Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Notwendigkeit der Uneindeutigkeit

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Es ist verführerisch, immer wieder Laura Dern zu schreiben statt Laura Dean. Und womöglich hat sich Mariko Tamaki ja auch etwas bei der Namenswahl für die Titelfigur ihres Comics gedacht. Assoziationen zu einer  bekannten Hollywood-Schauspielerin können sicher nichts schaden, zumal wenn auch die gezeichnete Laura, groß und schlaksig und blond ist – ein all American girl, everybody’s darling. Doch wie bei Laura Dern täuscht auch bei Laura Dean das klischeegerechte Äußere über die Abgründe des Inneren hinweg.

Allerdings gehören beide ganz anderen Generationen an. Laura Dern ist mittlerweile Mitte fünfzig, Laura Dean geht noch zur Schule. Auf eine Schule im kalifornischen Berkeley, sie ist siebzehn, und der Schwarm aller Mitschüler. Auch und gerade der weiblichen, und ganz besonders verliebt in Laura Dean ist Frederica Riley, genannt Freddy. Beide sind auch zusammen, seit sie bei einer Squaredance-Veranstaltung ihren Spaß aneinander entdeckt haben. Nur ist Laura Dean so flatterhaft wie nur denkbar, eine  Hedonistin, die für das eigene Vergnügen zwar nicht über Leichen, aber jedenfalls über die Gefühle ihrer Parteninnen hinweg geht. Mariko Tamakis Titel lässt keinen Zwiefel an dieser Konstellation: „Laura Dean und wie sie immer wieder mit mir Schluss macht“ heißt der 2019 in den Vereinigten Staaten erschienene Band.

Es handelt sich um einen amerikanischen Comic im typischen Graphic-Novel-Format (fast 300 Seiten) mit starkem Manga-Einschlag, wie die Leseprobe sofort zeigt (https://www.carlsen.de/softcover/laura-dean-und-wie-sie-immer-wieder-mit-mir-schluss-macht/978-3-551-76590-1). Diese Manga-Anleihen verdanken sich aber nicht Mariko Tamaki, die ja gar keine Zeichnerin ist, sondern Szenaristin. Als solche wurde sie bekannt durch Comics, die ihre Cousine Jillian Tamaki gezeichnet hat: „Ein Sommer am See“ aus dem Jahr 2014 etwa gilt als einer der besten Coming-of-age-Comics aus weiblicher Perspektive, und schon damals stand eine lesbische Faszination im Zentrum des Geschehens.

Das war klassische nordamerikanisch-autobiographische Erzählkunst (Tamaki ist Kanadierin), doch für ihre Rückkehr ins Erzählen übers wahre Leben (die Autorin hat zwischenzeitlich auch Superheldinnen-Geschichten geschrieben: für die Serien „Tomb Raider“, „Supergirl“ und „Harley Quinn“ und jüngst erst für „Spider-Man & Venom“) suchte sich die Szenaristin eine Zeichnerin aus, die im Alter den Figuren etwas näher steht als sie selbst (Tamaki ist Jahrgang 1975): Rosemary Valero-O’Connell ist noch keine dreißig und generationenbedingt mit Manga großgeworden. Und ihr amerikanisch-japanischer Hybridstil passt perfekt zur Geschichte. Für diese Leistung hat sie im vergangenen Jahr den Eisner Award, eine der wichtigsten Comicauszeichnungen in den Vereinigten Staaten, gewonnen.

Alles ist im Fluss in diesem Comic, verstrickt sich miteinander, die Akteure nicht weniger als die Bilder. Und alles ist ambig, nicht festzulegen auf ein Leitbild, Diversität ist das Ideal der Lebensentwürfe dieser jungen Kalifornier und man ist frei in der Wahl der Personen, in die man sich verliebt, doch Laura Dean zeigt auch die Grenzen dieser Wahlfreiheit auf. Freddy Riley ist ihr nahezu hörig und vernachlässigt darüber die wahre Freundschaft und den Rückhalt, die ihr drei andere Mitschüler bieten: Eric und Buddy, ein schwules Paar, und die schüchterne Deirdre, genannt Doodle.

Sie ist das Mauerblümchen im aufblühenden Freundeskreis, doch am Schluss wird sie die radikalste Entscheidung treffen. Bis es dazu kommt, gehen wir aber erst einmal mit Freddy durch die Höhen und Tiefen ihrer Beziehung mit Laura Dean, schütteln mit ihr den Kopf über die Skrupellosigkeit der vergötterten Schönheit und schütteln über sie den Kopf, dass sie die Seelenschönheit anderer Frauen, die ihr begegnen, nicht erkennt. Die emotionale Achterbahnfahrt wird von der Seitenarchitektur gespiegelt: in immer wieder herangezoomten Bildausschnitten, die kaum noch erkennen lassen, was sie zeigen, in denen die Körper mit ihrer Umwelt verschmelzen, jede Individualität ausgelöscht wird und Materialität in den Vordergrund tritt. Zugleich suggeriert die zwischen Rosa und Orange angesiedelte Zusatzfarbe eine sonnige Niedlichkeit, die diese Geschichte niemals hat. Der Comic ist ein Schlachtfeld, und er könnte auch blutrot getönt sein. Dass er es nicht ist, verdankt sich den ebenso uneindeutigen Lebensentwürfen seiner Protagonisten.

Nur Laura Dean ist eine eindeutig charakterisierte Figur, die nicht an sich zweifelt. Dagegen wird die Handlung eingerahmt von den Fragen Freddys an eine Online-Kolumnistin zum Thema Liebe, die lange schweigt, ehe am Schluss des Bandes dann doch eine Antwort kommt, die    so etwas wir die Botschaft der ganzen Geschichte darstellt. Man mag das plakativ nennen, aber nach all dem Wirrwarr der vorausgegangenen Tage (und auch wenn man das Gefühl hat, ein halbes Teenager-Leben zu begleiten, handelt es sich nur um einen Handlungszeitraum von wenigen Wochen) wäre es eine dubiose Heroisierung Freddy gewesen, wenn sie sich daraus ganz allen gelöst hätte. Dann wäre sie so eindeutig als Klischee gezeichnet wie Laura Dean.

Und dazu ist Mariko Tamaki viel zu klug. Überhaupt ist es bemerkenswert, wie authentisch das von ihr vermittelte Lebensgefühl der heutigen Jugendlichen erscheint. Nicht, dass ich es beurteilen könnte, aber die Leistung großer Erzählkunst liegt ja in der Suggestion von Wahrhaftigkeit, und das gelingt „Laura Dean und wie sie immer mit mir Schluss macht“ wunderbar. Das liegt nicht zuletzt an Annette von der Weppens unprätentiöser Übersetzung. Für den Titel des Bands in seiner deutschen Umständlichkeit kann sie vermutlich nichts: „Laura Dean Keeps Breaking Up With Me“  hißt das Original, und man würde gerne wissen, was dem Carlsen-Verlag an „Laura Dean macht immer wieder mit mir Schluss“ missfallen hat.

Aber apropos Carlsen: Respekt für diese Programmergänzung! Nicht, dass es schwierig gewesen wäre, Mariko Tamaki zu entdecke;, das hatte schon Reprodukt für Deutschland übernommen. Aber die Konsequenz, mit der der Hamburger Verlag Diversität zum Thema seiner Comics macht, ohne dabei banal oder gefällig zu werden, ist bemerkenswert. Nach dem Manga „My Genderless Boyfriend“ von Tamekou (https://blogs.faz.net/comic/2021/04/19/dies-und-jenseits-aller-geschlechtsgrenzen-1714/) ist das in diesem Frühjahr schon das zweite Meisterwerk zum Thema. Das dritte, soweit ich es sehe, ist dann wenigstens bei einem anderen Verlag gelandet: der Edition Moderne : Lina Ehrentrauts „Melek und ich“. Dazu demnächst an dieser Stelle mehr. Jetzt bin ich erstmal stolz, keinmal aus Versehen Laura Dern geschrieben zu haben, wo Laura Dean hingehört.


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