilfreich ist deren Gefährtin Andrea („Mich verjagt keiner!“), eine ebenso lebenspraktische wie resolute Frau, die Mutter und Sohn auf ihrer Reise begleitet und die Aufpasserin gibt, während sich Simone Jones ihren zahlreichen repräsentativen Verpflichtungen stellen muss. Andrea ist die dritte Hauptperson des Comics.

Unterbrochen wird die Tour in die Zonen durch eine wie bei einem Countdown herabnumerierte Abfolge von Exkursen, die Juris Vergangenheit zeigen und anhand deren man überhaupt erst erfährt, was die Situation geschaffen hat, in der man sich 2051 befindet, also Klimakollaps, Impfstoff-Konkurrenz, Dritter Weltkriek et cetera. Diese Passagen sind in einem Lindgrün auf dunkelblauem Papier gehalten und graphisch so abwechslungsreich strukturiert, dass selbst Chris Ware bisweilen staunen würde.

Und dann wird auch noch ergreifend erzählt, denn der Mutter-Sohn-Konflikt ist wird nicht tränenträchtig ausbuchstabiert, sondern auf subtile Weise, die für die emotionalen Ausnahmezustände Stimmungsbilder in den verschiedenen Lebensräumen findet. So muss man die Erzählform Comic nutzen. Dass es dann auch nicht eine Dystopie ist, macht den Band auch sympathisch. Selten habe ich bessere Science-Fiction als Comic gelesen. In jüngerer Zeit sogar nur einmal, und darauf müssen alle anderen wohl noch Jahre warten. Denn der Mühlheimer Comickönner Hendrik Dorgathen hat beim Leibinger-Comicbuchpreis seinen noch viel umfangreicheren und auch noch viel einfallsreicheren Band „Pretty Deep Space“ eingereicht und ist damit unter die Finalisten dieses Jahrs gekommen. Darin steckt noch mehr als in Cadène/Adam. Aber wie gesagt: So „bald“ wird der nicht erscheinen. So lange bitte „Soon“ lesen! Es lohnt sich.