Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

O partigiani portami via, o bella ciao, o Baru bellissimo!

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Wir haben alle unsere Lieblingszeichner, bei mir gehört dazu – Leser dieses Blogs werden es wissen – der Franzose Hervé Barulea alias Baru. Wen aber bewundert Baru selbst?

Seinem Stil sieht man es nicht an, der ist denkbar eigenständig, wenn auch mittlerweile vielfach nachgeahmt, aber in seinem neuen Comic kann man nachlesen, das es einen besonders von ihm geschätzten Kollegen gibt. Mitten in der Handlung, zum Abschluss einer Sammlung mit Faksimiles zeitgeschichtlicher Dokumente, schiebt Baru eine längere Textpassage ein, in der er von seinem Vater Terzilio Barulea erzählt. Wir erfahren, dass dieser nach Frankreich eingewanderte Italiener als Soldat im Zweiten Weltkrieg für sein neues Land kämpfte und in deutsche Kriegsgefangenschaft geriet. „Ich kann Ihnen keine Bilder aus seiner Gefangenschaft vorlegen“, erklärt Baru: „Die, die ich im Kopf habe, gehören mir nicht. Es sind die aus ‚Stalag IIB‘ von Jacques Tardi. Ich denke ich hätte etwas Ähnliches machen können, wenn mein Vater geredet hätte.“ Doch zum Schluss seines metafiktionalen Einschubs schreibt Baru dann: „Von wegen! Sich nach Jacques Tardi an ein derartiges Sujet zu machen, ist wie Stratocaster spielen nach Jimi Hendrix, das lässt man besser …“ Für Baru, den fanatischen Rockmusikfan, dürfte das die ultimative Absage ans Thema gewesen sein.

Also erzählt er im neuen Band, das gerade übersetzt in der Edition 52 erschienen ist, etwas ganz anderes, aber das betrifft ebenso die Familiengeschichte des Autors. „Bella Ciao“ heißt das hundertdreißigseitige Album, und es ist das ungewöhnlichste in der mehr als fünfunddreißig Jahre umfassenden Karriere Barus. Weil er darin die Formen mischt: Fiktion, Dokumentation, Selbstauskunft, Allegorie, Fotovariationen, ja sogar ein Kochrezept, und auch zwischen Schwarzweiß und Farbe findet ständiger Wechsel statt, einmal sogar auf derselben Seite. Was will Baru?

Geschichte mittels einer Geschichte erzählen. In diesem Fall ein – zumal in Deutschland – weitgehend unbekanntes, zumindest aber vernachlässigtes Geschehen, das für ihn aber von größter Bedeutung ist: die massenweise Emigration italienischer Arbeiter nach Frankreich im späten neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert. Das sind Barus Wurzeln, er entstammt der Arbeiterklasse, auch wenn er zunächst Sportlehrer wurde, bevor ihm sein Erfolg als Comiczeichner die Aufgabe jenes Berufs ermöglichte. Es gibt auf mehreren Titelbildern seiner Comics das Motiv von lothringischen Stahlwerken – als wer da ein zeichnender Schwager von Bernd und Hilla Becher zugange. Diese Industriearchitektur dient als eine Art persönliches Emblem seit dem Durchbruch mit der Trilogie „Quequette Blues“ in den achtziger Jahren. Die schlug den für Baru typischen autofiktionalen Ton an, der seine Glaubwürdigkeit weniger aus unmittelbar übernommenen Erlebnissen gewinnt, sondern aus erlebten Stimmungen. Und Baru steht immer auf der Seite der gesellschaftlichen Außenseiter.

So natürlich auch wieder in „Bella Ciao“, dessen Titel einmal mehr die Szenerie einer lothringischen Industrieanlage vor blutrotem Himmel in Szene setzt. Dann aber startet der Band in Schwarzweiß mit dem Bericht über ein Massaker im Département Ardèche (die Leseprobe des Verlags ist komplett daraus entnommen: https://edition52.de/wp-content/uploads/LESEPROBE-_-NEW__II__-BARU.pdf), bei dem 1893 zehn Italiener getötet wurden: von französischen Landarbeitern, die in ihnen Konkurrenten sahen. Es gibt keinen direkten familiären Zusammenhang für Baru, aber er beschließt diesen Auftakt zu „Bella Ciao“ mit einer Porträtserie der zehn Getöteten, für die er mangels authentischen Bildvorlagen Bilder von italienischen Auswanderern verwendet hat, die zehn Jahre später aufgenommen wurden, in dem Ort, über den sein eigener Großvater emigriert war. Den zog es indes nicht in die Ardèche, sondern nach Lothringen, in den damals noch Frankreich verbliebenen Teil dieser Schwerindustrieregion.

Deren ökonomischer Niedergang in der Nachkriegszeit war bisher die Folie vieler von Barus Comics. Hier ist es anders; wir begleiten mehr als ein ganzes Jahrhundert schon im ersten Band (das Album ist mit „uno“, also eins, bezeichnet, ist aber keine auf Fortsetzung getrimmte Geschichte), also auch den Aufstieg. Wobei der Fokus auf dem Alltagsleben der italienischstämmigen Arbeiter liegt, nach dem Auftaktkapitel als in jeder Hinsicht farbige Erzählung eines stark an Barus eigene Vergangenheit angelehntes Familienleben. In dem es zu wilden Diskussionen bei den großen Zusammenkünften kommt, politischen und privaten Inhalts. Beides vermischt sich ständig. Und die ausgiebigste Erörterung gilt der Herkunft des weltberühmten Partisanenlied „Bella Ciao“, das auch dem Band den Titel gibt. In der Aufzählung der verschiedenen Formen weiter oben hätte unbedingt auch hineingehört: Sachbuch. Denn was man über „Bella Ciao“ wissen kann, das erfährt man hier.

Was die Brillanz des Albums ausmacht ist nicht nur der hier zur Vollendung gereifte Personalstil Barus mit den bekannten Posen und Physiognomien und Pathosformeln seiner Figuren, die sie uns wie alte Bekannte begrüßen lässt (es gibt geradezu genormte Baru-Panels, die er strategisch als Selbstzitate einsetzt, so hier etwa ins Meer stürmende Kinder), sondern mehr noch der Hybridcharakter der Erzählung, die gerade in ihrer Zersplittertheit dem Thema des Ortsverlusts bei Emigration gerecht wird, der durch eine Identitätsbehauptung kompensiert werden soll. Mit „Bella Ciao“ lernt man somit nicht nur immens viel über die Vergangenheit Italiens und Frankreichs, sondern auch über die Gegenwart im ganzen Europa, wenn nicht gar der ganzen Welt. Und das eingebettet in die persönlichen Kommentare Barus zur Entstehung des Comics und zu seinem italienischen Erbe. Ciao bellissimo!


1 Lesermeinung

  1. maylou sagt:

    Eins finde ich schade
    Das Lettering der Übersetzung. Die französische Ausgabe (habe die Leseprobe bei dem großen Warenversender gelesen) ist handgeschrieben, die deutsche nicht. Das macht bei Comics einen Riesenunterschied aus. Ich werde die französische Ausgabe kaufen.

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