Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Weißer Mann ist nicht gleich weiser Mann

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Einen rätselhafteren Buchtitel habe ich lange nicht mehr gesehen: „Toubab im Senegal“. Den Senegal kenne ich, zwar nicht aus eigener Anschauung, aber als westafrikanischen Staat. Aber „Toubab“? Die Frage klärt sich jedoch rasch, schon im Vorwort des senegalesischen Schriftstellers Louis Camara: Der Begriff bezeichnet auf Wolof (der im Senegal meistverwendeten Sprache) einen Weißen. Ursprünglich wurde damit ein Weiser bezeichnet, und die europäischen Kolonisatoren kamen den Einwohnern des Senegal anfangs so klug vor, dass das Wort auf sie übertragen wurde. Aber die Erfahrungen waren dann derart, dass man ihn heute eher spöttisch gebraucht, wenn er Weißen und nicht Weisen gilt. Und so wurde er auch auf Patrick Bonato angewendet.

Der 1983 geborene Schweizer Zeichner hielt sich über den Jahreswechsel 2016/17 drei Monate im Senegal auf, in der Waaw-Künstlerresidenz von Saint-Louis, der ehedem bedeutendsten Stadt des Landes. Heute darf Dakar Anspruch auf diese Bezeichnung erheben, aber in Dakar hatte sich Bonato auf Anraten seiner Gastgeber erst einmal nicht umgeschaut – das Risiko eines Kulturschocks sei zu groß. Wie man dem Comic „Toubab im Senegal“, der von den Erfahrungen des Zeichners während seines Aufenthalts erzählt, entnehmen kann, war diese Warnung nur zu berechtigt. Nicht, weil Dakar dann doch noch eine Rolle spielte, sondern weil schon das offenbar beschauliche Saint-Louis dem Besucher genug Anlass zur Befremdung bot.

Nun könnte der Eindruck entstehen, Patrick Bonato hätte sich in typisch europäischer Ignoranz dem Leben seines Gastlandes verweigert, aber er ließ sich vielmehr intensiv darauf ein. Soweit das sein verschüttetes Französisch aus Schweizer Schulzeiten zuließ (Französisch ist – kolonial bedingt – die Verkehrssprache im multiethnischen Senegal), und dessen Niveau führt Bonato im Comic recht drastisch vor Augen, indem er sein Alter Ego ein ziemliches Kauderwelsch ohne größere Rücksichten auf Syntax und Semantik sprechen lässt. Der Weiße im Senegal tritt hier tatsächlich konsequent als törichter Toubab auf. Der sonst oft arrogante westliche Blick auf afrikanisches Leben wird umgedreht: Patrick Bonato fühlt sich hilflos unterlegen.

Dass es so lange gedauert hat, bis aus den Erlebnissen der Künstlerresidenzzeit dieser Comic reifte, hat seinen Grund sicher nicht im Unwohlsein seines Autors über das Geschilderte. Vielmehr macht die Selbstironie des Porträts dieses chweinchenrosa porträtierten linkischen Brillenträgers (der äußerlich nicht allzu viel mit dem realen Bonato zu tun hat, aber eben mit ihm Name und Erfahrungen teilt) großen Spaß. Und da es keine falschen Rücksichtnahmen bei der Schilderung der Verhaltensweisen mancher senegalesischen Bekanntschaften gibt, treffen hier scheinbare Klischeevorstellungen aufeinander, die sich bei der Lektüre jedoch als geradezu hinterhältig reflektiert erweisen. Denn vordergründig hat Patrick Bonato einen Zeichenstil gewählt, der bewusst an Hergés „Tim und Struppi“ angelehnt ist, also einem mittlerweile ständig als kolonialistisch verfemten Comic-Klassiker. So sieht das dann in der Leseprobe des Luftschacht Verlags aus: https://www.luftschacht.com/produkt/patrick-bonato-toubab-im-senegal/. Oder noch etwas reichhaltiger, aber in arg schnellem Bildwechsel präsentiert, auf der Homepage des Zeichners: http://home.patrickbonato.com/Toubab-im-Senegal.

Überhaupt ist „Toubab im Senegal“ als ganz klassisch inspirierter Comic aufgemacht: großes Albenformat und Seitenarchitekturen, die sich an der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts orientieren – ein modernes Vorbild für diese Übernahmen mag der belgische Zeichner Olivier Schrauwen gewesen sein, wofür auch die blass angelegten Farben bei Bonato sprechen. Es gibt aber in „Toubab im Senegal“ auch unglaublich einfallsreiche Brüche mit der Tradition, so etwa die bisweilen eingeschobenen doppelseitigen Einzelzeichnungen oder eine weitere Doppelseite, auf der sich nebeneinander vierzig Köpfe finden, um die Verwirrung zu verdeutlichen, die der Patrick des Buchs bei einer Einladung zu einer senegalesischen Familienfeier mit zahlreichen Teilnehmern empfindet.

Reiseschilderungen der Art, wie Bonato sie hier gezeichnet hat, sind nichts Neues. Seit die Künstler des französischen Verlags „L’Association“ vor fast einem Vierteljahrhundert nach Ägypten gereist waren und aus ihren Beobachtungen einen sowohl grandios komischen als auch höchst informativen Sammelband („L’Association en Égypte“, erschienen 1998) gemacht hatten, kann man geradezu von einem Boom der Reisereportagecomics sprechen. Wunderbare Vertreter dieses Genres sind etwa Olivier Kugler, Sebastian Lörscher oder Jens Harder, um nur ein paar deutsche Vertreter zu nennen.  Man sieht aber auch gleich: Frauen machen sich rar auf diesem Feld. Die Amerikanerin Sarah Glidden wäre als markante Ausnahme zu nennen. Doch ihr fehlt die Komik, die Patrick Bonatos Band auszeichnet (oder auch die Arbeiten von Lörscher).

Und die braucht es, um mit wechselseitigen kulturellen Missverständnissen so umzugehen, dass weder Beifall von der falschen Seite droht noch Verdammung durch diejenige, die sich für die richtige hält. Luftschacht ist mit seinem kleinen, aber feinen Comic-Programmsegment der geeignete Ort für eine solche Geschichte. In einem Großverlag könnte man so etwas wohl kaum mehr unterbringen. Was für ein Jammer! Denn wir brauchen solche Bücher derzeit mehr denn je. Gar nicht aus (identitäts)politischen Gründen, sondern weil über die Neugier auf Einblicke in den Senegal hinaus beim Lesen auch unvermeidlich Wehmut darüber eintritt, dass man selbst bei dem nötigen Wagemut zu einer solchen Reise derzeit gar nicht ins Land käme. Der Senegal hat pandemiebedingt seine Grenzen geschlossen. Schlimm für die dortige Ökonomie, aber weise. „Toubab“ könnte somit nun auch ganz unironisch auf die eigenen Leute angewendet werden.

 

P.S.: Einen Tag nach Lektüre von „Toubab im Senegal“ lese ich endlich den Auftaktband zu einer neuen Comicserie von Riad Sattouf, „Le jeune acteur“. Dazu später einmal an dieser Stelle mehr. Aber was mir da begegnet, ist im Jargon französischer Jugendlicher das Wort „Babtou“ für einen Weißen. Wie in Frankreich üblich, hat man dafür die Silben von Toubab vertauscht (so wie aus „Beure“ für einen Nordafrikaner im Jugendjargon dann „Rabeu“ geworden ist). Ohne Bonatos Band hätte ich das nicht verstanden. Comics, aus denen man für andere Comics lernt – was will man mehr?


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