Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Entblößt am Strand

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Ostende ist ein Mythos, ein vor allem ästhetischer. Daran hat Volker Weidermanns vor einigen Jahren erschienene Darstellung der Beziehungen zwischen den sich in dem belgischen Küstenort versammelnden deutschen Exilschriftstellern entscheidenden Anteil. Und natürlich auch der dort geborene, gestorbene und wirkende Maler James Ensor. Die Verbindung von Literatur und Kunst leistet aber nun Dominique Goblet.

Diese belgische Comiczeichnerin, Jahrgang 1967, ist kein vertrauter Name unter deutschen Comiclesern, aber sie gehört zu den wagemutigsten Erzählerinnen ihres Fachs, und immerhin sind zwei ihrer Bücher auch übersetzt worden. Mit dem autobiographischen Band „So tun als ob, heißt lügen“ hat sie gezeigt, in wie vielen Stilen gezeichnet werden kann, ohne dass die Kongruenz einer Geschichte leidet, und für „Bei Gefallen auch mehr“ hat sie sich mit ihrem deutschen Kollegen Kai Pfeiffer zusammengetan – er erstellte Texte, sie die Bilder und auch Texte. Pfeiffer, der große Unvollendete des deutschen Comics, ist ein wunderbar experimentierfreudiger Comic-Autor, der leider nur zu selten auch etwas gezeichnet bekommt.

Aber zurück nach Ostende. Dort ist Dominique Goblet während der Pandemie unzählige Male über den winterlichen Nordseestrand gewandert und hat Bilder gemalt. Herausgekommen ist trotzdem ein Comic, aber einer, der anders arbeitet, als man es gewöhnt ist. „Ostende“, erschienen bei Goblets Hausverlag Fremok (der mittlerweile nur noch als FRMK formiert), ist ein Querformat und kommt beim Aufschlagen daher wie eine Ansammlung einzelner spektakulärer Panoramansichten: doppelseitiges Vorsatzpapier mit einer himmelblauen Wasserfläche, dann fünf jeweils ganzseitige menschenleere Strandszenen, teils direkt am Meeressaum, teils im Hinterland. Doch dann setzt mit Gelächter so etwas wie Handlung ein. Ein bis auf Socken und Sportschuhe nackter Mann sitzt auf einem Baumstumpf und sagt „Hahaha“.

Eigentlich müsste man sich jetzt ansehen können, wie das alles aussieht, aber Fremok geizt mit Leseproben. Doch hier kann man zumindest einen Eindruck bekommen: https://www.franceculture.fr/emissions/par-les-temps-qui-courent/dominique-goblet-autrice-et-dessinatrice. Und zudem führt der Link zu einem fast dreiviertelstündigen Radiobeitrag von France Culture über Goblets Arbeit an dem Comic und ihrem Leben in Ostende. Hört man sich den an, dann bekommt man bestätigt, was auch schon die wenigen Bildbeispiele zeigen: Ihre Faszination für den Ort war groß.

Die Geschichte, die „Ostende“ erzählt, kann man surreal nennen, und das nicht nur zweier Kühe wegen, die plötzlich mitten auf dem Strand liegen. Im Kern variiert Goblet ein markantes Motiv: Eine Frau streift am Meer alle Kleider ab, und sie wird dabei beobachtet und beobachtet wiederum selbst. Landschaften wechseln sich mit Aktstudien und beinahe abstrakten Kompositionen ab, manche Bilder sind traumwandlerisch, andere akribisch genau im Einfangen der tristen Winterstimmung an der Nordseeküste. Ob dieser Zyklus je dazu gedacht war, in eine logische Reihenfolge gebracht zu werden, oder Dominique Goblet nach Abschluss ihrer Aufenthalte alles, was sie gemalt hat, irgendwie passend arrangierte, das verrät der hinreißend schöne Band nicht.

Aber ihr Aufenthalt in Ostende hat die Autorin noch zu einer zweiten Publikation bewegt (und womöglich folgen noch mehr, denn der querformatige Band „Ostende“ ist mit „Volume 1“ betitelt). Das zweite ist ein ganz anderes Buch; es heißt „Ostende Carnets“ und enthält Blätter aus Goblets Skizzenbüchern – einige daraus kann man hier sehen: https://peinture-fraiche.be/en/book/ostende-carnets-dominique-goblet/. Darin ist Material versammelt, das den Bildern von „Ostende“ vorausgegangen ist, aber es gibt auch kurze Textpassagen mit Notaten von Beobachtungen oder Reflexionen – herausgekommen ist ein Arbeitsbuch voller assoziativer Elemente, natürlich mit zahlreichen Akte, aber auch gleichsam tachistisch anmutenden Abfolgen von gezeichneten Seilsträngen, Gittergeflechten oder einfach Phantasiegebilden, die offenbar aus einzelnen Details dessen, was Goblet in Ostende begegnet ist, hervorgegangen sind. Man sieht hier eine Zeichnerin auf der Suche nach ihren Formen, und besonders faszinierend ist, wie wenig davon dann ins fertige Hauptwerk eingegangen ist.

Was „Ostende“ und „Ostende Carnets“ (beide leider nur auf Französisch zu haben) leisten, ist nicht weniger als eine Ausweitung der Comiczone. Hier wird künstlerisch erzählt, ohne künstlich zu wirken. Und nebenbei hat die herstellerische Sorgfalt von Fremok zwei bestechend schöne Bücher ergeben. Vielleicht wird man sie nie lesen (oder wiederlesen), aber ganz gewiss häufig aufschlagen, um sich von Dominique Goblet ans Meer führen zu lassen. Mir hat sie jedenfalls mehr über die stille Magie dieses Ortes erzählt als Volker Weidermann oder auch James Ensor.


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