Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Verschönerung durch Verstörung

Die untere Hälfte des Umschlagbildes ist knallgelb, darauf steht in schwarzer Groteskschrift ein fettes „Cheese“. Das passt farblich, aber wie wir Anglophon-Pidginsierten alle wissen, bezeichter „Cheese“ auch das kollektive Kommando zum Lächeln bei Gruppenaufnahmen: Breiter lässt sich der Mund kaum nach oben ziehen. Und deshalb ist es von eigenem Witz, dass die obere HGälfte des Covers einen Kopf zeigt, der das Gesicht in den Händen vergraben hat und dessen Mund- und Kinnpartie abgeschnitten sind. Weniger mimische Fröhlichkeit kann man sich kaum vorstellen.

Es gibt in der Tat wenig zu lachen in „Cheese“, einer schwarzweißen Sammlung von kunterbunten Ereignissen rund um eine Hauptfigur, die denselben Namen trägt wie ihre Zeichnerin: Zuzu. Wobei das ein Künstlername ist, bürgerlich heißt die 1996 geborene Zeichnerin Giulia Spagnulo, und nach dem 2019 erschienenen Debüt hat sie in Italien schon ein zweites Album vorgelegt: „Super Amedeo“, auch wieder von Coconino Press verlegt, dem wichtigsten italienischen Avantgarde-Comicverlag. Früher wäre das eine Garantie dafür gewesen, dass Zuzu auf Deutsch bei Avant erscheint, denn niemand hatte ein so großes Interesse am italienischen Independent-Comic wie Hannes Ulrich, der Verleger von Avant , der deshalb auch Coconino-Titel in großer Zahl herausbrachte. Dann aber gingen die jüngeren Alben des italienischen Vorzeigekünstlers Gipi an Reprodukt, und nun hat sich die gerade auf Entdeckungsfahrt befindliche Edition Moderne den Band von Gipis Protegée Zuzu gesichert. Und es sofort mit dieser genialen Umschlagidee gegenüber der italienischen Originalausgabe veredelt. Aber das Lob der Gestalter der Edition Moderne habe ich ja erst kürzlich an dieser Stelle gesungen.

„Cheese“ selbst ist graphisch denkbar sperrig, wie die Leseprobe zeigt: https://www.editionmoderne.ch/buch/cheese/. Zuzu zeichnet ihre Figuren bewusst hässlich, oder sagen wir lieber: deformiert, am drastischsten im Fall ihres Alter Egos, die mit einer endlosen dunkel schraffierten Nase gegen alle gängigen weiblichen Schönheitsideale angetreten scheint und anlässlich der emotionalen Höhe- (oder leider meist: Tief-)punkte buchstäblich ihr Innerstes nach außen kehrt. Überhaupt ist der Selbstekel der Zuzu des Buchs eine Konstante, und dazu gehört auch ihre Faszination für den angeberischen Macho Rocco, eine von drei wiederkehrenden Nebenfiguren. Die anderen zwei sind Zuzus beste Freunde; der dürre Dario und der dicke Ricardo, beide wie Zuzu Außenseiter im eigenen wie im Verständnis der Außenwelt. Gemeinsam schlagen sie sich durch eine anonyme italienischen Stadttristesse und die Zeit tot.

Das klingt deprimierend, und aus der Sicht des Trios ist es das auch, aber wie die Zeichnerin Zuzu die zwischen Verzweiflung und Beharrung wechselnde Stimmung ihrer Protagonisten darstellt, das ist bei aller gelegentlichen Unappetitlichkeit der Bildmetaphern und dem Willen zum  Deformierten der Körper von einer selten gesehenen Intensität. Erst kürzlich habe ich einen anderen Comicautor der Edition Moderne, Jan Bachmann, als Erben von José Munoz bezeichnet, aber Zuzu ist es noch viel mehr, wobei ihre ungelenken Zeichnungen auch noch einen guten Schuss von Gary-Panter-Ästhetik in die Bilder bringen. Der Verzicht auf mit dem Lineal angelegte Panelrahmen wiederum weckt Erinnerungen an Robert Crumb, und ganz generell wirkt Zuzu wie eine aus der Underground-Szene der achtziger Jahre wiedergeborene Zeichnerin. In Zeitschriften wie „Raw“ oder „Boxer“ wäre sie nicht unangenehm aufgefallen, heute dagegen hat ihre Ästhetik etwas Verstörendes. Gut, dass solche Art brut sich wieder einen Platz in den Bücherregalen erobert.

Was Gipi an Zuzu begeistert, ist klar: Beide verbindet der illusionslose Blick auf den italienischen Alltag jenseits des jugendlichen Ideals des abendlichen Corso oder der flirrenden Eleganz der Metropolen, wie die sich für Touristen präsentieren. Damit ist das Erzählte so nahe wie nur denkbar an einer Gegenwart, die sich Zuzu 2019 wohl kaum hätte vorstellen können, aber vorweggenommen hat: die hoffnungslose Jugend in einem pandemisch abgewrackten Europa.

Wir sind mitten im Prekariat: Das Italien von „Cheese“ ist trist, auch meistens menschenleer, als hätte die Sonne die Straßen leergebrannt; die einzige Szene, die das Personal über die vier zentralen Figuren hinaus ausweitet, ist der Besuch eines Clubkonzerts, das Zuzu in souveräner graphischer Starrheit inszeniert, ohne dabei einen Zweifel an der Euphorie der Besucher zu lassen. Einen ähnlichen Zwiespalt zwischen Unerfreulichkeit der äußeren Erscheinung und Begeisterung über die inneren Zustände empfinde ich bei der Lektüre. Verschönerung durch Verstörung. Das muss man aushalten wollen. Aber dann lernt man eine neue Erzählweise kennen. Und eine bemerkenswerte Erzählerin.