Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Auch dort, wo es gut riecht, kann Anrüchiges geschehen sein

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Bianca Schaalburg ist eine späte Comic-Debütantin. Aber was für eine! Ihre noch in Arbeit befindliche Geschichte „Der Duft der Kiefern“ überzeugte die Jury des Leibinger-Comicbuchpreises und brachte ihr somit einen Platz unter den zehn diesjährigen Finalisten ein. Und kaum ein halbes Jahr später ist der Band auch schon fertig und erschienen, beim Avant Verlag aus Berlin, wo man gemeinhin eine gute Nase für starke Stoffe hat. Das gilt auch diesmal.

Der Titel mag zunächst in die Irre führen: Es geht nicht um Nature Drawing, wie man das Comic-Äquivalent zum Nature Writing wohl nennen müsste, sondern um Familiengeschichte im Allgemeinen und die Schoa im Speziellen.  Der Duft der Kiefern  bezeichnet eine der vielen persönlichen Erfahrungen der Erzählerin, die die gezeichnete Handlung durchziehen. Da gibt es etwa auch zahlreiche Vögel, die in die Hintergründe der Bilder eingearbeitet werden, Pflanzen, Häuser – eine ganze kleine Welt aus Berlin-Zehlendorf. Dort wuchs Bianca Schaallburg, geboren 1968, auf, in der Siedlung Onkel Toms Hütte, doch wer jetzt eine Erzählung zur Dekolonialisierung von Straßennamen erwartete, läge abermals falsch. Es geht als Auslöser darum, dass die Familie Schott, der Bianca Schaalburg entstammt, in einem Haus wohnte, das bis 1936 drei Juden beherbergte (zwei Frauen und einen Mann), die alle in der Schoa starben, während ihre Wohnung an das damals nazitreue Ehepaar Schott mit seinen bald vier Kindern überging.

Zweifellos kein schöner Stoff für die nachvollziehbarerweise lange ahnungslose Enkelin Bianca Schaalburg, aber ein hochinteressanter, und weil sie sich wiederum der Mitarbeit ihres eigenen Sohnes an der Recherche versicherte, wurde daraus so etwas wie eine familiäre Wiedergutmachung an den Vorbewohnern. Wobei der Schwerpunkt des zweihundertseitigen Bandes klar auf der Familiengeschichte selbst liegt – wenn auch der Exkurs zu den drei Ermordeten das eindrucksvollste Kapitel darstellt, bisweilen grandios als das inszeniert, was diese Recherche gewesen sein muss: ein Puzzle. Wie Bianca Schaalburg ihren Gegenstand zur graphischen Form bringt, das ist angesichts von fehlender Comicerfahrung dieser Zeichnerin geradezu unglaublich. Man sehe sich nur mal die sieben Seiten der Leseprobe an: https://www.avant-verlag.de/comics/der-duft-der-kiefern/. Und damit ist die Vielfalt der Seitenarchitekturen nur angedeutet.

Mit Ulli Lust, deren graphischen Einfluss man den Figuren und den Farben ansieht, stand allerdings auch eine große Mentorin mit Rat bei, und auch der Comic-Tausendsassa Kai Pfeiffer hatte seine Finger mit im Spiel. Hier kam einiges zusammen, was sich aufs Schönste ergänzte, doch das Beste daran ist denn doch das Höchstpersönliche dieser Geschichte: die Selbstauskünfte Bianca Schaalburgs, die eine in jeder Hinsicht sensible Frau zeigen, die in der Aufarbeitung ihrer eigenen Herkunft eine Verpflichtung sieht.

Ergänzt wird die eigentliche Comic-Handlung durch einen Anhang mit Fakten, Übersichten und Erläuterungen zu dem, was man zuvor gelesen hat, und so mühsam ich gemeinhin die Lektüre solcher Addenda finde, so wichtig ist dieses konkrete fürs noch vertiefte Verständnis der Geschichte. Beider Geschichten: der konkreten von Bianca Schaalburg und der allgemeinen Zeitgeschichte. So lange man so akribische Sorgfalt im Erforschen und Rekonstruieren der Vergangenheit walten lässt, muss uns als Lesern nicht bange vor dem Zeitpunkt sein, wo die letzten Zeitzeugen gestorben sein werden.

Und zum Schluss seien die Namen jener drei genannt, die gar nicht mehr Zeugnis ablegen konnten, weil sie 1942 in den Lagern der Nazis starben: Clara Hipp, Margarete Silbermann und Carl Loewensohn. Stolpersteine gab es für sie schon am Haus, das sie bewohnt hatten. Nun gibt es eine ganze Geschichte, die im ihnen angetanen Unrecht ihr Zentrum hat


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