Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Historischer Machtkampf wie gemalt

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Die Comiczeichnerin Kristina Gehrmann erweist sich immer mehr als Expertin für historische Darstellungen, aber wer glaubte, es gäbe dabei einen roten Faden durch die Geschichte, den sie verfolgte, oder auch nur eine eindeutige zeitliche Entwicklung, der wird von ihr  zuverlässig eines anderen belehrt. Im Rostocker Hinstorff Verlag, einem Fixpunkt maritimer Literatur in Deutschland, brachte sie ihre dreibändige Erzählung „Im Eisland“ über die berühmte Franklin-Expedition heraus – angesiedelt also im mittleren neunzehnten Jahrhundert im subpolaren nordamerikanischen Meer. Dafür bekam sie den Deutschen Jugendliteraturpreis. Und einen neuen Verlag, denn berühmt geworden, wechselte sie zu Carlsen, dem Flaggschiff des deutschsprachigen Comics, und publizierte dort ihre Adaption des Romans „Der Dschungel“ von Upton Sinclair. Das war dann spätes neunzehntes Jahrhundert in den Schlachthöfen von Chicago. Und jetzt ist, wieder bei Carlsen, der bislang ambitionierteste Band von Gehrmann erschienen: „Bloody Mary“ heißt er, und es geht darin nicht etwa um einen Mixdrink, sondern um die englische Königin Mary Tudor. Also diesmal sechzehntes Jahrhundert.

In Deutschland kennt man die älteste Tochter des berüchtigten Königs Heinrich VIII. weitaus weniger gut als deren jüngere Schwester (und Nachfolgerin auf dem Thron) Elizabeth I. Mary entstammte Heinrichs erster seiner vielen Ehen, mit der spanischen Prinzessin Katharina von Aragon. Diese Ehe blieb söhnelos, und so betrieb der englische Herrscher auf diplomatischem Wege beim Papst die Scheidung. Als das nichts fruchtete, verabschiedete sich Heinrich mitsamt seinem Herrschaftsgebiet aus dem Schoß der katholischen Kirche und gründete die Church of England, was im Zeitalter der Reformation nur zeitgemäß war, aber einige kirchentreue Untertanen den Kopf kostete, darunter als berühmtesten den Lordkanzler Thomas Morus.

Nicht ganz überraschend blieb auch Königin Katharina der Kirche treu; nicht nur sie selbst hatte etwas zu verlieren, sondern auch ihre 1516 geborene Tochter Mary, Heinrichs bislang einziges Kind, das ihm aber als Frau ungeeignet für seine Nachfolge erschien. Als die willfährigen englischen Bischöfe ihrem Landesherren die Scheidung bewilligten, schien der Traum vom Thron für Mary vorbei, doch mit seinen weiteren Frauen hatte Heinrich auch keinen rechten Erfolg: Anne Boleyn brachte Elizabeth zur Welt, verlor aber den Kopf auf dem Schafott, ehe ein Sohn kommen konnte, mit Jane Seymour zeugte Heinrich dann tatsächlich den gewünschten Erben, aber die deshalb vergötterte Gattin starb noch im Wochenbett, alle weiteren Ehen bis zum Tod des Königs 1547 blieben kinderlos.

Da war Heinrichs Sohn Edward erst zehn Jahre alt, und keine sechs Jahre später war auch er bereits gestorben, immerhin „friedlich“ im Bett, an einer Krankheit. Plötzlich war Mary wieder Nummer eins der Thronfolge, gehörte aber weiterhin der katholischen Kirche an, was den gerade erst richtig zu Einfluss gelangten Parteigängern der autonomen Church of England gar nichts passte. Immerhin konnte ein Bürgerkrieg schnell beendet werden – zugunsten Marys. Die regierte dann fünf Jahre lang, ehe auch sie kinderlos starb und mit ihrer Halbschwester Elizabeth eine Königin auf den Thron kam, die dort fast ein halbes Jahrhundert bleiben sollte und England als Weltmacht etablierte. Was von Marys Regierung bleib, war der wegen ihrer brutalen gegenreformatorischen Politik vom Volksmund geprägte Schmähname „Bloody Mary“.

Man sieht: Die Geschichte einer Königin kann in  drei Absätzen erzählt werden. Es könnten aber auch gut tausende von Seiten sein. Kristina Gehrmann wählt mit knapp über dreihundert Seiten einen Mittelweg, aber es ist schon verblüffend, was sie in dem konsequent auf Marys Perspektive reduzierten Handlungsverlauf alles miterzählt. Erstmals hat sie einen Comic bunt angelegt, wobei die Farben abgeschattet sind, wie aus zeitgenössischen nordischen Renaissancegemälden übernommen. Und als einmal die englische Flotte gegen Frankreich ausläuft, malt Gehrmann einen Himmel à la William Turner. Das Titelbild dagegen ist ganz im opulenten Porträtstil von Hans Holbein dem Jüngeren gehalten. Ja, es ist kunstvoll – erzählerisch und graphisch –, was hier passiert. So sieht es aus: https://www.carlsen.de/comics/bloody-mary-das-leben-der-mary-tudor.

Doch das alles soll nur ein Vorspiel sein, eine dreihundertseitige Ouvertüre zum nächsten Projekt der Kristina Gehrmann, der Comicbiographie von Marys Schwester Elizabeth  „Gloriana“ soll der heißen, und wenn nicht alles täuscht, bereitet Gehrmann mit diesem Tudor-Projekt eine Parallelaktion oder besser: einen Nachfolgezyklus zu Hilary Mantels weltweit erfolgreicher Romantrilogie über Thomas Cromwell vor, die die Tudor-Frauen in den Blick nimmt. Man darf hochgespannt sein, wie es in „Gloraina“ weitergeht, und ob Elizabeths Leben tatsächlich in einem Band darzustellen sein wird. Selbst wenn es dann erst mit dem Regentschaftsbeginn 1558 losgehen sollte, bleiben noch dreiundvierzig Jahre, mehr, als Marys Leben währte, und das alles im Range einer Königin.

Wird Gehrmann damit der Schritt über den deutschen Comicmarkt hinaus gelingen? Das Zeug dazu hat sie, und wenn man sieht, wie sich ihr Stil verändert – weg von den Manga-Einflüssen von „Im Eisland“ hin zu einer realistischen Darstellungsweise, wie sie etwa Barbara Yelin schon populär gemacht hat (auch international), dann darf man wohl einiges erhoffen. Aber wird die englischsprachige Welt akzeptieren, dass eine deutsche Zeichnerin ihr die eigene Vergangenheit vor Augen führt? Das Zeug dazu hat „Bloody Mary“, und es ist klug, dass Gehrmann nicht gleich mit der Ikone, mit Elizabeth I., begonnen hat. Bei der armen bösen Mary Tudor hat sie keine Konkurrenz. Und ob ihr nach dieser Vorlage noch die Berechtigung absprechen wird, sich an der Virgin Queen Elizabeth zu versuchen, darf man bezweifeln. Ein reifes Werk.


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