Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Der beruhigende Klang der Computertastatur

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Aisha Franz kam vor etwas mehr als zehn Jahren wie ein Wunder in den deutschen Comic: aus der Dorgathen-Klasse der Kunsthochschule Kassel, aber mit einer vollkommen anderen Ästhetik als ihr Lehrer. Franz zeichnete mit Bleistift und bewusst naiv statt konstruktivistisch, fast kindlich, aber was sie in „Alien“, ihrem Debütband erzählte, das passte wiederum perfekt zum Ideal Hendrik Dorgathens, der trotz der eigenen graphischen Souveränität immer die Bedeutung einer Geschichte betont hat. Und „Alien“, ein Jugenddrama mit Horror und Humor, hatte eine Geschichte zu bieten, die sich gewaschen hat.

Franz machte damit Furore, gewann sofort den Sondermann-Preis für die beste Newcomerin, und publiziert seitdem bei Reprodukt ,der ersten Adresse für deutsche Zeichner, die auf ambitioniertes Erzählen setzen, zuverlässig weitere Comicmeisterweke: erst „Brigitte und der Perlenhort“, dann „Shit is real“ und nun „Work Life Balance“. Moment, nur drei Bücher in einem Jahrzehnt? Ja, aber nebenher kamen zahllose selbstverlegte Kleinhefte heraus – in meinem Regal finden sich zum Beispiel „Das Institut“, „Eyez“, „Rhythm ’n’ Paradise“ oder „Italian Graffiti“, und das waren alles nur Zufallsfunde auf Kleinverlagmessen. Franz unterrichtet auch und ist überhaupt in der hiesigen unabhängigen Szene ein guter Geist wie sonst nur noch Sascha Hommer.

Vor vier Jahren kaufte ich ein von ihr bei Colorama verlegtes Heftchen namens „Work Life Balance“, also einen Vorläufer von Franz’ jetzigem neuen Band. Das war allerdings noch schwarzweiß gedruckt und gerade mal zwölf Seiten stark, auf Englisch geschrieben und so scheinbar spontan gezeichnet wie ehedem „Alien“. „Work Life Balance“ in seiner nun bei Reprodukt publizierten Form hat dagegen Farbe, 256 Seiten und extrem ausgearbeitete Zeichnungen (hier die Leseprobe mit dem fast kompletten ersten Kapitel: https://www.reprodukt.com/Produkt/deutscheautorinnen/work-life-balance/). Es ist der schönste Band, den Aisha Franz bisher publiziert hat. Und auch erzählerisch der beste.

Das hatte das Land Berlin begriffen, als es die Entstehung des Buchs 2020 mit seinem jährlichen Comicstipendium förderte, einer der höchstdotierten hiesigen Auszeichnungen in diesem Metier. Allerdings konnte man leicht schon an der zwölfseitigen Heft-Etüde erkennen, was in dieser Geschichte steckt. Obwohl die damals publizierte Episode nicht ins fertige Buch eingegangen ist, hatte sie schon dieselbe Hauptfigur: eine leicht füllige (damals noch namenlose) Psychotherapeutin, die ihre Patienten ziemlich von oben herab behandelt und sich ihr eigenes Leben mit allen möglichen Ablenkungen schön macht, vor denen sie normalerweise warnt.

Der nun erschienene umfangreiche Comic „Work Life Balance“ gibt ihr einen Namen: S. Sharifi. Und er führt drei weitere Hauptfiguren ein: Anita, Sandra und Rex, alles Patienten von Doktor Sharifi. Anita freiwillig, denn die als Künstlerin gescheiterte Keramikerin kommt mit den Minderwertigkeitskomplexen gegenüber ihrer erfolgreichen Atelierkollegin nicht zurecht; Sandra gezwungenermaßen, denn ihr Arbeitgeber verpflichtet die „Graduate Data Strategist“ nach Bekanntwerden einer von ihr erpressten sexuellen Beziehung mit einem Kollegen zum therapeutischen Gespräch; und Rex schließlich ohne sein Wissen, denn der selbständige Programmierer hackt sich in ein von ihm selbst erdachtes virtuelles Therapieprogramm ein, um das ihn Sandras Firma betrogen hat, und trifft dort auf den Avatar von Frau Doktor Sharifi.

Was die drei beruflich geplagten jungen Leute noch miteinander verbindet, liest man am besten selbst. Auch, wie skurril Aisha Franz ihre Therapeutin einführt: als selig der Einspielung von Tastaturgeräuschen lauschende Frau – was für eine Idee! Doch die Bedeutung dieses Comics liegt vor allem in seinem präzisen Porträt prekärer Arbeitsbedingungen in unserer Gesellschaft – prekär sowohl finanziell als auch psychologisch und intrinsisch. „Work Life Balance“ macht klar, dass mit dem Scheitern des Faktors „Arbeit“ auch das sonstige Leben aus dem Gleichgewicht gerät. Und das wird heute, in einer Zeit des unbedingten Vorrangs von Individualität gegenüber (abhängiger) Beschäftigung, so gut wie nie erzählt.

Zudem hat Franz mit diesem Band ihr zeichnerisch bislang ambitioniertestes Projekt verwirklicht. Keine Spur mehr vom Art-Brut-Charakter ihrer früheren Comics; hier ist der Strich von vollendeter rundlicher Gefälligkeit bei gleichzeitiger Abstraktion der Figuren zum ornamentalen Charakter der Ligne Claire. Wären nicht zwischen allen Kapiteln zwei Seiten mit einer Schlussvignette zum jeweils beendeten und einer Splash-Page zum darauf folgenden Abschnitt eingeschoben, die als Buntstiftzeichnungen an die alte Ästhetik von Aisha Franz erinnern,  könnte man den Wandel kaum glauben. Und selbst auf diesen Buntstiftseiten sind etwa detailliert angelegte Werbeplakate oder andere Hintergrunddetails zu finden, die belegen, was man ja schon immer wusste: dass Aisha Franz eine grandios vielseitige Zeichnerin ist.

Witzig, zynisch, satirisch – „Work Life Balance“ kann man in Deutschland derzeit nicht viel an die Seite stellen. Übersetzungen gab es schon einige von Aisha Franz’ Comics. Dieser hier dürfte aber das Potential zu einem internationalen Hit haben. Denn die geschilderten Probleme seiner Protagonisten sind überall in der digitalen Arbeitswelt gleich. Am Ende lauscht Frau Doktor Sharifi wieder den Einspielungen der Tastaturgeräusche. Und nichts ist gut. Alles ist beunruhigend.


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