Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

In der Weltgeschichte stecken viel größere Geschichten

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Das zwanzigste Jahrhundert war einfach unglaublich. Und unerschöpflich in seinen Schrecken. Die großen kennt man, die kleinen lässt man laufen – unter ferner. Wer wüsste etwa in Deutschland viel über Bessarabien, die Landschaft zwischen den Flüssen Pruth und Dnjestr? Bei der Südausdehnung des Zarenreiches kam sie im neunzehnten Jahrhundert unter russischen Einfluss, 1918 nutzte das benachbarte Rumänien die Wirren des Bücherkriegs nach der Oktoberrevolution und annektierte das Gebiet, erfreute sich aber nur etwas mehr als zwanzig Jahr daran, ehe die Sowjetunion sich im Schutz ihres Nichtangriffspakts mit dem nationalsozialistischen Deutschland, der eine vollständige Neuordnung Osteuropas zum Ziel hatte, Bessarabien zurückholte. Seit 1991 ist das Land selbständig und nennt sich Republik Moldau.

Soweit die große Geschichte. Die kleinen Geschichten, die sich in ihrem Rahmen abspielten, waren noch weitaus dramatischer. Eine davon erzählt Anna Rakhmanko in ihrem Comic „Vasja, dein Opa“, der gerade bei Rotopol erschienen ist. Die 1987 in Nordsibirien geborene Autorin lebt heute in Berlin und hat sich auf die Spuren der eigenen Familie gemacht, die 1941, kurz nach der Wiedereingliederung Bessarabiens in die UdSSR, von dort verschleppt wurde – pro forma als „Verräter des Mutterlandes“ gemäß eines stalinistischen Gummiparagraphen des  sowjetischen Strafgesetzbuches, de facto als Arbeitssklaven zur Erschließung des unwirtlichen Sibiriens. Rakhmankos Urgroßeltern wurden im Juni 1941 mit vier ihrer fünf Kinder in Viehwaggons gen Osten transportiert und am Ziel einfach ausgesetzt. Da war es schon Herbst, und der sibirische Winter stand bevor. Eine Unterkunft mussten sie sich selbst bauen.

Die Geschichte von vier der sechs Familienmitglieder (zwei überlebten die Entbehrungen nicht) hat Kuklina Ljubow Zakharovna ihrer Großnichte Anna Rakhmanko erzählt. Sie lebt heute noch mit ihren mehr als neunzig Jahren in Sibirien. Die vom Titel des Comics suggerierte Verschiebung ihrer Perspektive auf diejenige ihres ältesten Bruders Vasja, Rakhmankos Großvater, ist interessant, denn Tante Ljuba, die bei der Verschleppung erst vier Jahre alt war, ist viel eher die Hauptperson. Vasja wurde als junger Mann sofort zu schweren Arbeitseinsätzen abgeordnet und war gerade in der Kriegszeit nur selten bei der Familie. Doch ihn zum „Titelhelden“ zu machen, entspricht dem doppelten Bedürfnis der Beteiligten: dem der Erzählerin Ljuba, ihn zumindest in Worten für seine Enkelin wieder lebendig zu machen, und dem von Anna Rakhmanko, einen Mann kennenzulernen, an den sie nur vage Erinnerungen besitzt.

Umgesetzt in Bilder hat den entstandenen Zeitzeugenbericht – denn das ist „Vasja, dein Opa“ vor allem – der dänische Zeichner Mikkel Sommer, der auch in Berlin lebt. Sein bewusst spröder Stil (in der mit drei Doppelseiten eher bescheidenen Leseprobe des Verlags http://www.rotopolpress.de/produkte/vasja-dein-opa immerhin gut zu besichtigen) ist am ehesten auf das Vorbild von David Mazzucchellis „Rubber Blanket“-Geschichten zurückzuführen (zumal auch Sommer eine einzelne Zusatzfarbe benutzt: ein tiefes Aubergine, das vom Dunkel sowohl des sibirischen Winters als auch der Zukunftsaussichten der Familie kündet), passt perfekt zur ebenfalls bewusst schlicht gehaltenen Erinnerung der sibirischen Greisin, deren Bericht aber gerade dadurch umso faszinierender wirkt.

Die Kinderperspektive bliebt konsequent erhalten, auch weil die Familiengeschichte 1955 abbricht, als Lubja noch keine achtzehn war und Vasja wieder nach Sibirien zurückgekehrt. Nach Stalins Tod war es ihm ermöglicht worden, mit seiner mittlerweile gegründeten eigenen Familie in die alte Heimat nach Bessarabien umzusiedeln, doch nach mehr als einem Dutzend Jahren Abwesenheit, Krieg und Deportationen anderer gab es dort keine Anknüpfungspunkte mehr für ihn. Seine neue Heimat, so zynisch das klingt, war Sibirien geworden, und dorthin ging er nun wieder, um den Rest seines Lebens in jenem Teil des Landes zu verbringen, in den man ihn verschleppt hatte.

Solche Comic sind Augen- und Ohrenöffner für die Reflexe und Echos einer Zeit, die nur scheinbar vergangen ist. Anna Rakhmankos Bedürfnis nicht einmal nach Gerechtigkeit für ihre Familie, sondern nach Aufmerksamkeit für deren Geschichte, steht für Abermillionen Menschen, deren Vorfahren zum Spielball von Politikern wurden, die man im Nachhinein nur als Wahnsinnige bezeichnen kann, wenn man sie nicht schlecht Monster nennen will. Dass im Anhang zu „Vasja, dein Opa“ zahlreiche Familienfotos abgedruckt werden, bringt einem die Protagonisten des Comics noch einmal besonders nahe. Und es belegt, wie geschickt Mikkel Sommer seinen reduzierten Strich genutzt hat, um so etwas wie abstrahierte Porträtähnlichkeit zu schaffen.


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