Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Ich liebe diese enttäuschte Liebe

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Man könnte meinen, dass ein achtundvierzigseitiges kleines Heft nach neun Jahren Pause nicht viel hermacht. Denn so lange haben wir gewartet auf den zweiten Teil von „Das Land, das es nicht gibt“ von Peter „Auge“ Lorenz. Der Berliner Zeichner, guter Geist hinter der legendären Comicbibliothek Renate, hatte 2013 ganz keck auf den Umschlag eines damals frisch erschienen Büchleins geschrieben: „Heft 1: Die Militär-Ausgabe“. Also durfte man doch irgendwann mit Nummer zwei rechnen. Ernsthaft jedoch tat man das nach einiger Zeit nicht mehr. Und nun ist sie doch da.

„Das Land, das es nicht gibt“ meint die DDR, in der Lorenz 1963 geboren wurde, und natürlich sind die Episoden in beiden Heften autobiographisch grundiert. Also noch nicht einmal Mühe beim Stoffsammeln – könnte man meinen. Aber man unterschätzt die sonstigen Mühen für Comiczeichner, die sich weiterhin der alternativen Szene zugehörig fühlen. Lorenz ist ein Comicaktivist, und sein Herzensprojekt, die Renate, hat in den vergangenen Jahren unter der Pandemie gelitten, weil der Umsatz aus dem dort nebenher getätigten Verkauf in den Lockdownzeiten wegbrach. Aber noch hält sie durch, und das ist nicht zuletzt das Verdienst von „Herrn Auge“.

Daneben blieb dann zu wenig konzentrierte Zeit zum Zeichnen, und wenn es sie doch gab, dann trieb Lorenz auch noch anderes um als seine vor Jahren mutig deklarierte Heftserie. So zeichnete er jüngst etwa einen kleinen modernen Totentanz aus dreizehn Bildern, der muntere Skelette mit Angehörigen jener Berufsgruppen zusammenführte, die während der Pandemie nicht in die schützende Isolation gehen konnten: Ärzte, Apotheker, Verkäufer, Türsteher, Polizisten und so weiter. Und im dreizehnten Bild zeichnete Lorenz auch sich selbst: das Skelett zeichnend. Aus seinem Blatt ersteht es auf und tippt seinem Schöpfer auf die Schulter.

Dieses kleine Heft druckte er privat mit Risographietechnik in neunzig Exemplaren, und das hat ebenfalls Zeit gekostet. Also doch bemerkenswert, dass gleichzeitig auch noch die Fortsetzung von „Das Land, das es nicht gibt“ entstanden ist. Da immerhin übernahm der Jaja Verlag den Vertrieb, den Risodruck besorgte wiederum Lorenz selbst. So sieht es aus: https://www.jajaverlag.com/autoren/peter-auge-lorenz/, eine Leseprobe gibt es leider nicht.  Also nun endlich zum Inhalt.

„Die schiefe Bahn“ lautet diesmal der Untertitel, aber die neigt sich nur leicht. Die drei Protagonisten von Peter Lorenz – Sven, Ole und vor allem Pepe, der in drei der vier Geschichten des zweiten Heftes im Mittelpunkt steht – sind junge Ost-Berliner und moderat unangepasst. Aber eigentlich reizende Kerle, also machen die ersten beiden bei den Aufnahmeritualen in eine jugendliche Schlägertruppe gar nicht erst ernsthaft mit, sondern wollen sich durchmogeln. In dieser ersten Erzählung herrscht noch ein dünner, leicht krakeliger Strich in den Zeichnungen vor, der sich in den folgenden drei Pepe-Episoden zu einem dickeren rundet, also gefälliger wird. Und mir gefallen auch die Pepe-Kapitel viel besser, schon allein, weil der Protagonist kein Schüler mehr ist, sondern schon ein später Teenager oder junger Erwachsener, also geht es etwas weniger naiv als zum Auftakt zu. Aber erst in der letzten Geschichte, „In Reihe geschaltet“, erreicht das Heft seinen Höhepunkt.

Es ist erfreulicherweise die längste des Story-Quartetts: immerhin einundzwanzig Seiten. Trotzdem ist es angesichts des Kleinformats in zehn Minuten gelesen, und man könnte meinen, zehn Euro wären dann doch etwas viel für solchen Kurzgenuss. Aber man meint eben viel voreilig bei diesem Heft, denn diese Geschichte wird man immer wieder lesen, weil sie ganz anders ist als alles, was bislang unter dem Label „Das Land, das es nicht gibt“ erzählt wurde, also anders als das ganze erste und das halbe zweite Heft – und auch anders als das, was sonst von anderen über die DDR erzählt wurde. Hier nämlich bleibt die DDR zunächst einmal egal, das Geschehen könnte anfangs, ja größtenteils überall spielen, und so vergisst man bis zu einer Wendung, mit der es dann doch spezifisch totalitär wird, den Schauplatz. Denn „In Reihe geschaltet“ erzählt von einer enttäuschten Liebe, und das so wunderbar beiläufig, wie es sonst nur große Literatur tut.

Jedes weitere Wort wäre zu viel, denn es nähme der Leichtigkeit von Lorenz’ Darstellung die Wirkung. Was sich in Bildern und kombiniertem Text aus Dialogen und reflektierter Erinnerung so selbstverständlich entwickelt, muss in einer Nacherzählung banal klingen. Nur so viel: Auf eine derartige Kurzgeschichte im dritten Heft von „Das Land, das es nicht gibt“ warte ich gerne auch noch einmal neun weitere Jahre.


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