Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Singe, wem Gesang gegeben, aber wie zeichnet man das?

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Kurz mal auf ein anderes Feld: das der Literatur („normaler“, nicht der gezeichneten). In Jenny Erpenbecks neuem Roman, „Kairos“, den ich jedem empfehlen kann, der keine Angst vor seelischen Abgründen hat und sich nicht überfordert fühlt, wenn Figuren unerwartete Wandlungen bieten, geht es um die Wendezeit, konkret gesprochen: um Ost-Berlin in den Jahren 1986 bis 1992.  Ein nicht unerheblicher Teil der Handlung berührt das damalige Theaterleben, und da eine der beiden Hauptpersonen ein reiferer Herr ist, gibt es auch Reminiszenzen an Berliner Bühnengrößen der Nachkriegszeit. Brecht natürlich, aber auch Ernst Busch.

Den kennt in Ostdeutschland jeder, der noch die DDR erlebt hat, und in Westdeutschland fast keiner. Busch war ein kommunistischer Star schon zu Weimarer Zeiten, denn der im Januar 1900 geborene Kieler erlebte als Achtzehnjähriger in seiner Heimatstadt die Revolution und war fortan für deren Sache gewonnen. Da er eine gute Stimme hatte und offenkundig Charisma, landete er über Erwin Piscator als singender  Schauspieler in Berlin, wo er so etwas wie das Sprachrohr von Hanns Eisler wurde, des ebenfalls dezidiert linken Komponisten und Brecht-Kompagnons. Im „Dritten Reich“ bedeutete das für Busch Exil und internationalen Ruhm als Barrikadensänger, inklusive Teilnahme am Spanischen Bürgerkrieg. Leider erwischten ihn die Nazis später doch noch, aber er überlebte die Haft. Seine Freilassung bescherte ihm  eine triumphale Rückkehr und in der jungen DDR noch mehr Ruhm, nunmehr als Staatssänger. Zumindest sah es für Busch anfangs so aus.

Doch für einen nonkonformistischen Künstler wie ihn war bald kein Platz mehr in der kulturellen Planwirtschaft, zumal er auch noch ein eigenes, also privates Plattenlabel betrieb. Unternehmer hatten in der DDR ganz schlechte Karten, also sah sich Busch bald auf dem Abstellgleis, obwohl er weiterhin als Legende galt, dessen proletarische Lieder gerne gehört und gesungen wurden. Er starb 1980 und bekam so etwas wie ein Staatsbegräbnis. Und all das, von der Wiege bis zur Bahre, erzählt nun ein Comic namens „Ernst Busch – Der letzte Prolet“.

Moment, was ist denn nun mit Jenny Erpenbeck und ihrem „Kairos“? Darin unterhalten sich die beiden Hauptfiguren, der ältere Mann und eine junge Frau, über Ernst Busch. Und da ich beide Bücher, den Comic und den Roman, im Abstand von wenigen Wochen las, verblüffte mich, wie bewegend sie jeweils über die letzten Jahre von Busch erzählen: als der Mittsiebziger offiziell in seinem Haus in Berlin-Pankow wohnen soll, aber tatsächlich in der Psychiatrie sitzt, und wie zu seinem Tod noch einmal großes Brimborium um einen Mann gemacht wird, den das System verraten hat, für das er sein ganzes erwachsenes Leben lang gekämpft hat. Weder Erpenbeck noch Jochen Voit, der Verfasser des Comics, kannten Busch persönlich, aber man liest ihren Texten an, wie wichtig er für sie ist – als Symptom und auch als Mensch. Erpenbeck macht das in wenigen Sätzen klar, Voit widmet dem satte 230 Seiten.

Seine Szenario zum Comic hat Sophia Hirsch in Bilder gesetzt, eine noch wenig bekannte Zeichnerin, die gerade noch in der DDR geboren wurde (1987 in Ost-Berlin), aber später Aufnahmen von Buschs Liedern im Elternhaus kennenlernte. Voit dagegen ist Jahrgang 1972 und Westdeutscher, allerdings schon seit fast zehn Jahren Leiter der Gedenkstätte Andreasstraße in Erfurt, wo an die Verbrechen von National- und DDR-Sozialismus gleichermaßen erinnert wird, weil beide Diktaturen dasselbe Gebäude in der Andreasstraße als Gefängnis nutzten. Voit ist als Comic-Kenner und -Könner  einschlägig bekannt, seit er „Nieder mit Hitler“ für Hamed Eshrat geschrieben hat und im eigenen Haus Zeichner wie Simon Schwartz und Philip Janta beschäftigte, die Wand- und Ausstellungsbilder schufen, mit denen Voit auf eine neue jugendgerechte Form der Geschichtsvermittlung setzt.

 Neu wird man den Stil, in dem er nun über Busch erzählt und Sophia Hirsch zeichnet, nicht nennen. Der gerade bei Avant erschienene Band ist vielmehr geradezu klassisch in Struktur und Ästhetik, einen Eindruck davon gibt die ausgiebige Leseprobe: https://www.avant-verlag.de/comics/ernst-busch-der-letzte-prolet/.  In Rot und Braun (die Farben der politischen Extreme) gehalten sind die Rückblenden aus der Sicht des greisen Buschs, dessen letzte isolierte Lebensjahre dagegen in blassem Blau und Grün eingefärbt werden. Hirsch schafft keine opulenten Dekors, sie konzentriert sich auf die Figuren; am nächsten steht sie dabei stilistisch dem New Yorker Kollegen Ben Katchor, der in seinen hinreißenden Episodengeschichten um den jüdischen Fotografen Julius Knipl das Manhattan aus der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts auferstehen lässt – allerdings mit deutlich größerem Aufwand an Hintergrundgestaltung. Die Figurenähnlichkeit jedoch ist schlagend.

Witz wie Katchor hat Sophia Hirsch auch. Wenn sie für ein fiktives Titelbild der amerikanischen Zeitschrift „Life“ das berühmteste Foto von Robert Capa zitiert (den sterbenden Spanienkämpfer, der auf unzähligen Antikriegsplakaten zusammen mit der anklagenden Frage „Why?“ abgedruckt worden ist), dann setzt sie Ernst Busch an die Stelle des Erschossenen, und dem fällt im Moment des tödlichen Treffers ein Banjo aus der Hand statt eines Gewehrs. Gleichzeitig spielt sie damit auf die Heroisierung an, die Busch nach dem Krieg zuteil wurde.

Dieser Comic ist keine Hagiographie, und doch ist er eine Hommage. Wie fast jeder Comic über musikalische Themen leidet er an der Schwierigkeit, Akustisches sichtbar zu machen. Auf einen gelungenen Versuch – etwa Zeina Abiracheds „Piano Oriental“ – kommt ein Dutzend missglückter. „Ernst Busch – Der letzte Prolet“ schlägt sich da sogar noch achtbar, vor allem deshalb, weil Sophia Hirsch die Gesangsauftritte nur streift, während die opulenten Erzählpassagen eher den zeitgeschichtlichen Ereignissen gelten. Und dem wechselhaften Privatleben des Sängers. Exemplarisch kann man sein Schicksal nicht nennen, dafür war dieser Busch zu wild. Man wird seinesgleichen kaum mehr sehen. Aber die Schlussseite zeigt ein am Ostseestrand brennendes kleines Feuer.  Es gibt noch Glut in der Geschichte von Ernst Busch, und derzeit lässt sie wieder Flammen lodern.


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