Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Wie der erfolgreichste Killer der amerikanischen Armee starb

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Was kann ein Comic, was ein Film nicht kann? Das kann man sich exemplarisch klarmachen am Beispiel eines jetzt aus dem Französischen übersetzen Bandes mit dem Titel „Der Mann, der Chris Kyle erschoss“. Erschienen ist er bei Carlsen, und gezeichnet hat ihn Brüno, ein 1975 im schwäbischen Albstadt als Sohn eines dort stationierten französischen Offiziers geborener Zeichner mit bürgerlichem Namen Bruno Thielleux, nach einem Szenario des nur ein Jahre jüngeren Fabien Nury. Brüno ist in Frankreich durch seinen am Hard-Boiled-Stil à la Frank Miller orientierten satten schwarzen Strich in den letzten zehn Jahren zum Star geworden. Amerikanische Themen liegen ihm, sein größter Erfolg war bislang die Gangster-Serie „Tyler Cross“, auch in Zusammenarbeit mit Nury entstanden. Schon da konnte man die Liebe beider zum Kino sehen.

Im Falle von „Der Mann, der Chris Kyle erschoss“ ist allerdings der Titel schon das vom Kino Inspirierteste am Comic. Natürlich zitiert Nury damit „The Man Who Shot Liberty Valance“, den Westernklassiker von John Ford mit John Wayne und James Stewart aus dem Jahr 1962. Aber ansonsten steht der Comic in unmittelbarer Konkurrenz zum Kino, denn der erschossene Chris Kyle ist vor sieben Jahren Gegenstand eines Spielfilms gewesen, den niemand Geringerer als Clint Eastwood gedreht hat. Dessen Titel lautete „American Sniper“ und baute auf der Autobiographie ebenjenes Chris Kyle auf, der als treffsicherster Scharfschütze der amerikanischen Militärgeschichte gilt. 160 Menschen hat er nachgewiesenermaßen im Dienst erschossen, die meisten im Irak, weitere fast hundert Opfer seines tödlichen Talents konnten nicht so sicher verifiziert werden, dass man sie zählen durfte. Und am Ende wurde Kyle selbst erschossen. Das war 2013, nach seiner aktiven Zeit. Die Verfilmung seines Lebens war da schon geplant.

Eastwoods Film wurde zu einem Renner ausgerechnet im Weihnachtsgeschäft des Jahres 2014 der amerikanischen Kinos. Mit Bradley Cooper spielte ein Star die Hauptrolle, aber das tragische Schicksal Kyles, der von jemandem ermordet wurde, der wie er im Irak gedient und sich als sein Bewunderer ausgegeben hatte, trug wohl noch mehr zum Kassenerfolg bei. „American Sniper“ erzählt eine ungebrochene Heldensaga. Das ist beim Comic über Chris Kyle ganz anders. Hier steht in der Tat eher der Mord an ihm im Mittelpunkt – und der psychisch gestörte Mann, der ihn beging. Aber auch, wie nach dem gewaltsamen Tod des Scharfschützen dessen Witwe ein florierendes Geschäft aus dem Andenken ihres Mannes machte. Eine toughe Frau, aber daraus wird keine Heldinnengeschichte. Und Kyle selbst kommt bei Nury und Brüno auch nicht gerade sympathisch weg.

Es beginnt mit der Graphik, die man sich hier ansehen kann: https://www.carlsen.de/hardcover/der-mann-der-chris-kyle-erschoss/978-3-551-78171-0. Eine geleckte Linienführung, klassischer amerikanischer Mainstream, aber eben aus der Feder eines amerikabegeisterten Franzosen. Dessen Begeisterung nicht soweit geht, die verbreitete Waffenfaszination in den Vereinigten Staaten zu schätzen. Der Comic ist ein bisweilen zynisch wirkendes Porträt des Geschäfts mit dem Töten, das seine Propagandisten immer wieder in die Tradition des in den Vereinigten Staaten verherrlichten Individualismus stellen. Brüno und Nury aber nehmen diese Mär auseinander und zeigen, wie das große Geld mit dem Mythos vom Scharfschützen gemacht wird – bis hin zu Clint Eastwood.

Und das ist dann der Unterschied vom Comic zum Film: Obwohl beide Lebensschilderungen von Chris Kyle sich der martialischen Genre-Ästhetik ihrer jeweiligen Kunstgattung bedienen, erscheint die Erzählhaltung des Comics von Beginn an als eine kritische, während Eastwoods Film ebenso konstant affirmativ ist. Der Grund dafür: Man sieht dem Kinowerk an, dass es auf das große Geschäft aus ist, dem also, was auch Kyles Erwartung ans Leben war. Während der Comic bei aller Anlehnung ans kommerzielle Erscheinungsbild ein Liebhaberprojekt bleibt – nicht aus Liebe zu Chris Kyle oder zu dem, wofür er stand, sondern aus Liebe zu all dem, was sich von ihm unterscheidet. Weil Comics billig zu produzieren sind, können sie sich das leisten. Das kann ein Hollywoodfilm nicht. Und womöglich gar kein Film der Welt, es steckt zu viel Geld darin, als dass er sich grundlegende Kritik leisten könnte. Oder dem Titel nach von dem Mann erzählte, der Chris Kyle erschoss. Wobei das auch Brüno und Nury nur ankündigen, aber nicht wirklich umsetzen. Soviel Unabhängigkeit von Publikumserwartungen riskierten auch sie nicht.


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