Comic

Comic

Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Worte sagen hier mehr als tausend Bilder

| 0 Lesermeinungen

Die in Zürich residierende Edition Moderne, Mutter aller deutschsprachigen Autorencomic-Verlage, hat ein für sie ungewöhnliches neues Format eingeführt: jenes, das man gemeinhin Graphic-Novel-Format nennt, etwa 16 x 24 Zentimeter. Bislang war das klassische Album die Domäne der Edition Moderne, selten auch einmal ein kleineres Format wie bei der legendären deutschen Erstausgabe von Barus „Autoroute du soleil“, aber das modische amerikanische Zwischending von Album und Taschenbuch wurde schon deshalb hier nicht Standard, weil man schon Graphic Novels machte, als der Begriff noch gar nicht am Markt eingeführt war. Und vor allem als das, was darunter lief, noch nicht normiert war. Ausnahmen betrafen zwar gerade die erfolgreichsten Comics der Edition Moderne: Marjane Satrapis „Persepolis“ und „David B.s „Die heilige Krankheit“, aber genau deshalb scheute man sich, daraus eine Masche zu machen.

Aber heute erwarten die Buchhändler offenbar bei Graphic Novels dieses bestimmte Format, und die Zeichner berücksichtigen das in ihrer Arbeit, und so sind die beiden nun erschienenen neuesten Edition-Moderne-Bände, „Die Experten für alles“ von Anouk Ricard und „Schattenmutter“ von Stefan Heller, eben so geraten, wie’s der Markt liebt. Übrigens nicht nur äußerlich, sondern auch inhaltlich.

Ricards aus dem Französischen übersetzte Funny-Animal-Geschichte um einen Hund und eine Ente, die sich aller Fragen gegenwärtiger menschlicher Befindlichkeit annehmen, ist ein auf Albernheit setzender Fortsetzungscomic, der in kurzen Episoden in bewusst kindlich anmutender Graphik und bewusst erwachsen anmutendem Text jedem Liebhaber von Fernseh-Comedy gefallen wird. Mir also nicht. Deshalb kein weiteres Wort dazu, denn über Humor lässt sich schlecht richten.

„Schattenmutter“ ist ein anderer Fall. Kein Hauch von Komik, alles Tragik, denn der 1972 geborene Schweizer Stefan Heller erzählt von der psychischen Krankheit seiner Mutter – ausgehend von deren in den achtziger Jahren mit akribischer Genauigkeit geführten Aufzeichnungen, in denen mehr noch als auf ihre aktuellen Befindlichkeiten die Ursachen dafür aus ferner Vergangenheit ergründet werden sollten. Der Titel „Schattenmutter“ stellt vor allem darauf ab, dass der Schatten ihrer Krankheit über der Kindheit von Stefan Haller lag, aber auch darauf, dass sie natürlich nur ein Schatten ihrer selbst sein konnte. Der Umschlag zeigt auf der Vorderseite einen weißen Schattenriss der Mutter, auf der Rückseite einen ebensolchen ihres Sohnes. Ansehen kann man sich das zusammen mit einigen Seiten unter https://www.editionmoderne.ch/buch/schattenmutter/.

Auch die mehr als 160 Seiten im Inneren sind schwarzweiß gehalten, mit Ausnahme gelegentlicher als Text einmontierter Erzählerkommentare und gestürzter Fußnoten (schwer lesbar, wenn sie im Falz zu stehen kommen) zu medizinischen Fachtermini oder Medikamentennamen. Die Leidensgeschichte der Mutter selbst wird aus den erwähnten Aufzeichnungen und nach ihrem Tod entstandenen Gesprächen des Sohnes mit dem Vater und den Geschwistern der Mutter rekonstruiert – und als nahezu hoffnungslose Situation präsentiert. Aber das mag anderen betroffenen Lebenshilfe bieten.

Ungeachtet der durchaus literarischen Qualität der mütterlichen Texte, ist „Schattenmutter“ viel eher Sachcomic als Graphic Novel. Auch das entspricht einem derzeit wohlfeilen Trend, der persönliches Erleben stärker in den Mittelpunkt stellt als Fiktion oder auch Reportage. Stefan Hallers Band ist auch Selbsttherapie, aber dann muss man ihn vergleichen mit einem Meilenstein wie dem bereits erwähnten „Die heilige Krankheit“ von David B., und dann bleibt als einziges Gemeinsames das Format der deutschsprachigen Publikation (im französischen Original waren es sechs Alben) und leider sonst kaum ein guter Satz zu sagen übrig. Erschütternd ist „Schattenmutter“, aber nicht beeindruckend als Comic. Diese Geschichte wäre besser bloß in Worten erzählt worden – auch weil die der Mutter so viel stärker sind als die Bilder des Sohnes.

Hinzu kommt ein unglückliches Detail: Stefan Haller wählt als eine Erkennungszeichen einen schwarzweißen Ringelpullover. Das ist ein probates Mittel für eine Zeichner, der nicht individuelle Figurendarstellung z seinen größten Stärken zählen kann, aber der Ringelpullover ist in der Comichistoriographie dermaßen verbunden mit dem französischen Zeichner Jean Christophe Menu, dass es wie ein Plagiat wirkt. Pech! Auch für die sonst so stilsicher Edition Moderne. Aber womöglich verkauft sich so etwas ja tatsächlich gut


Hinterlasse eine Lesermeinung