Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Monsterfreie Zone

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Wer eine Illustration fürs buchstäbliche Verständnis von Etikettenschwindel bekommen möchte, der greife zu diesem Buch. Es steckt in einer bedruckten Schmuckschlaufe, die dasselbe Motiv zeigt wie das Titelbild: eine Prozession farbenfroh gemalter, grundsympathisch aussehender Ungeheuer, manche wie aus Hieronymus-Bosch-Gemälden entstiegen, andere wie von den mit Ghibli-Animes projizierten Leinwänden herabgeklettert. „Gogo Monster“ lautet der Titel, und aus der wortassoziativen Nähe zu Gogo-Girls sollte man ein Defilée mythischer Figuren erwarten, wie es etwa Shigeru Mizuki in seinen diversen Yokai-Manga vorgelegt hat.

Stattdessen bekommen wir ein Psychodrama auf einer japanischen Schule geboten. Dafür hat Taiyo Matsumoto ein Händchen. Seine im vergangenen Jahr bei Carlsen begonnene, noch nicht abgeschlossene Serie „Sunny“ wurde vielgelobt (auch von mir: https://blogs.faz.net/comic/2021/02/01/mittelmangameisters-spitzenwerk-1687/), und „Gogo Monster“, im japanischen Original bereits 2001 erschienen, stellt thematisch so etwas wie den Vorläufer dazu da. Im Mittelpunkt stehen zwei Grundschüler (denen man allerdings die Zweitklässler, die sie sein sollen, beim besten Willen nicht abnehmen kann), Yuki Tachibana und Makoto Suzuki. Letzterer ist gerade von einer anderen Schule herübergewechselt, nachdem sich der Direktor der alten aufgehängt haben soll, Ersterer ist ein Einzelgänger, der im gesperrten dritten Obergeschoss des Schulgebäudes eine Gesellschaft nur von ihm wahrnehmbarer Monster vermutet. Wer nun vermutet, a) der Freitod des Direktors der anderen Schule habe irgendeine Bedeutung fürs Geschehen und b) man bekomme irgendwann Yukis Monstervisionen zu Gesicht, der irrt gleich doppelt.

Unter https://www.reprodukt.com/Produkt/manga/gogo-monster/ hält der Reprodukt Verlag eine Leseprobe parat, und sie ist repräsentativ: schwarzweiß und monsterfrei. Dagegen wird als Titelbild die Rückseite der Schmuckschlaufe präsentiert, womit wenigstens im Netz die Irreführung vermieden wird. Wobei nicht ausgemacht ist, dass man enttäuscht sein muss über das, was dann die 450 Mangaseiten füllt. Wie Matsumoto die versponnene Welt von Yuki vorstellbar macht, ohne sie je zu zeigen, das ist beeindruckend. Er bedient sich den optischen Kniffs von Horrorfilmen, wenn er leere Treppenhäuser und Flure zeigt, deutet generell viel mehr an, als dass tatsächlich passiert, und hat auch noch einen missgestalteten Hausmeister zu bieten, der aber als Einziger Verständnis für Yokis Phantasmen hat – von denen man wie in jedem guten Thriller nicht weiß, ob nicht doch mehr dran ist, als unsere Schulweisheit sich träumen lässt.

Neben der faszinierend verschlossenen Figur von Yuki kommt Makoto nicht recht zur Geltung, obwohl er als Bestandteil einer Vierergruppe aus Schulwechslern in ein soziales Gefüge eingebettet ist, das sich nun unter neuen Bedingungen bewähren muss. Auch dieses Gruppenporträt gelingt Matsumoto meisterhaft, obwohl es nur aus ganz kurzen Seitenblicken entsteht. Eine weitere Figur von großer Tiefe, obwohl man deren Gesicht nie sieht, ist ein Junge aus einer höheren Klasse, der ständig den Kopf in einem Pappkarton verbirgt. Und dann ist da die Monotonie des geschilderten Schulalltags auf einem Gelände, über dem die Flugzeuge zum nahegelegenen Flughafen unterwegs sind – ein bezwingendes Bild des für die Grundschüler unerreichbaren Aufbruchs, bisweilen noch verstärkt durch einen Perspektivwechsel in die Flugzeuge, aus denen man hinab auf die vollkommen gesichtslose Großstadt blickt.

Viel Text gibt es nicht in „Gogo Monster“, alles ist Gewitterstimmung, ohne dass je der erlösende Ausbruch kommt. Noch das Finale ist nach etwas mehr als einem Schuljahr Handlungszeit wie der Aufbruch in einen neuen Abgrund, wobei ein einzelnes Bild nach dem eigentlichen Ende zumindest belegt, dass Yuki die vierte Klasse erreichen wird.

Graphisch merkt man Matsumoto einmal mehr seine Beeinflussung durch europäische Zeichner an. Nachdem Jiro Taniguchi gestorben ist, kann man ihn als den westlichsten Mangaka ansehen. Ob Reprodukt nach dem Aufmerksamkeitserfolg von „Sunny“ schnell zugegriffen und sich das hochgelobte ältere Einzelwerk gesichert hat, weiß ich nicht. Wäre es an dem, dann hätten wir ein schönes Beispiel für die natürliche Überlegenheit des Konkurrenzprinzips. Ein Manga, der seit zwanzig Jahren auf seine Übersetzung wartete, kommt plötzlich doch noch. Da Reprodukt auch mit Mizuki spät, aber gewaltig Staat macht, könnte man aber einfach auch nur Geschmackssicherheit postulieren.


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