Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Totschlaghumor

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Es ist schon sieben Jahre her, dass im Redaktionsbüro von „Charlie Hebdo“ Cartoonisten massakriert wurden – und deren Kollegen. Im Sommer danach richteten Dominik Bauer und Elias Hauck (besser bekannt als Hauck & Bauer) im Berliner Babylon-Kino ein 24-Stunden-Cartoonfestival zur Mahnung und als Selbstbehauptungssignal der von Extremisten bedrohten Kunstform aus. Ich durfte ein paar Stunden davon moderieren. Und andere Teile verfolgte ich aus dem Zuschauerraum mit. Unter anderem auch den Auftritt des österreichischen Cartoonisten Oliver Ottitsch. Und der war sehr gut.

Seitdem verfolge ich sporadisch, wie der 1983 geborene Zeichner weitermacht. Und man darf sagen: radikal. Ottitsch legt immer mehr Scheuklappen ab und geht mit dem Zeichenstift dahin, wo es weh tut. Und in seinem neuesten Buch, „Die Liebe ist stärker als der Tod“ (erschienen im schön benannten Linzer Verlag Scherz & Schund), geht’s ans Eingemachte: Sterben. Aber kein naturgemäßes Wegdämmern im Altersbett oder früheren Krankheitstod, sondern cartoongerecht jenes Sterben, an dem die Menschheit selbst schuld ist: Durch so dumme Angewohnheiten wie Kriegführung, Herrschsucht, Liebesrausch oder Todesstrafe. Vor allem die letztere hat einige der bösartigsten Gags provoziert.

Deshalb die Warnung ans Publikum dieses Blogs: Ottitsch kann ihre Gefühle verletzen, obwohl das Titelbild in Rosa getaucht ist. Und das erste Blatt im Inneren eine Frühlingsszene zeigt, mit dem Titel „Verliebter Samurai“. Der schlitzt sich auf der Zeichnung gerade den Bauch auf, und ein Schwarm Schmetterlinge fliegt heraus. Das ist ein derart boshafter Witz, dass sogar André Franquin, der Großmeister des makabren Humos im Comic – „schwarze Gedanken“ heißt sein unvergänglicher Klassiker – darauf hätte stolz sein können, wenn Belgier denn die entsprechende Redewendung für jemand Verliebten  in ihrem Vokabular hätten. Andererseits hat Franquin selbst mit einem Samurai gehörig vorgelegt, der nach dem Seppuku die eigenen austretenden Gedärme betrachtet und begeistert ausruft: „Guckt mal, ich hab ja Krebs.“ Dieser Zynismus hat mich seinerzeit als Achtzehnjähriger umgehauen.

Heute ist das schwieriger, denn die Grenzen des Drastischen haben sich drastisch verschoben. Ich spare mir Beschreibungen; wer sich einen Eindruck machen will, schaue sich die Leseprobe https://www.scherzundschund.at/assets/Uploads/Ottitsch-LiebeTod-LESEPROBE-ds.pdf an (der Samurai ist auch dabei) – und sage keiner, er wäre nicht gewarnt gewesen. Was man darin aber auch sehen kann, ist die Erklärung dafür, warum Ottitschs Cartoonband überhaupt auf diesem Comic-Blog vorgestellt wird. Es gibt darin Comicsequenzen, teilweise gar über mehrere Seiten hinweg, die längste („Der Fährmann“) ist eine vollwertige Kurzgeschichte von deren sechs, wobei die dritte auf ein einziges Panel verwendet wird, das als verspätete Titelseite der Geschichte dient. Hier können Kenner, wenn sie wollen, an „La déviation“ von Moebius denken (natürlich nur betreffs der Bilddramaturgie, nicht des Zeichenstils oder des Themas), und woanders sieht man den Einfluss von Gary Larson überdeutlich. Doch wer von den Besten lernt, wird selbst immer besser.

Ottitsch hat noch keinen eindeutigen Stil ausgeprägt; ; in „Viva la Vegetation“ treibt es einmal sogar kunterbunt. Das Thema Tod hält die Episoden und Einzelgags eher zusammen als die Gestaltung. Und alles verbindet der Zynismus. Das traut man dem freundlichen jungen Herrn, der uns am Ende der Leseprobe anlächelt, gar nicht zu. Aber Abgründe müssen ja nicht immer gleich ein Grab sein. Obwohl: In Ottitschs Buch sind sie das im Regelfall.


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