Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Keine Müdigkeit, wenn es ums Lebenswerk geht

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Manchmal hat man Glück, und nach vielen Jahren trifft man eines seiner Idole wieder. In diesem Fall Jacques Tardi, den größten lebenden Comiczeichner Frankreichs. Das letzte Mal, dass ich ihn traf, war in Erlangen, als er 2014 den Max-und-Moritz-Preis für sein Lebenswerk erhielt. Aber da hatte er anderes im Kopf, als sich an einen deutschen Journalisten zu erinnern, der ihn zwei Jahre zuvor in Paris besucht hatte, kurz bevor der erste Band seines persönlichsten Comics erschienen war: „Moi René Tardi, prisonnier de guerre au Stalag II B“, die Geschichte von Jacques Tardis Vater, der im Zweiten Weltkrieg fast fünf Jahre lang als Kriegsgefangener in Hinterpommern festgehalten worden war. Damals in Paris hatte Tardi über den kommenden Band erzählt, und ich hatte darüber geschrieben, aber Tardi spricht kein Deutsch, also wird er es nicht gelesen haben. Und Journalisten lässt er ohnehin nicht gerne an sich heran; ich hatte damals lediglich das Glück, über einen gemeinsamen Bekannten vorgelassen zu werden. In Erlangen beschränkte sich unser Gespräch auf ein paar Floskeln.

Diesmal war das Glück anderer Natur. Tardi hatte 2021 für seine Trilogie „Moi René Tardi“ (Leseprobe des letzten Bandes: https://www.editionmoderne.ch/buch/ich-rene-tardi-band3/) den Einhard-Preis zugesprochen bekommen, eine überaus renommierte Auszeichnung, die im hessischen Seligenstadt für historische Biographen verliehen wird.  In der Jury sitzt mein Kollege Patrick Bahners, und er empfahl mich für die Laudatio. Verliehen werden sollte der Preis natürlich auch schon 2021, doch Corona machte einen Strich durch diese Rechnung, weil Tardi Mitte siebzig war und sich nicht dem Ansteckungsrisiko aussetzen wollte. So wurde alles auf 2022 verschoben, und dass es nun wirklich geschah, darf man als kleines Wunder betrachten, denn soviel besser ist die pandemische Lage ja nicht geworden.. Aber der Zeichner kam tatsächlich aus Paris angereist, seine Frau Dominique Grange begleitete ihn. Und ich durfte auf der Preisverleihung reden und danach natürlich auch im kleinen Kreis mit Tardi selbst.

Die Gefahr, eigene Idole persönlich kennenzulernen, ist groß. Halten Sie den eigenen Vorstellungen stand?  Nun wusste ich vom Pariser Besuch, dass Tardi ein analytischer Kommentator des eigenen Werks ist und ziemlich kompromisslos, was seine Rücksichtnahme auf Gesprächspartner angeht: Was diese interessiert, muss ihn noch lange nicht interessieren. Am besten, man lässt ihn erzählen. In Seligenstadt indes war die Situation besser: Ich wollte gar nichts von ihm, und er hatte Gefallen an meiner Laudatio gefunden. Dass ich jemals von Tardi umarmt werden würde, hätte ich mir nicht träumen lassen. Und was er dann erzählte, noch weniger.

Die gute Nachricht ist, dass er schon wieder an einem neuen Comic sitzt. Das indes war zu erwarten. Tardi ist zeit seiner Karriere ein unermüdlicher Zeichner gewesen. Gerade erst ist in Frankreich beim Verlag Delcourt „Elise et les nouveaux partisans“ herausgekommen, die nur leicht fiktionalisierte Autobiographie seiner Frau. die in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren eine Liedermacherin der französischen Linken war und sich in den landesweiten Streikaktionen der Arbeiterschaft an vorderster Front bewegte. Doch als nächstes wird Tardi seine berühmteste Serie fortsetzen und zu Ende bringen: mit dem zehnten Band der Abenteuer von Adèle Blanc-Sec, seiner 1976 erstmals aufgetreten Detektivin aus der Belle Époque, über die seit dem neunten Band von 2007 nichts mehr zu lesen gewesen war. Dass sie zurückkehren wird zu einem letzten Einsatz, dürfte die größte Neuigkeit sein, die der französische Comic seit Jahren zu bieten hatte.

Über den Inhalt dieser Fortsetzung hat Tardi in Seligenstadt nichts gesagt. Aber „Adèle“ ist ja ohnehin im Laufe des Geschehens immer assoziativer geworden; es könnte also durchaus sein, dass ihr Autor selbst noch gar nicht weiß, wohin es ihn mit dem Finale treiben wird. Noch wesentlich interessanter war es denn auch, als Tardi das Gespräch auf den Schriftsteller Céline brachte, von dem er vor mehr als dreißig Jahren drei Romane illustriert hat – nicht als Comics, sondern mit Begleitbildern, allerdings jeweils Hunderten davon. Diese Ausgaben sind längst vergriffen. Neben dem berühmtesten Buch von Céline, „Reise ans Ende der Nacht“ (erschienen 1932), und dessen Nachfolger „Tod auf Kredit“ (1936) war darunter auch „Casse-Pipe“, ein Romanfragment, das 1948 erschien, als der Schriftsteller in Frankreich Persona non grata war, weil er nicht nur fanatischer Antisemit war, sondern sich im Zweiten Weltkrieg auch als Kollaborateur diskreditiert hatte.

Nach seiner Flucht 1944 war Célines Pariser Wohnung durchsucht und ein großes Konvolut von Manuskripten beschlagnahmt worden. Die hatte dann ein Bewunderer des Schriftstellers an sich gebracht, um sie zu bewahren. Doch sie sollten nicht dem verrufenen Céline selbst oder dessen Frau zugutekommen, weshalb der Besitzer verfügte, die Manuskripte erst nach beider Tod für die Öffentlichkeit freizugeben. Céline starb 1961, aber seine Witwe Lucette wurde sage und schreibe 107 Jahre alt. Erst nachdem auch sie 2019 das Zeitliche gesegnete hatte, erfuhr die Welt von dem Riesenbestand an Unveröffentlichtem. Es war die literarische Sensationsnachricht des Jahres 2021.

In diesem Konvolut befindet sich auch das komplette Manuskript zu „Casse-Pipe“, und Tardi spielt mit dem Gedanken, nun den kompletten Text zu illustrieren. Noch kennt er ihn ebenso wenig wie der Rest der Welt; gerade erst laufen die Vorarbeiten zur Publikation des gesamten Materials, und ob ausgerechnet „Casse-Pipe“ dabei früh berücksichtigt werden wird, bleibt abzuwarten. Was Tardi an dem Roman fasziniert, ist klar: Er erzählt von Célines Zeit als junger Soldat unmittelbar vor und dann im Ersten Weltkrieg. Kein anderer Comiczeichner hat sich so sehr dieser Epoche verschrieben wie Tardi, und die radikal antimilitaristische Haltung des Romans ist ihm sympathisch. So sympathisch, dass Tardi durch Célines grässliche antisemitische Pamphlete der dreißiger Jahre nicht abgeschreckt wird, wenn er auch sagt, dass es auch schon in den neunziger Jahren Versuche gegeben habe, ihn durch diese literarische Vorliebe unmöglich zu machen: „In die Nähe von Antisemitismus gerückt zu werden, ist eine sehr unangenehme Erfahrung.“ Aber Tardi schreckt das offenbar nicht ab.

Nun besteht kein Zweifel daran, dass Céline einer der bedeutendsten französischen Autoren des zwanzigsten Jahrhunderts ist, und Tardi ist ein Meister des Grotesken, wie es auch bei Céline (sprachlich) dominiert. Die Kombination ist also formal ein Traum. Ob es überhaupt denkbar ist, die erwartete Neuausgabe von „Casse-Pipe“ rasch als illustriertes Buch erscheinen zu lassen, muss man abwarten. Aber die Lust Tardis daran ist groß, und mit nunmehr fünfundsiebzig Jahren wird er sich seine Projekte ganz genau aussuchen. Es wäre eine Rückkehr zu einem zentralen Aspekt seines Werks – wie schon im Falle von „Adèle Blanc-Sec“. Tardi will sein Lebenswerk runden. Und ich will nicht nur lesen, wie „Casse-pipe“ wirklich gedacht war, sondern auch, was Tardi für Bilder dafür finden will.

Und zur moralischen Frage: Bei seinem Dank für die Seligenstädter Auszeichnung verkündete Tardi, dass er das gesamte Preisgeld, immerhin zehntausend Euro, an die Flüchtlingshilfe Mare Liberum spenden werde, jene in den Niederlanden ansässige Organisation, die sich um Rettung Schiffbrüchiger im Mittelmeer bemüht.


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