Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Wissenswertes über Werner

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Es war einmal ein Dreigestirn des deutschen Comics, bestehend aus Ralf König, Walter Moers und Rötger Feldmann alias Brösel. Das waren drei, die vom Comiczeichnen allein leben konnten: unglaublich in einer Zeit – wir reden von den späten Achtziger und frühen Neunzigern –, in der zwar hierzulande viele Comics gelesen wurden, die meisten aber importiert waren. Wobei der Ruhm des heimischen Dreigestirns nicht nur auf den hunderttausendfach verkauften Büchern dieser Autoren („Der bewegte Mann“, „Das kleine Arschloch“, „Werner“) beruhte, sondern mehr noch auf deren Verfilmungen, die damals Millionen ins Kino lockten.

Vom Dreigestirn des deutschen Comics leuchtet heute nur noch einer: Ralf König, der mit einer Ausdauer und in einer Qualität weiter erzählt und publiziert, die ihresgleichen nicht haben. Walter Moers ist den Comics ganz abhold geworden und vervollständigt in immer größeren (und für die Leser immer deprimierenderen) Abständen seinen Fantasy-Romanzyklus aus der Welt von Zamonien. Und Brösel hat nach dem kommerziellen Scheitern seiner Achterbahn AG – nie gab es einen passenderen Namen für eine Aktiengesellschaft! – im Jahr 2003 zwar konsequent weitergezeichnet, so dass die Zahl der „Werner“-Bände mittlerweile bei dreizehn angelangt ist, doch seine große Zeit ist vorbei. Die neuen Geschichten haben ein Publikum, aber es ist nicht mehr sechsstellig.

Die große Zeit, das waren jene Jahre, als man auf den Schulhöfen in der ganzen Republik die plattdeutschen Sprüche von Werner gebrauchte („Bölkstoff“, „Besser ist das“, „Das taucht nichts“), und eine Episode aus dem Brösel-Comic „Eiskalt“, in dem ein Porsche gegen ein selbstgebautes Motorrad, den „Red Porsche Killer“, anzutreten hat, 1988 ins wirkliche Leben umgesetzt wurde, was mehr als hunderttausend Besucher zu einem dreitägigen Festival kommen ließ, auf dem unter anderem BAP auftrat und „Born to Be Wild“ spielte. Bundesdeutsche Trivialkulturgeschichte.

Aus der Vorzeit dieser großen Zeit kommt nun in Brösels eigenem Verlag BröseLine, der seit einigen Jahren die Versorgung mit Bölklesestoff garantiert, ein Sonderband: „Werner – Haater Stoff!“, ausgewiesen als Extrawurst 2. Die erste Extrawurst war ein Dokumentationsband über „Das Rennen“ von 1988, 176 Seiten stark und damit fünfzig mehr als die jüngeren „Werner“-Ausgaben, aber auch im typischen Kleinformat, das vor dreißig Jahren revolutionär war, heute aber aussieht wie eine Graphic Novel. Das, was drin ist, sieht dann allerdings keinesfalls so aus.

In „Werner – Haater Stoff!“ ist nämlich „Brösels Früh-Anarchologie“ versammelt. Will sagen, Geschichten vor dem Durchbruch mit „Werner“ in den Achtzigern, als Brösel unter anderem mit Volker Reiche, Bernd Pfarr und anderen für gemeinsame Anthologien zeichnete (bisweilen legten dabei sogar zwei Zeichner Hand bei derselben Geschichte an; die Resultate trugen den bizarren Obertitel „Neue Pullover Comics“). Wobei diese Arbeiten noch ihres Wiederabdrucks harren. In „Haater Stoff!“ steckt anderes. Der Band wird nämlich seinem Namen insofern gerecht, als darin Brösels Alleingänge im Abenteuerland des deutschen Comics enthalten sind, bevor das erwähnte Dreigestirn zu leuchten begann. Sprich: Es sind Arbeiten, mit denen jemand ums Überleben in einer Welt zeichnete, in der niemand auf seine Comics gewartet hatte. Wie das aussieht kann man hier sehen: https://www.mycomics.de/comic-pages/12301-werner-haater-stoff.html#page/4/mode/2up.

Interessant ist dabei, wie stark Brösel von Gerhard Seyfried beeinflusst wurde, der als Szenezeichner der Studentenbewegung seinen Durchbruch in den siebziger Jahren erlebt hatte. Die vierseitige Bildfolge „Ein Haus ist ein Haus“ klaut so ziemlich alles bei Seyfried bis auf die Figurendarstellung, die schon typisch Brösel ist. Und es ist faszinierend zu sehen, wie sich der spezifische „Werner“-Humor herausbildet – in Geschichten, die nur zum kleineren Teil Werner als Protagonisten haben. Ganz besonders empfehlenswert ist die kurzlebige Serie „Die Bakuninis“ über eine Anarchistensippe (vier Männer mit Hund), die ursprünglich Ende der siebziger Jahre im Satiremagazin „Pardon“ erschien.

Ein paar ganz neue Comics aus Brösels Feder gibt es auch, zur Ein- und Ausleitung des Buchs und noch zwischendurch, damit wieder die 176 Seiten erreicht werden. Bedauerlich ist, dass nirgendwo etwas zur Herkunft der einzelnen Geschichten gesagt wird. Die ausführlichste Erläuterung findet sich auf der Rückseite: „Sechs fruchtbare Jahre der Arbeitslosigkeit und ein Bermudadreieck aus drei Kneipen haben dieses Buch hervorgebracht.“ Damit wäre nach der Eigenchronologie Brösels auf https://www.werner.de/index.php/historie/ der Zeitraum des Entstehens auf 1972 bis 1979 festgelegt. Danach sieht manches aber nicht aus. Andererseits ist das egal. Denn vieles in „Werner – Haater Stoff!“ macht Spaß. Man muss allerdings bereit sein, sich auf eine Zeitreise einzulassen, an deren Ziel anders gewitzelt und gezeichnet wird, als man das heute noch kennt. Nach den Sternen greift Brösel mit dieser Historisierung seiner selbst heute nicht mehr. Immerhin steht er wieder einmal im Licht.


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