Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Dies- und jenseits aller Geschlechtsgrenzen

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Il faut être absolument moderne – selbst als Mangaka. Und allemal als deutscher Manga-Verlag, denn der Markt ist zwar groß, aber die Moden darauf wandeln sich durch rascheren Generationenwechsel  schnell, und was gestern angesagt war, ist morgen vergessen. Also heute lieber etwas Neues, ganz Zeitgemäßes publizieren. Wie die Serie „My Genderless Boyfriend“ von Tamekou.

Die erscheint nicht nur im gerade etablierten Manga-Imprint Hayabusa (Wanderfalke) des Carlsen Verlags, sondern ist überdies ein witziges Beispiel für den Segensreichtum von Modemachern im Verlag, denn normalerweise hätte man wohl damit rechnen dürfen, dass die deutsche Serie sich am englischen Titel orientiert hätte, der „The Andrygynous Boyfriend“ heißt, aber „androgyn“ klingt doch nicht halb so aktuell wie irgendetwas mit dem derzeitigen Reizwort „gender“. Und so ist es auch genau richtig, denn der japanische Originaltitel verwendet explizit auch den englischen Begriff „genderless“, also geschlechtslos und eben nicht zweigeschlechtlich, wie es bei „androgyn“ der Fall wäre.

Dass Tamekou bürgerlich Kojiro Narihira heißt, ist leicht herauszubekommen. Die einschlägigen Websites sind dann aber geizig mit Informationen: bei der Frage von Geburtsjahr und Geburtsort wird genauso auf fehlende Angaben der Künstlerin verwiesen wie bei ihrem Geschlecht. Wie auch immer Tamekou es empfindet, er/sie/es vermag sehr feinfühlig darüber zu erzählen, was es bedeutet, zwischen den Rollenzuschreibungen zu agieren. Denn genau das tut der Protagonist Meguru.

Der Verkäufer in einer kleinen Modeboutique in Tokio ist zwar nur Angestellter, aber zugleich als Influencer ein Star, dank seines Gespürs für geschlechtsübergreifendes Verhalten und Kleiden. Zugleich ist er der treueste Freund der Welt, denn obwohl er von zahllosen Mädchen umschwärmt wird, ist er fest verbandelt mit der Mangaredakteurin Wako. Das indes gefährdet seinen jungfräulichen Ruf bei seinen Fans, doch Meguru pfeift auf verlogene Inszenierungen – wenn er sich gewissen Vorsichtsmaßnahmen beim Öffentlichmachen seines Privatlebens unterwirft, dann nur aus Rücksicht auf die Interessen anderer, er selbst ist grundehrlich. Dass aus dem Ruhm im Netz als Rollenvorbild und der geradezu spießbürgerlichen Existenz im trauten Heim sowohl Komik- als auch Konfliktstoff entsteht, macht den Reiz von „My Genderless Boyfriend“ aus. Der Peinlichkeiten sind kein Ende, wobei etliche davon von japanischem Publikum als peinlicher empfunden werden dürften als vom deutschen.

Für uns dagegen ist der erste Band ein faszinierender Einblick in die Vermarktungsmechanismen von Sozialen Medien, Bekleidungshandel und nicht zuletzt auch Manga. Tamekou versteht von allem etwas, und wenn auch nicht originell gezeichnet wird (eine Leseprobe gibt’s unter https://www.bic-media.com/mobile/mobileWidget-jqm1.4.html?https=yes&width=850&height=750&metadata=no&links=no&showLanguageButton=no&buyButton=yes&tellafriend=no&download=no&clickTeaser=no&showExtraShopButton=no&showTAFButton=no&showMenu=no&showExtraFacebookButton=no&showFullScreenButton=no&borderWidth=0&resizable=yes&noNavi=yes&fullscreen=undefined&isbn=9783551620361&navigationContext=book&fullscreen=yes&jump2=23, natürlichbin mangatypischer Leserichtung zu blättern, also gegen das westliche Gefühl), so ist das doch souveränes Handwerk des Shojo-Genres, also der Manga für junge Frauen, die im Bishonen, dem „schönen jungen Mann“, ein wichtiges Element haben. Dass dabei gerade effeminierte Figuren erfolgreich sind, ist altbekannt, doch hier wird in vielen Bildern jede Geschlechtszuweisung vermieden, während die Basis des Ganzen die konventionellste aller Liebesgeschichten ist: boy meets girl.

Das ist schon sehr schlau, denn dadurch ist wirklich für alle Leser etwas dabei. Bleibt nur die Frage, ob sie auch brav dabei bleiben werden, denn die Erscheinungsfrequenz ist eine langsame: Auf Englisch ist der vierte Band für 2022 angekündigt, womit nicht einmal ein Halbjahresrhythmus erreicht wäre. Was ist mit diesen Mangaka los? Treibt die von Verlagsseite niemand mehr an? Oder ist ein „Genderless Boyfriend“ auch noch zeitlos? Da wäre ich allerdings vorsichtig: Denn noch ist eben vieles, was mit Gender zusammenhängt, Mode. Auch das hat Tamekou sehr klug in seinem Manga berücksichtigt.


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