Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Comic-Strip als Seelenstriptease

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Schon fürs Wortspiel des Titel muss man ihn lieben: „Vervirte Zeiten“. Ralf König hat im ersten Lockdown, also vor bald einem Jahr, spontan angefangen, jeden Tag eine Vier-Bilder-Episode (bisweilen auch mal mehr) um das Leben seiner seit mehr als einem Vierteljahrhundert bewährten Figuren Konrad und Paul zu zeichnen. Das schwule Paar, Klavierlehrer der Erstere, Science-Fiction-Erotik-Autor der Letztere, geht mittlerweile auf die sechzig zu und hat, wie man schon im Prachtband „Herbst in der Hose“ lesen konnte, genug Probleme mit Profession und Potenz. Nun kommt noch die Isolation dazu, die dem lebenslustigen Paul arg zusetzt. Das Ergebnis ist eine Serie, die der Bezeichnung Comic-Strip eine zusätzliche Bedeutung verleiht: Hier lässt König wirklich alle Schutzhüllen fallen.

Er machte den tagesaktuell die Pandemie begleitenden Comic-Strip in den sozialen Medien zugänglich, vom 18. März bis zum 31. Oktober, mehr als ein halbes Jahr also. Und fand ein begeistertes Publikum, vor allem einer neuen Figur wegen, die zunächst gar nicht selbst auftrat. „Der Filialleiter vom Rewe an der Subbelstraße“ bezauberte seinen  Kunden Paul zunächst durch Physis, dann durch seine sexuelle Orientierung und schließlich durch die Bereitschaft zu einem Skype-Meeting. Bis es indes soweit kam, vergingen Monate, und die Spannung über den Verlauf dieser virtuellen Affäre gehört zum Schönsten, was König schreibend und zeichnend erreicht hat. Dass er den Filialleiter nicht zeigte (zumindest nicht sein Gesicht …), ließ mit Paul fiebern, und als dann doch ein Gesicht auf seinem Bildschirm gezeigt wurde, war es das des Partners des Filialleiters. Man lauerte auf jeden neuen Tag, aber Bastian Knaller (so der Name des Filialleiters), hielt uns Leser ebenso hin wie seinen immer geileren Verehrer.

Nun ist die komplette Serie unter dem bereits genannten Titel „Vervirte Zeiten“ als Buch herausgekommen: bei Rowohlt, einem der beiden Hausverlage von König (der andere ist Männerschwarm). Und wenn man gedacht hätte, die Sache verlöre durch Gesamt- und Zweitlektüre an Reiz, hat sich getäuscht. Es ist schon irre komisch, wie jetzt Pauls wechselnde Sozialkontakte im Lockdown (und der zwischenzeitlichen Öffnung) erst richtig plastisch werden. König baut einen Freundeskreis um ihn auf, dessen Mitglieder in unterschiedlicher Weise und Intensität über die Zeitläufte verzweifeln (die Leseprobe auf seiner Homepage zeigt es: https://www.ralf-koenig.de/vervirtezeiten.html, die des Verlags bietet auch noch das Vorwort: https://www.book2look.com/book/9783498002114), natürlich telefoniert oder skypt man vor allem, und der Comic liefert nicht nur eine grandiose Augenblicksaufnahme, sondern auch das Psychogramm (manchmal Psychopathogramm) einer Szene, die unter den aktuellen Bedingungen mehr zu verlieren hat als die Angehörigen dessen, was gesellschaftlich immer noch als „Normalzustand“ gilt.

Das Buch bietet zudem einen kleinen Bonus. Um die Geschichte abzurunden , inhaltlich wie chronologisch, hat König noch einmal ein paar Folgen gezeichnet und so das Geschehen bis Silvester 2020 forterzählt. Dabei hat er einer literarischen Liebe nachgegeben, die schon einige seiner Bücher geprägt hat: gereimte Bildtexte nach dem Vorbild Wilhelm Buschs. Ich zitiere ganz frech diesen Schluss, weil man ohne die Bilder eh nur den halben Spaß hat (und also umso besseren Grund, das Buch zu kaufen): „Draußen prasselt kalter Regen / auf die Fensterscheibe … / Du liegst im Bett. Genau deswegen / rück ich dir zu Leibe. / Draußen kreisen Krankheitsviren: / Corona, Grippe, Schnupfen … / Wie sollte es mich da nicht verführen, / zu dir ins Bett zu schlupfen? / Draußen rauschen Autos laut / auf nasser Straßenkreuzung … / Ich schmiege mich an deine Haut, / so schön wärmt keine Heizung. / Draußen stecken alle Leute / in Anoraks und Jacken … / Ich lieg an deiner Hinterseite / und riech an deinem Nacken. / Dein Arsch ist nackt und kuschlig warm / und ich leg dir meinen Arm / um den behaarten Bauch … / Soll’s kalte Treiben /draußen bleiben … / … und 2020 auch.“ Das war leider nur ein frommer Wunsch vom Atheisten König.


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