Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Kunst kommt von Widerstehen

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Immer ist es irgendwann 1985, immer ist dann der Schauplatz New York, in allen vier Kapiteln des Comics „Frauen, die die Kunst revolutioniert haben“. So unterschiedlich diese Frauen auch sind, sie haben diesen einen Handlungsort zu jener bestimmten Zeit gemeinsam. Das liegt daran, dass eine von ihnen damals dort starb. Ein Unfall, sagen die einen, durch den Mord ihres Ehemannes, sagen die anderen. Meist sind die einen Männer, die anderen Frauen.

Der toten Künstlerin gehört das dritte, das beste Kapitel. Sie heißt Ana Mendieta, kam als Zwölfjährige aus Kuba in die Vereinigten Staaten und starb als Sechsunddreißigjährige, als sich erste Erfolge mit ihren Performances und Land-Art-Projekten (die nicht selten Hand in Hand gingen) eingestellt hatten. Im Comic kommt Mendietas Tod nicht explizit vor, eine bewusste Auslassung der italienischen Szenaristin Valentina Grande, die sie als Künstlerin zeigen will, nicht als Opfer. Auch der Name ihres mutmaßlichen Mörders wird nur im Vorwort genannt. Zum Auftakt des Mendieta gewidmeten Kapitels, wenn wie in allen vier teilen des Comics die eigene Stimme der jeweiligen Künstlerinnen spricht, endet die kurze Lebensbeschreibung mit dem angesichts der Umstände gespenstischen Satz „Ich habe einen Bildhauer geheiratet“.

Man könnte darin ein unfreiwilliges Fazit lesen, dass es doch nicht so weit her war mit der Selbstbefreiung der Ana Mendieta, aber das ginge an Grandes Absichten vorbei. Ihre Auswahl der Künstlerinnen für den Comic ist vielmehr aus dem Gedanken der Verbindung mit dem Tod von Mendieta geboren, sonst wäre sie auch wenig einsichtig. Hand aufs Herz: Wer kennte Mendieta, Judy Chicago oder Faith Ringgold? Vielleicht immerhin die Guerrilla Girls, denen der letzte Teil von „Frauen, die die Kunst revolutioniert haben“ gehört. Das ist jene Gruppe anonymer Aktivistinnen, die 1985 in New York damit begannen, die mangelnde Repräsentanz von Frauen, besonders farbigen, in den Museen und Galerien anzuprangern. Sie ist aus guten Gründen bis heute aktiv.

Im italienischen Original heißt der Comic übrigens „Feminist Art“, es steht also die Kunst gegenüber den Künstlerinnen im Vordergrund. Der deutsche Titel des Laurence King Verlags (eine Dependance des 1991 gegründeten gleichnamigen englischen Verlags, die sich mit allerlei populären Büchern beschäftigt, darunter „Katzen-Bingo“, ein „Kackehelden“-Kartenspiel oder ein Puzzle mit Schauplätzen von „Sherlock Holmes“ – was für eine Nachbarschaft!) dreht dieses Verhältnis um, und er hat brauchbare Gründe dafür, denn tatsächlich ist Valentina Grande die Selbstermächtigung der von ihr porträtierten Frauen meist wichtiger als der Gegenstand ihrer Kunst. Es braucht auch bei ihr den individuellen Willen zur Veränderung, da mag im Kapitel zu Ana Mendieta noch so wortmächtig die spezifisch weibliche Einheit mit der Natur beschworen werden. Allerdings bekommt man im Mendieta-Abschnitt mehr zu den Hintergründen der Kunst vermittelt als zur Person der Künstlerin. Das ist ansonsten nur noch im Guerrilla-Girls-Kapitel so – notgedrungen, weil auch Grande nichts über die Identität der Aktivistinnen weiß.

Alle porträtierten Künstlerinnen sind Amerikanerinnen. Dazu passt der Zeichenstil von Eva Rossetti, der seine Wurzeln im US-Mainstream-Comic hat. Eine schön gemachte Leseprobe mit einzelnen Doppelseiten bietet https://www.laurencekingverlag.de/produkt/frauen-die-die-kunst-revolutioniert-haben/. Da kann man sehen, wie geschickt Rossetti mit den Seitenarchitekturen spielt, Panels öffnet, miteinander verschmilzt, bisweilen aber auch seitenfüllende Bilder verwendet. Und im Kapitel zu Mendieta gelingt ihr auch eine Engführung von Kunst und Leben, wenn sie Momente aus Performances der Künstlerin in ähnlichen Körpergesten festhält, wie sie die junge Ana am Strand ihrer kubanischen Heimat eingenommen hat.

Aber dass alle porträtierten Künstlerinnen Amerikanerinnen sind, ist natürlich auch der Schwachpunkt des Comics. Das versucht er im Anhang durch eine Ahnengalerie von internationalen Vorläuferinnen zu kompensieren, die auch in der Haupthandlung Erwähnung finden, manchmal sogar kleine Auftritte haben, so etwa Yoko Ono, Marina Abramovic oder Barbara Kruger. Seltsamerweise fehlt die ebenfalls im Comic erwähnte Frida Kahlo im Anhang, aber die ist ja auch berühmt genug. Bedauerlich neben der nationalen Einseitigkeit ist die ästhetische. „Kunst“ im Sinne dieses Comics ist vor allem Körperkunst mit vollem Einsatz. Damit kann man zweifellos den Grundgedanken von Valentina Grande, dass eine Frau erst aus dem Schatten ihrer gesellschaftlichen Existenz treten muss, um Kunst zu machen und zu verändern, besser verdeutlichen als mit anderen Aktivitäten, aber es verkürzt „feministische Kunst“ auch aufs Weibliche im Sinne eher emotionaler als intellektueller Betätigung. Das mag einen wichtigen Strang der künstlerischen Emanzipation bilden, aber es ist nicht der einzige.

Dass der deutsche Verlag selbst diesen Band als nichts anderes denn ein Modephänomen begreift, das schöne Einnahmen verspricht, beweist der Werbetext dafür. Der spricht von der „ganzen Geschichte, wie Frauen die Kunstwelt für immer verändert haben“ – ein Witz angesichts von vier Einzelbeispielen und ein Hohn angesichts dessen, was noch zu tun bleibt. Dann wird behauptet, es werde jeweils aus der Perspektive der Frauen erzählt, aber auch das stimmt nur bedingt: Jedes Kapitel beginnt wie gesagt mit einer Ich-Erzählung (oder „Wir“ bei den Guerrilla Girls), aber dann wird auktorial erzählt. Aus dem Englischen soll Britta Köhler den Band laut Werbetext übersetzt haben, dabei geschah es aus dem Italienischen. Und schließlich weiß die Pressabteilung des Laurence King Verlags nicht einmal, wie man die Guerrilla Girls richtig schreibt. Für tieferes Interesse am Thema spricht all das nicht. Dieser Comic wäre woanders besser aufgehoben gewesen.

 


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