Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Wortlos macht sprachlos

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Es ist mittlerweile zweiundzwanzig Jahre her, dass in Frankreich beim damals wegweisenden Autorenverlag L’Association der mehr als ziegelsteindicke Band „Comix 2000“ (zweitausend Seiten und das Jahr 2000 im Blick) erschien: gefüllt mit Kurzgeschichten von 324 Beiträgern aus aller Welt, deren Geschichten zwei Dinge gemeinsam haben mussten: schwarzweiß, um die Druckkosten niedrig zu halten, und stumm erzählt, also ohne Worte, um die Übersetzungskosten niedrig zu halten (und den weltweiten Vertrieb zu begünstigen – mit Erfolg, denn der Band ist heute eine Rarität, bei Amazon beginnen die Preise bei zweihundert Euro). Da konnte man nicht nur einige der namhaftesten Künstler der damaligen Zeit versammelt finden, sondern auch etliche, die erst später berühmt wurden (Nicolas Mahler, Jochen Gerner, Mathieu Sapin, Guy Delisle, um nur wenige zu nennen). Und man bekam vorgeführt, wie anspruchsvoll man wortlos mit Bildern erzählen kann.

Das ist allerdings selbst auch anspruchsvoll, und auch wenn das Prinzip seit den Holzschnittbüchern von Frans Masereel eine lange Tradition hat, ist nicht allzu häufig über ganze Albenlänge stumm erzählt worden. Ein ganz aktuelles Beispiel für dieses Bemühen ist gerade bei Egmont erschienen: „Temple of Refuge“ von Sartep Namiq, der vor fünf Jahren als junger Mann aus dem Irak nach Deutschland kam. Aus seinen Erlebnissen und Erfahrungen im neuen Land machte er eine Geschichte, und um sie möglichst breit verständlich zu machen, wollte er sie als stummen Comic umgesetzt sehen – auch aus der eigenen Erfahrung mit Kommunikationsformen heraus, die auf andere Mittel setzen müssen als Worte. Der einzige Text, den das Buch enthält, ist ein kurzes Nachwort mit der Entstehungsgeschichte in sieben Sprachen.

Umgesetzt haben Namiqs Idee auf Initiative eines weltweit aktiven Netzwerks namens Gesellschaft der Neuen Auftraggeber. Es brachte den kurdischen Migranten mit drei erfahrenen Geschichtenerzählern zusammen: dem amerikanischen Science-Fiction-Autor Bruce Sterling, dem deutschen Drehbuchautor Matthias Zuber und dem deutschen Comiczeichner Felix Mertikat. Letzterer hat mit seiner Steampunk-Serie „Steam Noir“ Furore gemacht, aber danach wartete man lange auf einen neuen Comic. Da ist er nun, wobei er mit Steampunk nichts mehr zu tun hat, wie die Projektdokumentation der Neuen Auftraggeber zeigt: https://neueauftraggeber.de/de/projekte/die-neuen-auftraggeber-von-tempelhof. Zwar ist auch „Temple of Refuge“ in einer unbestimmten Zukunft angesiedelt, aber die ist eher dystopisch. Zumindest, was die gesellschaftlichen und klimatischen Zustände angeht. Solidarität auf privater Ebene dagegen spielt eine große Rolle.

Der Name des Bandes spielt auf Tempelhof an, die Berliner Flüchtlingsunterkunft auf dem ehemaligen Flughafen mitten in der Stadt, in der auch Namiq gelebt hat. Sie ist in zu einer Art Festung oder auch Gefängnis mutierten Form Mittelpunkt des Geschehens im Comic, von außen droht Gewalt durch Rassisten im Neonazi-Look, im Inneren Verelendung trotz gegenseitiger, alle Grenzen von Ethnien und Nationalitäten überwindender Hilfe. Ein junger Mann, auf dem Weg durch Wüsten und übers Meer durch einen etwas älteren Schicksalsgenossen beschützt, muss sich in diese Welt einfinden, und der Rückschläge sind viele – bis hin zum Tod des Beschützers. Aber die hellen Farben von „Temple of Refuge“ lassen von Beginn an schon das Ende anklingen, das die Dystopie zur Utopie macht, mit Bildern, die an Phantasiewelten von Francois Schuiten oder Moebius erinnern.

„Temple of Refuge“ ist kein großer Comicwurf, aber einer mit den besten Absichten – bis hin zum Verzicht der vier Autoren auf etwaige Gewinne, die stattdessen an die auf dem Mittelmeer aktive Hilfsorganisation Sea-Watch gehen würden. Möge es entsprechende Verkäufe geben. Wem die Handlung zu schlicht ist, der kann sich an den Mitteln ergötzen, die Mertikat und seine Szenaristen gefunden haben, um wortlos zu erzählen. Das macht bisweilen – im guten Sinne – sprachlos.


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