Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Ein Lenz für diesen Winter

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Warum nicht ein Klassiker zum Jahresbeginn? Aber dann gleich Büchners „Lenz“? Eine Novelle also, die zwar immerhin vom Autor selbst vollendet worden ist – selten beim jung gestorbenen Büchner –, aber eben doch mehr als 180 Jahre alt. Was reizt den 1966 geborenen Andreas Eikenrodt daran, aus dieser Vorlage einen Comic zu machen?

Nun, erst einmal die schlichte Tatsache, dass Eikenrodt bereits vor drei Jahren Büchners berühmtestes Werk, das Dramenfragment „Woyzeck“, adaptiert hat. Und zwar ganz ausgezeichnet. Die psychischen Ausnahmezustände des Titel-„Helden“ fasste der Gießener Zeichner in adäquat expressionistische Bilder, die wie ein unentwirrbarer Unbewusstseinsstrom auf den Seiten arrangiert wurden. Und genauso geht Eikenrodt jetzt auch wieder bei „Lenz“ vor. Das passt, denn auch dieser büchnersche Titel-„Held“ ist ja ein Mann im Ausnahmezustand. Und womöglich dürfen wir ja zur Abrundung einer Trilogie noch auf „Dantons Tod“ aus der Feder dieses Zeichners hoffen. Die Edition 52, die in Eikenrodt einen besonders treuen Lieferanten hochinteressanter Comics hat, wäre sicher angetan von einer Fortführung der Beschäftigung.

So sieht das aus in Eikenrodts „Lenz“: https://edition52.de/wp-content/uploads/AE_Lenz_13_21.pdf. Auf den ersten Blick ganz freundlich-harmonisch, auf den zweiten (von der zweiten Beispielseite an) ein graphisches Vexierspiel der Perspektiven und Persönlichkeiten. Natürlich mit Texten aus Büchners Novelle. Sehr viel Text sogar angesichts der recht kurzen Erzählung. Die ja auch nur eine Adaption war von Berichten über den Besuch des Sturm-und-Drang-Dichters Jakob Michael Reinhold Lenz beim elsässischen Pfarrer Johann Friedrich Oberlin im Winter 1778. Ein Besuch, der eine Flucht war. Gerettet wurde Lenz dort nicht, aber Oberlins Fürsorge kaufte ihm noch einmal Lebenszeit. Lenz starb 1792 in Moskau, vergessen. Weiter lebt er vor allem dank Büchners Novelle. So arbeitet sich der Mythos voran in der Zeit. Eikenrodt reicht ihn nun der Zukunft weiter.

Aber es gibt selbstverständlich noch mehr Gründe als nur literarische Traditionsgewährleistung. Ein weiterer mag das hübsche Wortspiel der „graphischen Novelle“ sein, das Eikenrodt für seinen Band gefunden hat. Oder die enthaltenen kunsthistorischen Bezugnahmen auf Arbeiten von solchen artistischen Phantasten wie Hieronymus Bosch (das Titelbild des büchner-eikenrodtschesn „Lenz“!) oder George Grosz (manche Physiognomien). Da werden Caspar David Friedrich zitiert und Munch, biblische Motive und ägyptische Wandmalereien. Oder auch das Plattencover zu Pink Floyds „Dark Side of the Moon“ – witzigerweise in einer Lektion Oberlins zur Farbenlehre. In diesem Comic geht es in vielerlei (und bester) Hinsicht kunterbunt zu.

Viel tiefer will ich gar nicht schürfen, denn eigene Entdeckungen machen den Hauptreiz der Lektüre aus. „Geschriebene Malerei“ nennt Eikenrodt mit Hermann Kurzke Büchners Schreibstil. Er setzt dagegen aber nicht gemalte Schrift, sondern eine Illustration im klassischen Sinne. Das Wort kommt vom lateinischen „beleuchten“. Eikenrodt macht Büchners Sprache sichtbar. Jetzt müssen nur noch genügend Leute hinschauen.


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