Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Kunst der Kärglichkeit

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Heuer ist die Zeit zwischen den Feiertagen pandemiebedingt noch etwas stillgestellter als sonst, und wer in Ländern oder Kommunen mit besonders strikten Regeln lebt, hat wenig kulturelle Abwechslung außerhalb der eigenen vier Wände. Innerhalb dagegen ist der Vielfalt an Lektüre keine Grenze gesetzt (außer der finanziellen), und einer der schönsten Comics für just diese Tage ist Nadine Redlichs „Stones“, der gerade bei Rotopol erschienen ist, dem Stammverlag der Düsseldorfer Zeichnerin. Der Band erzählt davon, dass selbst kleinste Ereignisse große Begeisterung auslösen können.

Redlichs markanter Minimalismus, wunderbar dokumentiert auf ihrer Homepage http://www.nadineredlich.de, hat hier seinen idealen Gegenstand gefunden: einen Stein. Also ein Gebilde, das noch weit weniger Abwechslung genießt als wir, könnte man meinen. Und so beginnt Redlich mit dem, was sie berühmt gemacht hat: einer Folge von völlig identischen Panels, bis es dann zu einer winzigen Veränderung kommt. Der Stein öffnet die Augen.

Augen bei einem Stein? Ja, Redlich belebt das Unbelebteste, was man sich vorstellen kann, und das wichtigste Mittel dazu sind natürlich Augen. Mehr als die, eine winzige Nase und einen Mund braucht der Stein gar nicht, um Persönlichkeit zu entfalten. Auch seine Umgebung ist immer gleich: eine Horizontlinie, die grüne Wiese und blauen Himmel trennt. Aber auf dieser kargen Bühne ist die Hölle los. Die sechs Seiten aus der Leseprobe werden es belegen: http://www.rotopolpress.de/produkte/stones.

Naja, zumindest die Hölle für den Stein. Der sieht ja schon in der Fähigkeit, mit den Augen zu rollen, eine echte Sensation. Darauf verwendet Redlich zwei ganze Seiten und somit zwölf Panels, denn natürlich ist auch die Seitenarchitektur immer identisch. „Here comes my favourite thing to do“, kündigt der Stein diese Vorführung an. Ja, er spricht Englisch (was ihn noch etwas allgemeingültiger macht), leicht verständlich ist er trotzdem. Polyglotte Kompetenz beweist er mit einem französischen Ausruf beim Anblick eines Gürteltiers: „Quelle performance subtile!“ Aus diesem Sprachwechsel muss man seine Ekstase angesichts des sich erst eingerollt vorbeibewegenden und dann entfaltenden Lebewesens ableiten. Was für eine Vielzahl an Ausdrucksmöglichkeiten Redlich ihrem Stein auch über seine recht spärlichen Äußerungen verschafft, ist bemerkenswert. Das geht von Publikumsbeschimpfung über Wortspiele bis zu rhetorischen Fragen.

Warum heißt der Band „Stones“, spricht also von Mehrzahl? Auch das ist ein subtiler Trick, denn wir dürfen nicht einmal sicher sein, dass es sich jeweils um denselben Stein handelt, auch wenn unsere Lesegewohnheiten das suggerieren. Die völlige Austauschbarkeit ihres Protagonisten ist Programm. Auf etwas mehr als siebzig Seiten wird der Stein/werden die Steine mit ständig neuen Eindrücken konfrontiert (soweit man bei einem Stein von „Eindrücken“ sprechen kann; er selbst nimmt/sie selbst nehmen Redewendungen gerne wörtlich). Aus der Rolle fällt er/fallen sie nie: keine Dialoge mit der Umgebung, nur mit uns als Betrachtern – da wird die vierte Wand munter eingerissen. Auch die Handlungszeit ist bis auf ein zwei Ausnahmen aufgehoben. Wie lange es dauert, bis der Stein von einer Schnecke überquert worden ist („At first I felt disgusted, but then connected“), muss man für sich selbst entscheiden. Der Tritt mit einem Wanderstiefel, der den Stein (der sich hier eher als Kiesel entpuppt) aus den Panels herauskickt, bis er nach einer vollkommen entsteinten Doppelseite wieder hineinfliegt, kann man dagegen in eine vertraute Chronologie einordnen. Trotzdem könnte der rasch zu lesende Comic leicht Millionen von Jahren abdecken. Was wissen wir denn, wie lange ein Stein auf Sensationen warten muss?

Wir dagegen blättern atemlos um, denn Redlich hat ihre Kunst der Kärglichkeit hier auf die Spitze getrieben und gerade dadurch einen wunderbar witzigen Comic geschaffen. Dessen simple Form könnte dazu verleiten anzunehmen, das könnte man auch selbst. O nein, so etwas kann nur Nadine Redlich. Mit ihrem Band allen da draußen in oder außerhalb der vier Wände ein gutes neues Jahr!


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