Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Ein Sommernachtsclown

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In meinen Blogs der vergangenen Wochen sind ausschließlich Comics aus Deutschland zum Zuge gekommen. Das ist einerseits ein gutes Zeichen – so reichhaltig ist die Auswahl an interessanten Bänden. Andererseits merkt man immer wieder, wenn man dann doch fremdsprachige oder übersetzte Comic liest, dass es bestimmte Stoffe gibt, für die sich keine deutschsprachigen Erzähler finden. „Senso“ ist solch ein Fall.

Der Band ist bei Reprodukt erschienen, einem Verlag mit sicherem Gespür für Qualität und besten Kontakten nach Frankreich. Dort ist „Senso“ vor zwei Jahren erschienen. Szenario und Zeichnungen lagen in einer Hand: bei Alfred, einem 1976 geborenen Comicautor, hinter dessen nom de plume sich der bürgerliche Name Lionel Papagalli verbirgt (der eigentlich viel mehr wie ein Künstlername klingt). Zum ersten Mal hatte ich 2008 ihn mit einem Band wahrgenommen, den er nur gezeichnet hatte: „Warum  ich Pater Pierre getötet habe“. Diese Geschichte hatte Olivier Ka geschrieben, und sie war stark autobiographisch, aber Alfred zeichnete, als wäre sie ihm selbst passiert. Damals war sie ihrer Zeit übrigens voraus, denn der Comic schildert den Missbrauch eines Knaben durch einen katholischen Priester. Seitdem haben wir leider viel von solchen Fällen gehört.

Danach hat Alfred weitere Bände gezeichnet, nunmehr fast immer nach eigenen Geschichten, und einer, „Come prima“ (schon damals ein italienischer Buchtitel; offenbar bedeutet seine italienische Abstammung diesem Zeichner etwas) gewann 2014 den Hauptpreis beim Comicfestival von Angoulême, also die wichtigste französische Comicauszeichnung. Damit kam er auch zu Reprodukt; wieso Carlsen ihn laufen ließ, ist unbegreiflich. Und nun, schon wieder mehr als ein halbes Jahrzehnt später, ist also „Senso“ erschienen.

Was macht diesen Comic so „undeutsch“? Zunächst einmal sein Zeichenstil. Wen man sich die Leseprobe des Verlags ansieht (https://www.reprodukt.com/Produkt/graphicnovels/senso/), flirren die Seiten geradezu vor mediterranem Licht, und das war auch in „Come prima“ so. Klar, das ganze spielt im Süden, im aktuellen Fall in der Toskana (nicht in Süditalien, wie der Klappentext schwafelt), wo in einem ländlichen Luxushotel eine große Hochzeit ausgerichtet wird. In diese Gesellschaft gerät Germano Mastorna, ein Mann in seinen Vierzigern, dessen Leben gerade aus den Fugen geraten ist. Dazu passt, dass seine Hotelreservierung wegen verspäteter Ankunft verfallen ist und das Zimmer an zwei Hochzeitsgäste weitergebeben wurde. Germano hat mit der Feier gar nichts zu tun, er ist aus privaten Gründen unterwegs, und nun ist er in einer feuchtfröhlichen Festivität gelandet, ohne noch irgendwo in der Umgebung Aussicht auf ein Zimmer zu haben. Also bleibt ihm nur, die Nacht als Zaungast der Hochzeit zu verbringen. Und es wird eine auch für ihn magische Nacht unter italienischen Sternen.

So klischeegesättigt würde kein deutscher Zeichner erzählen; es ist die schiere Begeisterung für Stimmung und Situation, der Alfred die Feder geführt hat. Zudem ist die Geschichte konsequent privat, keine politischen oder sozialen Implikationen, obwohl wie bei jedem guten Party-Smalltalk auch solche Themen zwischen den Figuren zur Sprache kommen. Aber wie in „Senso“ (Gefühl, aber auch Bedeutung) die Wahrnehmung eines einzelnen mit sich selbst verkrachten Mannes zum Zentrum des Geschehens gemacht wird, ist so meisterhaft umgesetzt, dass jeder Gedanke an fehlende gesellschaftliche Relevanz der Geschichte lächerlich wirken würde. Germano agiert wie ein Sommernachtsclown, mit einer gewissen Melancholie, aber mit noch mehr unfreiwilliger Komik. Wirklich ernst wird es entsprechend nie. Doch über soziale Relevanz und entsprechenden Ernst ihrer Geschichten grübeln ziemlich viele junge deutsche Comicautoren derzeit etwas zu heftig nach.

Das heißt nicht, dass deren Geschichten schlecht wären – eher im Gegenteil. Aber „Senso“ vermittelt von Beginn an das Gefühl, einen Klassiker zu lesen. Allein der an Jacques Tati erinnernde Auftakt am Bahnhof. Wobei man sagen muss, dass Alfred dem Beginn seiner Geschichte eine fünfseitige Sequenz vorgeschaltet hat, die zwar stumm ist, aber äußerst beredet: das explizit inszenierte Liebesspiel eines Paares. Es wird noch ein paar Mal in die Handlung eingebaut, und ganz am Ende begreift man, warum.

Auch Germano wird in dieser Nacht die Liebe wiederfinden, und es gibt sogar so etwas wie einen Amor. Wie ohnehin alles verzaubert erscheint im großen wilden Garten der Hotelvilla, der mit seiner romantischen Aura den rechten Rahmen abgibt für diese Komödie der Irrungen und Wirrungen. Silv Bannenberg hat als Übersetzerin die richtige Mitte zwischen Bedeutungsschwere und Lebensleichtigkeit gefunden, und Alfred selbst setzt Glanzlichter durch Stilwandel bei zentralen Handlungspassagen und eine Farbgebung, die mich daran erinnert, was für ein koloristisches Kleinod bereits „Wie ich Pater Pierre getötet habe“ war.

Wann werden wir ein solches Lust- und Fruststück von einem Zeichner (oder einer Zeichnerin) nördlich der Alpen geboten bekommen? Aber wollen wir das überhaupt, wo es doch auch spezifisch deutsche Themen gibt, die gravitätischer daherkommen? Was mich an Alfred begeistert (und das gilt etwa auch für seine italienischen Kollegen Manuele Fior und Gipi), ist der Registerwechsel im Werk. Mal schwebend erzählen, und dann wieder von Abstürzen. Dieser Band gehört zur ersteren Kategorie. Aber gerade weil man um die thematische Vielfalt von Alfred weiß, kommt stets auch eine Wendung ins Tragische in Frage. Diese Unbestimmtheit macht „Senso“ besonders überzeugend. Auch weil man mit Germano aufatmet, als die Nacht vorbei und alles gut geworden ist. In deutschen Comics wird nicht allzu oft alles gut.


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