Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Diese Oma lässt Motorrad fahren

Normalerweise sollte man ja nicht das Ende eines Buchs ausplaudern, aber bei „Mari Moto“ vergibt man sich selbst und der Geschichte nicht damit, denn zum Abschluss zeigt Dorothée de Montfreid die doppelseitige Zeichnung eines Motorrads. Einer ganz normalen 125er Straßenmaschine, um die herum sich neun Mal kleine Zeichnungen der Titelfigur dieses Comics tummeln, um uns Einzelheiten des Motorrads zu erklären – von dessen Anschaffung über die technische Ausstattung bis zum Muster, das man mit regennassen Reifen auf den dunklen Asphalt zeichnen kann: „Trop classe.“ Ja, einfach super. All das macht aus der ganz normalen Maschine etwas ganze Besonderes: Es ist das Motorrad von Maris Großmutter.

Im Deutschen gibt es den Kindergassenhauer „Mein Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“. Man könnte nun glauben, „Mari Moto“ wäre dessen Bebilderung, aber dieser Kindercomic ist viel mehr. Vor allem nicht nur etwas für Kinder. Obwohl er sich in Aufmachung und Erzählweise ganz klar an sie richtet und auch prächtig reüssieren dürfte. Schon das Titelbild mit der kleinen Mari, die in regnerischem Wetter auf dem Motorrad durch die Dämmerung braust, wird das Herz von Kindern höherschlagen lassen, denn da ist ein Mädchen sichtbar in der Rolle von Erwachsenen unterwegs. „Ein Motorrad“, so hat Dorothée de Montfreid mir kürzlich erzählt, „das steht für Freiheit. Meine eigene Oma hatte zwar selbst keines, aber sie hat meinem Vater eines gekauft, und das habe ich als Kind bewundert.“

Dorothée de Montfreids Großmutter muss eine bemerkenswerte Frau gewesen sein. Sie habe ihrer Enkelin viel mehr Freiheiten eingeräumt als die Eltern, sagt die 1973 in Paris geborene französische Zeichnerin. Das mag noch einigermaßen üblich sein, aber diese Großmutter rauchte auch wie ein Schlot und malte und war überhaupt unkonventionelle und damit ein Rollenvorbild für das Mädchen aus der Großstadt. Und genau so ist auch die Großmutter in „Mari Moto“ gezeichnet: als toughe Frau, die weitaus besser als die ängstlichen Eltern der zehnjährigen Mari weiß, was so ein Mädchen alles leisten kann. „Mari Moto“ ist die Geschichte der Rettung einer ganzen Gegend, die von dem Kind bewerkstelligt wird. Mit dem Motorrad.

Worum geht es? Ein Sturm hat die Region verwüstet, die Kommunikationsleitungen sind unterbrochen, die Menschen sind von der Umwelt abgeschnitten, nicht wenige schwerverletzt. Auch Maris Oma kann wegen einer Handverletzung nicht selbst mit dem Motorrad zur nächsten Feuerwehrstation fahren, um Hilfe herbeizuholen, also schickt sie damit Mari los, der sie schon vorher mal ein paar Runden auf dem heimischen Anwesen mit der Maschine erlaubt hatte. Auf dem Weg durchs Chaos vollbringt Mari bereits erste Heldentaten, und natürlich kommt sie durch. Das darf man von einem Kindercomic ja wohl auch erwarten.

Nicht indes, wie er erzählt ist. Dorothée de Montfreid ist in Frankreich (und seit einigen Jahren auch in Deutschland) als Bilderbuchzeichnerin bekannt, doch in der jüngsten Zeit hat sie den Comic als Erzählform entdeckt. Ihre Serie „Ada & Rosie“, ein autobiographischer Familien-Strip für Erwachsene, entstand in zweiwöchigen Episoden für den Netzauftritt der französischen Tageszeitung „La Libération“, die sich wie kein anderes Blatt in Europa um Comics bemüht. In „Les petites philosophes“ erklärt Monfreid nach Szenarien von Sophie Furlaud in kurzen Geschichten Philosophie für Kinder, und ihr kürzlich erschienener kleiner Band „Les choses de l’amour“ bietet jeweils Liebesaffären in vier Bildern, allerdings ausgeführt von Gebrauchsgegenständen, die je nach Design ihre ganz eigene Form der Erotik finden. In Deutschland hat Montfreid in dem Kölner Illustrator Nikolaus Heidelbach einen Kollegen, der ähnlich geistreich-frivol das Liebesleben unbelebter Objekte ins Bild setzt. Leider hat man sich hierzulande bisher nur für Dorothée de Montfreids Bilderbücher interessiert; bei m Moritz Verlag und bei Reprodukt gibt es eine Handvoll Übersetzungen. In ihrer französischen Heimat hat die Zeichnerin bereits mehr als fünfzig Publikationen vorzuweisen.

„Mari Moto“ ist die jüngste, erst vor wenigen Tagen in Frankreich erschienen, und sie vereint erzählerische Elemente verschiedener Formen. Das Buch ist ein Comic mit Bildsequenzen und Sprechblasen, aber es gibt auch längere Textpassagen ohne Illustrationen oder Bilder, die ohne Wort auskommen. Dadurch variiert Dorothée de Montfreid das Tempo ihrer Geschichte, und das entspricht genau dem Inhalt, der abenteuerlichen Motorradfahrt von Mari.

Auf der Verlagsseite von Seuil kann man sich das anhand der ersten vierzehn Seiten der Geschichte ansehen: http://www.seuiljeunesse.com/ouvrage/mari-moto-dorothee-de-monfreid/9791023514759. Dort ist auch zu erkennen, dass Monfreid durch monochromen Einsatz von Zusatzfarben Stimmungen erzeugt, besonders auffällig bei der roten Einfärbung des Motorrads und Maris Helm, wodurch man auch auf doppelseitigen Totalen immer die Hauptfigur auf ihrer Fahrt im Fokus hat.

Was soll daran aber nun Erwachsene interessieren? Das Ende der Rettung, das Dorothée de Montfreid zu einer großartigen Satire auf Politik und Presse nutzt. Und ihr leichthändiger Stil, der sich dem Vorbild von Sempés „Kleinem Nick“ verdankt. Mit Mari hat die Zeichnerin eine Figur geschaffen, von der man weitere Abenteuer erhoffen darf. Und womöglich erkennt sogar ein deutscher Verlag im derzeitigen Rausch von Selbstermächtigung, Emanzipation und Generation Greta das Potential eines solchen Mädchencomics, der fernab aller Plakativität ganz selbstverständlich davon erzählt, was Kinder können. Und auch davon, was Erwachsene verbocken. Ach ja, als ich Dorothée de Monfreid nach ihrem Lieblingsbild aus „Mari Moto“ fragte, nannte sie die abschließende Doppelseite mit dem Motorrad. In Mari dürfte viel von dem Freiheitswillen und der Lebenslust ihrer Autorin stecken.