Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Die wahren Regenten von Frankreich

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Frankreich ist ein Land der Überraschungen. Vor wenigen Wochen ist zum ersten Mal in der Fünften Republik ein ehemaliger Staatspräsident strafrechtlich verurteilt worden: Nicolas Sarkozy muss wegen Bestechlichkeit ins Gefängnis, weitere Gerichtsverfahren gegen ihn sind noch anhängig. Und genau gleichzeitig erschien ein Comic, der ihn zum Helden einer Gruppe von Geheimagenten macht, die darum bemüht ist, den französischen Staat einigermaßen durch die Wirren der Gegenwart zu steuern. „Héros de la République“ lautet der Titel des Albums, und er soll der Auftakt zu einer ganzen Serie sein.

Wer sich nun fragt, ob dieser Comic das Werk von Sarkozyards oder Anti-Sarkozyards ist, dem möge ein Verweis auf die beiden Autoren genügen: Joann Sfar und Mathieu Sapin. Ersterer tut sich seit Jahren als spitzfedriger Kritiker der Regierungspolitik hervor; Sfar ist regelmäßiger Mitarbeiter von „Le Canard enchainé“, der zentralen Instanz des investigativen Journalismus in Frankreich, und seine Postings zur Corona-Politik von Präsident Macron sind an Schärfe kaum zu überbieten.

Sapin wiederum ist bekannt geworden durch seine zeichnende Begleitung des Wahlkampfs und der Amtszeit des sozialistischen Präsidenten François Hollande, jenes Politikers, der Sarkozy an der Spitze des Staates abgelöst. So desaströs seine fünf Jahre als Präsident auch waren, so treu stand ihm Sapin zur Seite, der sich während der Wahlkampagne mit dem Kandidaten angefreundet hatte und danach dessen Vertrauen genoss, so dass er Einblick in Hollandes Regierungsgeschäfte bekam, die kaum ein anderer Journalist hatte. Die drei Bände „Campagne présidentielle“, „Au Château“ und „Comédie française“, die Sapin von 2012 bis 2020 sind deshalb das bisher intimste Hollande-Porträt. Und trotz aller Freundschaft auch das deprimierendste.

Eines jedenfalls dürfte klar sein: Weder Sapin noch Sfar haben Sympathien für Sarkozy. Sie haben allerdings größte Sympathien füreinander, und das schon seit Jahren, denn Sapin hat auch die Dreharbeiten von Joann Sfars Spielfilm „Gainsbourg“ zum Gegenstand eines seiner dokumentarischen Comics gemacht. Nun revanchiert sich Sfar mit dem Szenario zu „Héros de la Rébublique“, den Sapin gezeichnet (und zwar so: https://www.dupuis.com/le-ministere-secret/bd/le-ministere-secret-tome-1-heros-de-la-republique/87016), aber gewiss auch mitverfasst hat. Denn eine so aberwitzige Satire kann sich wohl nicht einmal jemand wie Sfar alleine ausdenken. Zumal auch Hollande eine wichtige Rolle spielt, denn Ausgangspunkt der Handlung ist ein Geheimministerium, das sich aus den ehemaligen Staatspräsidenten zusammensetzt, deren Erfahrung zur Abwehr von Gefahren genutzt werden soll. Plötzlich wird also aus Sarkozy und Hollande ein Team. Man hat eigene Truppen, ein unterirdisches Hauptquartier, wundersam ausgestattete Fahrzeuge (besonders erwähnenswert ist Hollandes Vespa, also jenes Fahrzeug, das untrennbar mit einem der privaten Skandale seiner Amtszeit verbunden ist) und die Lizenz zu so ziemlich allem, was als staatsdienlich eingeschätzt werden kann. Das Vorbild ist überdeutlich die Welt von James Bond, und Sfar und Sapin haben mit deren Übertragung auf die kläglichen Politgestalten erkennbar ihren Spaß.

Wobei wie bei Sfar üblich, das Pathos nicht zu kurz kommt, hier in der Gestalt des amerikanisch-jüdischen Superagenten Yacoov Kurtzberg, der die europäische Ordnung noch mehr durcheinanderbringt als sein (im bereits vor einem Jahr abgeschlossenen, aber eben erst jetzt publizierten Comic noch amtierender) Präsident Trump oder der russische Staatschef Putin, die beide schon für genug Chaos sorgen. Kurtzberg ist gezeichnet wie The Thing, also die beliebteste Figur der Superheldentruppe der Fantastischen Vier, und sein Name verdankt sich dem Zeichner dieser Serie, der seinen bürgerlichen jüdischen Namen durch die amerikanisierte Form Jack Kirby ersetzt hatte. Die comic- und kulturhistorischen Anspielungen sind sfartypisch zahlreich.

Dabei kommt aber auch, wie bei Sapin üblich, die Selbstironie nicht zu kurz. Denn der neue Band knüpft augenzwinkernd an seine drei dokumentarischen Comics an, indem der Zeichner selbst mitspielt, ja sogar die Hauptrolle einnimmt: als mehr oder minder unfreiwillig von seinem alten Spezi Hollande in die Machenschaften des Geheimministeriums hineingezogener Naivling, dem plötzlich der Boden unter den Füßen weggezogen wird, als sich alle bisherigen politischen Sicherheiten in Luft auflösen und irgendwann der unkontrollierbare Kurtzberg mit dem vollkommen perplexen Sapin durchbrennt. Was sie erleben, muss man selbst lesen, wobei zu befürchten steht, dass sich wie schon im Fall der dokumentarischen Hollande-Comics kein deutscher Verlag finden wird. Der einzige Band aus Sapins grandiosem Reportagewerk, der bislang den Weg über die Sprachgrenze gefunden hat, ist sein „Gérard – Fünf Jahre am Rockzipfel von Depardieu“ (erschienen bei Reprodukt), udn  das verdankte sich natürlich der Popularität des Schauspielers in Deutschland. Weder von Hollande noch Sarkozy kann man Ähnliches behaupten.

Man darf jedenfalls gespannt sein, wie es mit den „Héros de la République“ weitergeht. Fürst Albert von Monaco und Greta Thunberg spielen bereits im Auftaktband auf jeweils sinistre Weise mit, und das Ende ist offen. Die eigentliche Bedrohung, so viel wissen wir schon, sind Außerirdische – mit weniger darf sich ein Superheldencomic ja auch nicht zufrieden geben. Wenn es Sfar und Sapin gelingen sollte, die Tagesaktualität etwas mehr in die Handlung einfließen zu lassen als im ersten Teil, dann könnte aus den „Héros de le République“ eine Satireserie der Extraklasse werden.

 

 

 

 


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