Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Da steht nicht nur der Titel Kopf

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Wie in der Vorwoche an dieser Stelle angekündigt, folgt hier der dritte beachtliche Comic mit Gender-Identitätsthematik, der mir im Zeitraum von nicht einmal vier Wochen auf den Schreibtisch kam. Um einem Missverständnis vorzubeugen: Gute Absicht macht noch keine gute Kunst. Oder gute Verlagsarbeit. Dass derzeit alleHäuser auf der Suche nach solchen Themen sind, wird es eher schwieriger machen, noch einmal ein solches Trio zu versammeln – im Gegensatz zu vielen glaube ich nicht daran, dass höhere Zahl auch proportional oft höhere Qualität hervorbringt. Was mich bewegt, ist – ein anderes Modewort, aber im Deutschen gibt’s kein unbelastetes Äquivalent – Authentizität. Gut, Ehrlichkeit könnte man sagen.

Authentisch ist der Comic „Melek + ich“ von Lina Ehrentraut. Bis hin zu einem so schmerzhaften sprachlichen Quatsch wie dem Wort „Freund*innenschaft“. Hätte Ehrentraut analog auch „Herr*innnenschaft“ geschrieben? Natürlich  nicht, das generische Maskulinum ist nur da der Feind, wo es semantische Privilegien geschlechtlich monopolisiert. Das meist negativ konnotierte „Herrschaft“ können die Männer deshalb gerne exklusiv behalten. Aber Schluss jetzt mit diesem Begriffsgestöber. Mich schaudert’s ja selbst.

Bei „Melek + ich“ dagegen prickelt’s. Oder prickelt’s bei „Ich + Melek“? Denn auf dem Cover ist der Titel gegenüber dem Buchrücken vertauscht zu lesen. Schon das ist ein veritabler Kunstgriff, der typographisch noch dadurch verstärkt wird, dass je nach Perspektive die zweite Person des Titels kopfüber gedruckt zur ersten steht (hier ansehen: https://www.editionmoderne.ch/buch/melek-ich/, dort ist auch gleich die Leseprobe zu finden). Überhaupt: die neue Gestaltung des mittlerweile vierzig Jahre alten Schweizer Verlags Edition Moderne. Die neuen Chefs im Haus, Julia Marti und Claudio Barandun, machen gestalterisch alles selbst, und sie haben bereits nach zwei Jahren etwas geschafft, was man seit zwei Jahrzehnten, als Großverlage wie Suhrkamp oder Diogenes ihre graphischen Alleinstellungsmerkmale beim Buch-Design aufgaben, nicht mehr gesehen hat: Mut zur Individualität durch Wiedererkennbarkeit. Klingt paradox, ist aber sehr geschickt.

Immer noch nichts Inhaltliches zu Ehrentrauts Comic gesagt. Nun jedoch! In einer größeren Stadt, in der man gerne Elemente eines Leipziger Szeneviertels wiedererkennen darf, lebt die Wissenschaftlerin Nici. Sie bastelt an nicht weniger als einer Maschine, mit der sie in Paralleluniversen reisen kann. Wobei sie dafür noch eine weitere Maschine braucht, die ihre Persönlichkeit auf einen Körper überträgt, der stabil genug ist für die transuniversale Reise. Das alles wirkt wie aus „Frankenstein“ übernommen, mit viel elektronischem Blitz und Donner, wobei unklar ist, wo der zweite Körper eigentlich herkommt. Tatsache ist: Bei seiner Konstruktion hat Nici einiges korrigiert, was ihr an sich selbst missfällt. So wird aus der kurzhaarigen kompakten Blonden eine schwarzhaarige große Frau.

Im Paralleluniversum angekommen, trifft sie auf die dort lebende Nici, die nicht Wissenschaftlerin geworden ist, sondern Kneipenmitarbeiterin. Außerdem ist sie gegenüber der ursprünglichen Nici weitaus unordentlicher, aber deren schwarzhaarige Wiedergängerin, die sich selbst Melek nennt, verliebt sich trotzdem in sie – et vice versa. Wie nennt man eine Affäre mit sich selbst? Inzest nicht, und Lina Ehrentraut hat genug Geschick, gar kein Unwohlsein beim Lesen aufkommen zu lassen, obwohl es durchaus explizit zur Sache geht. Die Phantastik des Themas mag da helfen. Die spürbare Ernsthaftigkeit der Liebe. Und die Tatsache, dass Melek die ganze Zeit darüber nachdenkt, was sie da tut. Kopf und Körper verliert sie dennoch.

Letzteren sogar buchstäblich, denn durch ein Unglück wird ihre Persönlichkeit wieder ins Ausgangsuniversum zurückgeschleudert und Meleks Hülle bleibt als scheinbare Leiche bei der chaotischen Nici. Nun haben wir zwei enttäuschte Liebende, getrennt in zwei Welten lebend. Wie’s weitergeht, verrate ich hier nicht. Nur so viel: Es geht gut aus.

Lesbische Liebe, Körpertausch, Migration durch Parallelwelten – noch mehr Diversität gefällig? Dann schaue man sich das stilistische Wechselspiel dieses Comics auf, denn Lina Ehrentraut schneidet ihrer schwarzweißen Geschichte immer wieder knallbunt gemalte Bildsequenzen zwischen, vor allem bei den Reisen durch den Raum und bei Liebesakten. Da explodieren die Farben und Symbols, mal abstrakt wie bei Kandinsky, dann wieder symbolisch wie bei Keith Haring. Kein Wort wird in der farbigen Parallelwelt dieses Comics gesprochen, da ist alles Gefühl und Physik. Oder Metaphysik, denn was da erzählt wird, geht über die uns vertrauten Mechanismen hinaus Wie es j bei jeder ernsthaften Liebe ist.

Einordnen lässt sich Lina Ehrentraut mit ihrem Stil  nicht. Und das ist ja nur ein Zeichen seiner Qualität. Ihrer Qualität In ihrem Wohnort Leipzig ist die 1993 geborene Zeichnerin gerade dabei, die Wachablösung der dortigen Comic-Prominenz (Anna Haifisch, Max Baitinger, Phillip Janta) insofern durchzuführen, als das von dieser fast zehn Jahre lang durchgeführte Festival „Millionaire’s Club“ nun abgelöst wird durch eine ähnliche Independent-Veranstaltung, die vom Squash-Kollektiv, dem Ehrentraut angehört (und dessen bekanntestes Mitglied sie ist), ausgerichtet werden wird. Wer sich über die Leipziger Comicszene einmal eingehend informieren möchte, unter anderem auch durch ein Gespräch mit Ehrentraut, Haifisch und Baitinger, dem empfehle ich die gerade erschienene neue Folge des Podcasts “Leipzigs Neue Seiten” von Nils Kahlefendt: https://podcasts.apple.com/de/podcast/folge-2-comics-in-le-oder-wer-wird-millionaire/id1557642625?i=1000522077151. Man schätzt sich zwischen den Zeichnerinnengenerationen in Leipzig: Anna Haifisch schlug Lina Ehrentraut 2019 für den e.o.plauen-Förderpreis vor. Das wird nicht die letzte Auszeichnung gewesen sein, die sie bekommen hat. Mit „Melek + ich“  ist sie reif für die großen Preise.


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