Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Interessevolles Wohlgefallen

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Was um alles in der Welt interessiert einen Schweizer an Kaiser Wilhelm II.? Wozu sind die Eidgenossen denn vor Hunderten von Jahren ihre Monarchen losgeworden, damit nun einer von jenen einen der Umstrittensten von diesen mit einem Comic bedenkt? Wobei „Der Kaiser im Exil“ keine Hagiographie ist, auch keine Biographie, sondern eine – wenn es das denn gibt – Psychographie, ein Verstandesbild. Den Schweizer Comiczeichner Jan Bachmann interessiert, wes Geistes Kind Wilhelm II. gewesen ist.

Nun weiß man viel über diesen Mann, doch möchte man alles wissen? Über den in die Niederlande geflüchteten letzten deutschen Kaiser mag ausreichen, was in Peter Schamonis atemraubend guten Dokumentarfilm „Majestät brauchen Sonne“ gesagt und vor allem gezeigt wird. Auch schon zweiundzwanzig Jahre alt, aber neben der mehrbändigen Biographie von John C.G. Röhl immer noch das letzte Wort zu Persönlichkeit und Peinlichkeit dieses Herrschers – beides ist bei ihm untrennbar.

Das zeigt auch Bachmanns Comic, der aus den Quellen gearbeitet ist, konkret aus Erinnerungstexten der Entourage des exilierten Hohenzollern. Dabei stehen nicht einmal die Jahre in Haus Doorn im Mittelpunkt, sondern das erste Exildomizil, im Wasserschloss Amerongen, dessen Eigentümer, Graf Bentinck, vom niederländischen Außenministerium gebeten wurde, Wilhelm ein paar Tage aufzunehmen, aus denen dann fast zwei Jahre wurden. Die Konstellation aus relativ kleinadligem Hausherrn und ausgesprochen hochadligem Gast bietet schönes Potential fürs Psychogramm einer Klasse.

Aber das wiederum interessiert Bachmann nicht. Zuvorderst, so vermute ich, hat ihn die Kombination aus Epoche und Abgeschiedenheit gereizt, denn war nach einem Erich-Mühsam-Comic und einem über die Künstlerkommune des Monte Verità nun im dritten Album Wilhelm II. in den Blick nimmt, der hat gewiss keine politische, ästhetische oder soziologische Trias als Ziel, sondern setzt seine Erörterung jenes Signums fort, das das frühe zwanzigsten Jahrhundert seinen unglücklichen Zeitgenossen aufgeprägt hat. Nostalgisch ist daran gar nichts. Das machte Bachmann schon mit seinem 2018 erschienenen Debüt „Mühsam“ klar (auch damals wie jetzt wieder verlegt von der Edition Moderne), das einen hochnervösen Zeichenstil mit Figuren von grotesker Elastizität aufwies, den man als inspiriert oder auch Plagiat von Joann Sfar betrachten konnte. Aber viel moderner konnte der 1986 geborene Schweizer natürlich nicht stehlen.

Über „Der Berg der nackten Wahrheiten“ (2019) bis zum „Kaiser im Exil“ hat sich Bachmann aber von Sfar wegentwickelt; momentan sehe ich die engste graphische Verwandtschaft zu Max Baitinger, weil eine Stilisierung in die Fiigurendarstellung eingezogen ist, die geometrische Züge aufweist. Wobei es auch Ausreißer wie die Kaiserin gibt, deren liniengespenstisches Gesicht direkt aus einem Comic von José Munoz stammen könnte. Bei Bachmann tut sich etwas, auch wenn mir die ganz persönliche Note in seinen Bildern noch fehlt. Aber die serigraphieartige Farbgebung à la Dupuy & Berberian ist schon ungewöhnlich und sehr gelungen: https://www.editionmoderne.ch/buch/der-kaiser-im-exil/ bietet davon einen wunderbaren Eindruck.

Und der Erzähler Bachmann ist auf allerbestem Weg. Auch bei den beiden früheren Bänden boten die unmittelbaren Schilderungen der Beteiligten die Grundlage für die Texte, diesmal jedoch sind sie noch etwas in der Menge zurückgenommen, und immer wieder sind ganzseitige textlose Bilder zwischengeschaltet, die uns in einen von Holzmasken bevölkerten Wald versetzen – Abbild von Wilhelms manischer Beschäftigung im Exil, die im Niederlegen von Bäumen bestand, deren Zahl am Ende nur noch in Tausenden zu fassen war. Eine schönes Metapher als das Abholzen hätte sich ja niemand für Wilhelms Lebensweg ausdenken können; Jan Bachmann macht daraus denn auch das Leitbild für seine 150 Seiten.

Wer sich wundert, dass ein berühmtes Detail der Persona Wilhelms II., der durch einen Geburtsfehler verkürzte linke Arm, nicht dargestellt wird, dem sei gesagt, dass auch das allerberühmteste Detail, der exzentrische Bart des Kaisers („Es ist erreicht“) , nur insofern Beachtung im Comic findet, als er wie ein verquerer Dreizack am Kinn hängt – das hätte Nicolas Mahler sich nicht besser ausdenken können. Was den Arm angeht: Die Verkrüppelung hätte vom mentalen Zustand Wilhelms abgelenkt, die hier zum Ausdruck gebracht werden soll, hätte äußere Gründe für innere Zustände nahegelegt, deren Erklärung aber gar nicht in Bachmanns Interesse liegt. Er liefert eine groteske Phänomenologie des Kaisers, die ihren Reiz daraus zieht, auf realen Zeugnissen zu beruhen. Da ist die „Heilung“ von Wilhelms Handicap nur konsequent: Gerade weil er nicht körperlich beeinträchtigt ist, wird der Geisteszustand umso bemerkenswerter (um es neutral auszudrücken).

Dieser Comic ist klug und macht Spaß. Das geht bei historischen Themen abseits des Phantastischen (Asterix) nicht oft zusammen. So viel Beachtung die ersten beiden Comics von Bachmann auch bereits gefunden haben, mit „Der Kaiser im Exil“ dürfte er den Durchbruch geschafft haben. Und selbst wenn er jener Zeit treu bleiben sollte, sind der Themen noch viele, die seines spezifischen Blicks bedürfen, um uns noch einmal übers Altbekannte hinaus neu zu fesseln. Und das interessiert uns.


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