Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Schämt man sich vor seinem Roboter?

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Ein neuer Comic von Killoffer ist ein Ereignis. Denn der 1966 geborene Franzose ist eine Legende: vor dreißig Jahren Mitbegründer des Autorenverlags L’Association, ohne den nichts im zeitgenössischen Comic so wäre, wie es eben ist (im besten Sinne); vor zwanzig Jahren Autor des Albums „676 Erscheinungen von Killoffer“, einem Band, der das autofiktionale Comicerzählen revolutionierte; vor sechs Hauptfigur der Science-Fiction-Comicserie „Infinity 8“ seines alten Weggefährten Lewis Trondheim, deren letzten Band er selbst zeichnete (wer nochmal etwas dazu wissen will: https://blogs.faz.net/comic/2017/05/02/hitler-hat-den-kopf-verloren-1018/); ein mirakulöser Meister des Bleistifts in seiner freien Kunst, der Strukturen aus Schraffuren zu schaffen versteht, die jeden anderen Zeichner vor Neid erblassen lassen; und ein Exhibitionist auf dem Papier, der sich selbst (Revolutionär der Autofiktion!) im schlechtesten Licht erscheinen lässt. Neue Comics von Killoffer gab es früher im Jahres, wenn nicht Halbjahrestakt; seit er sich als Herausgeber um „Notre Lapin Quotidien“, die aktuelle Dreimonatszeitschrift von L’Association (im Zeitungsformat!) kümmert, erscheint so gut wie nichts mehr.

Doch nun „En Chair et en fer“ (Übersetzt: „In Fleisch und Eisen“, und Auktion/Gebot – enchère – und Hölle – enfer – stecken auch noch drin). Wobei dieser bei Casterman erschienene silberglänzende Comic im Querformat gar keine Novität ist, sondern Killoffers gezeichneter Beitrag zum Buch „Machines insurrectionelles“ des Philosophen Dominique Lestel. Darin geht es um Roboter-Ethik und -Kommunikation, und Killoffer ließ sich dazu eine wortlose Geschichte einfallen, in der er selbst irgendwann in der Zukunft mit einem Roboter zusammenlebt. Wer die „676 Erscheinungen“ oder auch „Killoffer tel qu’en lui-même“ von 2015 kennt, der weiß, was diesen Roboter erwartet: ein Zusammenleben mit einem isolierten, missgelaunten, unrasierten, sexuell frustrierten, meist halbnackt (untenrum) in der Wohnung herumlaufenden Messy. Wer’s noch nicht weiß, kann es sich hier ansehen: https://www.casterman.com/Bande-dessinee/Catalogue/albums/killoffer-en-chair-et-en-fer#&gid=1&pid=3.

Der Droide hält das denn auch nicht lange aus; am Esstisch (er verspeist eine Batterieladung, Killoffer eine zusammenpanschte Fertigmahlzeit) gibt es einen Kurzschluss, ein Wiederbelebungsversuch erweist sich als kurzfristig, und so kommt der Mann aus Eisen ins Maschinenkolumbarium. So viel zur Roboter-Ethik.

Natürlich braucht es einen neuen, der wird einfach eingekauft, aber wie bei einem Soziopathen wie dem fiktiven Killoffer nicht anders zu erwarten, geht das Zusammenleben schief (soviel zur Roboter-Kommunikation). Wobei der reale Killoffer nicht er selbst wäre, wenn es nicht einen irritierenden, aber auch irisierenden Dreh am Ende gäbe.

Doch viel mehr als seine spezifische Weise zu erzählen haben mich schon immer die klaren Linien von Killoffer angezogen. Er ist neben Marc-Antoine Mathieu der Großmeister des französischen Schwarzweiß-Comics, ähnlich streng geht er auch mit dem Seitenarchitektur um (diesmal jeweils sechs gleichgroße Quadratbilder pro Seite), und gleichzeitig haben seine Konturen ein Gewicht, weil sie so satt und dick gezeichnet sind, dass man sich in Frans Masereels Bilderwelten zurückversetzt fühlt.

Und dann der Witz dieses Autors! Nicht nur die Selbstironie, sondern auch der Anspielungsreichtum. Da liegt etwa im Lotterbett des faulen Killoffer des Comics jenes Buch, für das die Geschichte überhaupt erst entstand. Oder man achte auf den mechanischen Hund im Haushalt – beiläufiger ist seit Idefix im Asterix-Band „Tour de France“ vor mehr als fünfzig Jahren keine markante Nebenfigur mehr eingeführt worden. Erst im Zurückblättern erschließt sich der Reiz ihres Auftritts. Dazu die Killoffer-Kunst für gelegentlicher Symbolsprache bei Geräuschen und Dialogen und seine Lust am zeitaktuellen Kolorit dadurch, dass in dieser Zukunft immer noch alle mit Gesichtsmaske herumlaufen.

Und es gibt ein Vorbild, dem ausgiebig in zahlreichen Details gehuldigt wird, für das allein ich „En Chair et en fer“ lieben würde: Yves Chaland, tödlich verunglückt, als Killoffer gerade seine Karriere begann, der Liebling aller französischen Comiczeichner seither. Aber Killoffer zitiert nicht dessen bekanntere Arbeiten wie „Freddy Lombard“, sondern den nostalgischen Science-Fiction-Comic „Adolphus Claar“ von 1983. Mit dieser Überdosis Liebe und Brillanz gehe ich jetzt in die Warteschleife bis zum nächsten Killoffer.


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