Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Gute Absicht macht noch keinen guten Comic 

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Das kann man an dem im vergangenen Jahr erschienenen Sammelband „Nächstes Jahr in“ erkennen. Übrigens fehlt da im Titel bewusst das erwartbare „Jerusalem“. Die Herausgeber Meike Heinigk, Antje Herden, Jonas Engelmann und Jakob Hoffmann, alle vier verdienstvolle Förderer des kulturellen Lebens im Rhein-Main-Gebiet, haben es sich nicht nur aus Originalitätsgründen verkniffen, obwohl es in ihrer im emsigen Ventil Verlag erschienenen Anthologie um „Comics und Episoden des jüdischen Lebens in Deutschland“ geht. Mit dem Abbruch der vertrauten Formulierung sollte wohl das potentiell Unerwartete an den elf enthaltenen Geschichten betont werden.

Und sicher auch, dass manche Protagonisten ihre Zukunft durchaus in Deutschland gesehen haben. Oder etwas konkreter: im Rhein-Main-Gebiet, und noch etwas konkreter: in Darmstadt, denn da spielt sich ein Großteil der Episoden ab. Leider gibt es keine Leseprobe vom Verlag, aber in diesen beiden im Vergleich mit mir ungleich begeisterten Beiträgen zum Comic sind zumindest einige Auszüge zu betrachten: https://www.kontextwochenzeitung.de/schaubuehne/553/geschichten-aus-dem-nirgendland-7807.html oder https://www.swr.de/swr2/literatur/juedische-geschichte-neu-erzaehlt-der-comicband-naechstes-jahr-in-100.html (hier sogar mit Filmbeitrag).

Sie bieten elf Porträts von jüdischen Persönlichkeiten oder Einrichtungen aus sieben Jahrhunderten, und Hintergrund der Publikation war natürlich das große Jubiläumsjahr 2021, das unter dem Motto „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ stand. Warum sollte von daraus resultierender Aufmerksamkeit und Bezuschussung nicht auch der Comic als Erzählform profitieren? Und so machten sich einige der namhaftesten deutschen Autoren auf diesem Feld an die Arbeit: Barbara Yelin, Elke Renate Steiner, Simon Schwartz, Tobi Dahmen oder Moni Port. Und zwei der erstaunlichsten Neulinge der jüngsten Zeit: Hannah Brinkmann und Büke Schwarz. Von einigen kannte man die Neugier auf jüdische Themen, bei anderen überraschte sie. Jedenfalls war alles bereitet für einen fulminanten Band.

Warum ist er das nicht geworden? Weil sich einige Autoren zu treu blieben. Simon Schwartz etwa erzählt vom Leben eines jüdischen Arztes an der Wende zum sechzehnten Jahrhundert, als ob er eine weitere Folge seiner wunderbaren Serie „Vita obscura“ erzählte. Nur leider nicht auf einer großen einzelnen Fläche, die ihm seine grandiosen seitenarchitektonischen Spielereien gestattet, sondern auf drei Buchseiten, die übers Anekdotische nicht hinausreichen und eben graphisch nichts Ungewöhnliches zu bieten haben. Elke Renate Steiner wiederum setzt ihre übliche Grauästhetik fort, nur wirkt die wiederum auf Albumseiten weniger überzeugend als in den sonst meist von ihr bestrittenen Kleinformaten. Tine Fetz und Hans-Jörg Brehm, um zwei weitere Beiträger zu nennen, können mit dem Albumformat offenbar gar nichts anfangen; Fetz bringt zu wenig, Brehm zu viel auf den Seiten unter.

Gewohnt großartig ist Barbara Yelin, und sie nutzt die ihr zur Verfügung stehenden Flächen zu einer Spannungsdramaturgie, die aus Gedichten von Mascha Kaléko tatsächlich einen lyrischen Comic macht. Dass sie dabei zu Bildlösungen kommt, wie sie auch Anselm Kiefer in seinen Gemälden zu Paul Celans Dichtungen gefunden hat – wie großartig, zwei inhaltlich offenbar verwandte Seele am Werk zu sehen. Und Büke Schwarz zeigt mit ihrem Comic über den Maler Ludwig Meidner, dass ihr autobiographischer Künstlerinnencomic „Jein“ vor zwei Jahren keine Eintagsfliege war. Diese Zeichnerin versteht einfach, bildende Kunst und vor allem den Prozess von Kunstentstehung ins Bild zu setzen.

Aber das sind eben Ausnahmen, der Rest ist meist im unangenehmen Sinn erwartbar. Auch betreffs der Begleittexte, in denen die historischen Kontexte erläutert werden. Aber auf einem Niveau, das sich so trocken wie ein Schulbuch liest. Womöglich soll „Nächstes Jahr in“ das ja auch gerade sein, so kommt man sicher leichter an Fördergeld als mit einem avantgardistischen Konzept. Aber wenn man etwa an die vor langer Zeit entstandene israelisch-deutsche Comic-Anthologie „Tel Aviv Berlin“ denkt, dann sieht man, dass reine Geschichtsgeschichten weniger zur Vermittlung der Faszination der jüdischen Kultur taugen als aktuelle Beobachtungen, wie sie dort versammelt waren. Schön deshalb, dass immerhin Moni Ports und Miriam Werners Beitrag zu „Näcstes Jahr in“ unsere Gegenwart erreicht und von der Freundschaft beider Frauen erzählt. Leben muss Lebendigkeit vermitteln.

 


2 Lesermeinungen

  1. MasterRoshi sagt:

    IHRE FACHLICHE MEINUNG IN EHREN ...
    Lieber Herr Platthaus,

    Ich schreibe diesmal nicht, um auf die Schreib- / Druckfehler in ihrem Beitrag hinzuweisen …
    Ich liebe ihren Blog und nach einem Comic-Kurs bei der wunderbaren Leonore Poth weiss ich noch viel besser, wie schwer es ist aus einer Geschichte überhaupt einen Comic, gleich welchen Typs, zu machen – zum Glück werde ich eh’ nix veröffentlichen und brauche keine Schublade.

    Ich finde diesen Band wunderbar, jüdische Geschichte, verschiedene Stile und Erzählweisen … mir gefällt es und animiert mich es weiter zu versuchen. In dem verlinkten Beitrag von SWR3 handelt es sich nicht um einen Filmbeitrag sondern um einen (Audio)Blog mit dem Titelbild als Abbildung im Print-Beitrag – in dem weiters auch einige Abbildungen des Comic zu sehen sind – also lesen, hören, sehen ;-)))

    Danke für ihre gute Arbeit die mir immer wieder Spass macht zu lesen und mich in meiner Liebe zu Comics, Illustration und allem was so dazu gehört bestärkt.
    Wie sagte schon Scott McCloud in „Comics richtig lesen“ Kapitel 8:

    NACH MEINEM VERSTÄNDNIS IST KUNST JEDE MENSCHLICHE AKTIVITÄT, DIE NICHT AUS EINEM UNSERER BEIDEN HAUPTINSTINKTE ENTSTEHT – DEM FORTPFLANZUNGS- ODER DEM SELBSTERHALTUNGSTRIEB!

    Leider konnte ich das Panel nicht reinkopieren …

    In diesem Sinne viel weiterhin frohes Schaffen, bleiben sie gesund and be good
    🙏❤️🐵🦁 Wolfgang Bönsch

    • andreasplatthaus sagt:

      Besten Dank, lieber Herr Bönsch,

      das sind die konstruktiven KOmmentare, die man sich wünscht. Beste GRüße,

      Ihr Andreas platthaus.

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