Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Aus Trauer entsteht ein erzählerischer Triumph

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Vor acht oder gar neun Jahren, jedenfalls zu lange her, als dass ich mich an den genauen Zeitpunkt erinnern könnte, kam beim Kasseler Rotopol Verlag der Debütband eines Comiczeichners heraus, der – wie die meisten Rotopol-Autoren – in Kassel bei Hendrik Dorgathen studiert hatte, allerdings danch bei Atak in Halle abgeschlossen hatte. Das Resultat sah erstaunlicherweise weder nach Atak noch nach Dorgathen aus, aber Toleranz gegenüber anderen graphischen Stilen zeichnet beide Künstler aus, und deshalb sind aus ihren Illustrationsklassen einige der interessantesten deutschen Comiczeichner hervorgegangen. Dass einer davon beide Klassen durchlaufen hat, ist dagegen selten.

„Reprobus“ hieß der Band damals, und er erzählte eine Christophorus-Geschichte mit starken archaischen Zügen in der Bildgestaltung und etlichen inhaltlichen Verweisen auf Mythologie und eben Religion. So etwas hatte es selten im hiesigen Comicschaffen gegeben, international muss man David B. wohl als das wichtigste Vorbild nenne, womöglich auch Marjane Satrapi – aber was bei den beiden Franzosen schwarzweiß ist, legte Färber monochrom an, in einem mystischen Blaugrau, das die Geschichte genauso prägte wie die kantigen Zeichnungen.

Danach hatte ich nichts mehr von Markus Färber gehört, doch da der Band in meinen Regalen einen festen Platz hat, ist „Reprobus“ immer wieder von mir konsultiert worden – und sein Schöpfer nach einigen Jahren erfolglosen Wartens auf einen Nachfolgecomic abgetan als One-Hit-Wonder. Was mir entging, war ein Wissenschaftscomic im Auftrag der Bundesregierung aus Färbers Feder (geschrieben von Philipp Schrögel) mit dem eher abschreckenden Titel „Geschichten aus der Zukunft: Meere & Ozeane“, publiziert im „Wissenschaftsjahr“ 2016/17. Der Homepage von Färber entnehme ich, dass dieser Band eher bunt ausgefallen war: https://markusfaerber.de/comics-1.

Doch jetzt, acht oder neun Jahre nach dem Erstling (auch andere wissen es nicht genau: Der Verlag sagt neun Jahre, Markus Färber behauptet nur acht) hat Rotopol einen weiteren Band herausgebracht: „Fürchtetal“. Wieder ist Färber nur Zeichner, der Text stammt von seiner älteren Schwester Christine Färber. Diese Zusammenarbeit hat einen traurigen Anlass: den Tod des Vaters durch Suizid, offenbar überraschend für die Familie. Darum geht es in „Fürchtetal“, aber mit einem autofiktionalen Buch wie bei etlichen andren Autoren in Belletristik und Comic hat das Ergebnis nichts zu tun.

Das zeigt sich schon daran, dass Christine Färber eine poetische Beschreibung für den Schrecken gefunden hat, ohne dadurch irgendetwas zu beschönigen. Einzelne Sätze wiederholen sich bei der Beschreibung eines letzten Besuchs im Krankenhaus, wo der Vater mit Angstschüben eingeliefert wurde, und dessen Verwirrtheit wird im Text aufgehoben, der selbst nicht stringent erzählt, sondern assoziativ.

Und das ist natürlich eine Basis für die Interpretation durch Bilder, die dann Markus Färber geleistet hat. Schwarzweiß ist diesmal alles, oder besser grauweiß, denn es ist mit breitem Pinsel meist dünn aquarelliert worden. Wie schon bei „Reprobus“ gibt es an entscheidenden Stellen plötzlich bloße Linienzeichnungen, di eine abstrahierende Distanz zum Geschehen bieten. Und auch der Vater selbst ist mehr über Attribute wie seinen markanten Schnauzbart als Figur präsent denn als voll ausgearbeitete Figur. Da hat Markus Färber etwas wirklich Beachtliches geleistet. Bei einer Bildmetapher, die den Vater als Vogel zeigt, würde ich übrigens gerne wissen, ob Färber die Donald-Duck-Geschichte „Das Geheimnis der Eisenbahnaktien“ von Carl Barks kennt. Die Gestalt des Vogels kam mir aus diesem Kontext sehr bekannt vor.

Es gibt in der Mitte der Geschichte eine drucktechnische Besonderheit: eine Ausklappdoppelseite, die zusammengefaltet eine Art Spielplan des heimatlichen-unheimlichen Handlungsorts rund um das titelgebende Fürchtetal bietet. Natürlich ist das ein Abbild der inneren Landkarte des tieftraurigen Vaters, eine Wegbeschreibung ins Nichts. Und ausgefaltet bekommt man zu den numerierten Stationen dieser Via dolorosa biographische Erläuterungen, mit denen uns Christine Färber in die eigene Vergangenheit führt. Etwas Vergleichbares habe ich als Idee noch nicht im Comic gesehen.

So wird aus einer traurigen Geschichte eine höchst intelligente Zwiesprache von Text und Bild. Was Christine Färber nicht sagt, zeichnet Markus. Was Markus Färber nicht zeigt, beschreibt Christine. Und bisweilen, in den besten Momenten, schweigen beide in ihren jeweiligen Erzählformen. Da bleibt dann Raum für eigene Vorstellungen von dem Verlust, dem Erschrecken, der Trauer, aber auch dem gewissen Trost, den diese Weise des gemeinsamen Erinnerns bedeutet haben wird. Sie entspricht in den Auslassungen dem strukturellen Prinzip des Comics, seinen Zwischenräumen und erzwungenen Pausen. Das sind dann jeweils Erinnerungspausen an das, was im Bild zuvor war – um das nächste zu verstehen. Genauso arbeitet „Fürchtetal“. Man könnte dieses Buch ein großes Memorial nennen.

 


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