Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Von der Würde alter Menschen

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Frau Zimmermann erzählte nicht, Frau Zimmermann zeichnete. Deshalb druckt Charlotte Müller in ihrem Comic „Ein Haus mit vielen Fenstern“ auch nicht wie sonst darin üblich die verschriftlichten Lebenserinnerungen dieser Altersheimbewohnerin ab, sondern einfach einige ihrer Bilder: fast schon wieder kindlich wirkende Aquarelle und Skizzen. Naive Kunst oder Art brut? Der Stil widersetzt sich der Klassifikation. Kunst einer sehr alten Frau. Die sehr viel zu erzählen hatte und es eben in Bildern tat.

Charlotte Müllers Comic beeindruckte mich schon vor einiger Zeit als Einreichung für den Berthold-Leibinger-Comicbuchpreis. Wobei ich es wagemutig fand, sich damit zu bewerben, denn so interessant das Konzept war, so wenig sah es eigentlich nach Comic aus. Müller, Jahrgang 1972, ist Kunsterzieherin und arbeitete lange in Berliner Altersheimen. Dort zeichnete sie Gespräche mit den Bewohnern auf, und das darf man wörtlich neben: Sie zeichnete auch, was sie hörte. Aus diesen raschen Skizzen ist etwas ins Buch gewandert, in Form von Porträts der alten Menschen, die sie mittels Text (und einmal eben auch mittels eigener Bilder) zu Wort kommen lässt.

Dazu gibt es bei einigen Lebensgeschichten einen Einblick in die aktuelle Lebenswelt ihrer Erzähler: Müller zeichnet ihre Altersheimzimmer in der Manier eines Bastelbogens, nämlich aus der Vogelsicht mit seitlich umgeklappten Wänden, so dass man einen genauen Einblick ins komplette Ambiente bekommt. Eine Vorstellung davon, wie das aussieht, gewährt die Leseprobe des Kunstanstifter-Verlags, der sich des Buchs nun angenommen hat: https://www.book2look.com/book/fPxEsNJ8HI&clickedBy=wall&wallid=oatjo1hgth .

Die Stilvielfalt von Charlotte Müller verblüfft. Denn zu den Federzeichnungen der Zimmer und den rauen Skizzen der Porträts tritt noch Gemaltes und Montiertes: Zu jeder größeren Geschichte gibt es gegenständliche Reminiszenzen an die jeweiligen Leben, teils als Reproduktionen, vor allem aber als aquarellierte Darstellungen von Gebrauchsartikeln oder Fotos, die Zeugnis ablegen von der individuellen Vergangenheit. Und dann gibt es jeweils eine opulent gestaltete und vor allem räumlich angelegte „Erinnerung an zu Hause“, in der die überraschendsten Szenerien auftauchen: selten das Wohnzimmer, aber häufig Küchen und Badezimmer. Einmal auch der Straßenzug des früheren Hauses. In den Gesprächen ist der Verlust des selbständigen Daseins ein wiederkehrendes Thema, und der wird meistens mit dem Aufgeben der früheren Wohnumgebung verbunden. Die Heimexistenz ist selbst bei noch unbeeinträchtigtem Geisteszustand eine empfundene Form von Entmündigung.

Solche Facetten machen Müllers Buch zu einer regelrechten Sozialstudie – nicht nach Klassen oder Besitzständen differenziert, sondern als Porträt einer Generation der Zwischenkriegszeit (und einige Gesprächspartner sind sogar noch älter). Alle dürften mittlerweile tot sein, und erstaunlich viele waren kinderlos, so dass die Dokumentation ihres Lebens wohl die einzige Spur bleiben wird, die diese Menschen hinterlassen haben. Schon das macht den Band zu einem wichtigen Werk, aber zugleich ist er in seiner vielfältigen Ausdrucksform auch ein Manifest fürs Bilder-Erzählen, für graphic documentary, wie wir sie erst kürzlich an dieser Stelle über Volker Schlechts Comic zu einem katholischen Widerstandskämpfer kennengelernt haben (https://blogs.faz.net/comic/2022/01/31/menschenliebe-im-horror-1829/) und für Mut bei der Ausgestaltung desen, was man Comic nennen kann. EinElement ist übrigens gegenüber der Einreichung zum Leibinger-Wettbewerb dazugekommen, und es ist das comictypischste: Charlotte Müller gibt einige Gespräche nur als Rede und Gegenrede in Sprechblasen wieder, und just dieses bildärmste Prinzip weckt am intensivsten Erinnerungen an klassische Comics.

Zum Schluss noch eine Warnung: Es ist keine tröstliche Lektüre, was es da aus dem Munde der Heiminsassen zu lesen gibt (und schön ist das „Haus mit vielen Fenstern“, wie Müller das Heim nennt, nicht; vor allem sieht man darin Türen, aus den Fenstern dagegen nie). Das Alter der Protagonisten legt nahe, dass sie viel Unerfreuliches erlebt haben, und mit dem gegenwärtigen Zustand ist niemand so recht glücklich. Aber das Buch ist auch keine Anklage gegen wen auch immer. Es ist aber allemal eine Würdigung von Menschen, die in ihrer Individualität trotz ähnlicher Umstände doch Unvergleichliches erlebt haben. An diese Würde des Daseins kann man gar nicht oft genug erinnert werden.


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