Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Wenn die Zeitzeugen sterben, muss die Erinnerung an sie aufleben

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Ja, klar, mit einem Comic wird auf junges Publikum spekuliert. Manchmal aber auch zu Recht. Deshalb sind viele Institutionen seit einigen Jahren – nachdem sich über die Etablierung des Begriffs „Graphic Novel“ der von manchen empfundene Hautgout des Comics verflüchtigt hat – ganz wild darauf, ihre Ziele mittels dieser Erzählform zu propagieren. Manchmal zu Recht. So auch der in Stuttgart existierende Verein „Die AnStifter“, der sich seit mehr als zwei Jahrzehnten unter dem Motto „Eigensinn und Zivilcourage“ für Demokratie und Toleranz engagiert. Er hat nun die deutsche Fassung eines Comics ermöglicht, in dem die 1983 geborene italienische Zeichnerin Irene Lupi von ihrem im vergangenen Dezember gestorbenen Landsmann Enrico Pieri erzählt. Oder richtig gesagt: Enrico Pieri erzählen lässt, denn Lupis ihm gewidmeter Comic ist sein Vermächtnis.

Das wusste der 1934 in einem Bergdorf der Toskana geborene Pieri. In seinen beiden letzten Lebensjahren hat er viel mit Lupi telefoniert, die er 2017 bei einer italienisch-deutschen Jugendbegegnung kennengelernt hatte; einen direkteren Kontakt zwischen Erzähler und Zeichnerin während der Arbeit an dem Comic verhinderte die Pandemie. Trotzdem sieht einen vom Umschlag des fast zweihundertseitigen Bands das lachende Gesicht des alten Mannes an, als hätte er Lupi dafür Modell gestanden. Was er ihr erzählt hat, ist allerdings nicht im Geringsten komisch.

Im Untertitel heißt der Band „Mai più – nie wieder – Sant‘Annas!“ Das ist etwas schwer zu verstehen, wenn man nicht weiß, um was es geht. Sant‘Anna di Stazzema ist der Name von Pieris Heimatdorf, und gemeint ist mit der verwirrenden italienisch-deutschen Untertitelmixtur, dass es nie mehr so etwas wie Sant‘Anna geben möge. Denn dort metzelte im August 1944 eine SS-Division große Teile der Bevölkerung nieder; 560 Menschen wurden ermordet, unterschiedslos Männer, Frauen und Kinder. Es war eine der leider typischen Exzess-Strafaktionen, mit denen die deutschen Besatzer nach Italiens Ausstieg aus dem Zweiten Weltkrieg den dortigen Widerstand entmutigen wollten. Es gab damals viele Sant‘Annas; das berüchtigtste Massaker von Deutschen an italienischen Zivilisten war das in den Ardeatinischen Höhlen vom März 1944. Dort starben 335 Menschen – alle, die man zur Vergeltung für ein Attentat des Widerstands hatte hinrichten wollen.

In Sant‘Anna dagegen gab es Überlebende, darunter den damals zehnjährigen Enrico Pieri, dessen Eltern und beide Schwestern jedoch ermordet wurden. Er selbst konnte sich mit der Hilfe zweier Mädchen verbergen, und deshalb sah er es als seine Verpflichtung an, später von dem Verbrechen zu berichten, als er nach mehr als dreißigjähriger Tätigkeit in der Schweiz nach Italien zurückkehrte. Als Zeitzeuge muss er einen tiefen Eindruck auf die Besuchergruppen im als Gedenkort dienenden Sant‘Anna gemacht haben, und der Besuch einer solchen Gruppe, einer deutschen, gibt die Rahmenhandlung für den Comic ab. Mag sein, dass es Lupis Erinnerung an die Begegnung von 2017 ist.

Große Teile des Geschehens werden tatsächlich nur mittels Bildern dieses Zeitzeugengesprächs geschildert, als sträubte sich Irene die Feder der Zeichnerin dagegen, den Massenmord in Bilder zu setzen. Wenn sie mit Rückblicken arbeitet, sind es denn auch eher statische Bilder: oft an historischen Fotos orientiert, und von dem Massaker selbst gibt es gar keine Abbildung. Am nächsten heran an den Mord führt uns Lupi mit dem Panel eines deutschen SS-Mannes, der seine Pistole zieht.

Pieri war aber auch kein Mann für Horrorgeschichtsschreibung, er wollte Hoffnung machen, indem er das, was seine Familie erleiden musste, als Mahnung und Verpflichtung an Italiener und Deutsche (und alle Europäer) darstellte, den Frieden zu sichern. Es ist paradox, dass sein den Band beschließendes Lob des mehr als siebzigjährigen Friedens in Europa just bei Erscheinen dieses Comics als obsolet angesehen werden muss. Aber sein Beispiel taugt selbstverständlich dazu, Mitgefühl für das zu wecken, was in der Ukraine passiert. Wie sich die Taten zu gleichen scheinen …

Ein humanistischer Comic also, geboren aus dem Anliegen von Die AnStifter, die Erinnerungsarbeit in Sant‘ Anna zu fördern und von deutscher Seite Wiedergutmachung zu leisten – ein spätes Strafverfahren in Stuttgart gegen Tatbeteiligte wurde 2012 eingestellt. Damals kam Pieri nach Deutschland, um mit seinem Schicksal für eine Wiederaufnahme zu plädieren – juristisch erfolglos. Aber so entstand der Kontakt zu Die AnStifter.  Auf der Website der Initiative findet sich eine Reminiszenz an Enrico Pieri zu dessen Tod: https://www.die-anstifter.de/2021/12/zum-tod-von-enrico-pieri-aus-hass-wird-hoffnung/. Zum Comic selbst gibt es dort leider noch keine Leseprobe.

Aber am morgigen Samstag, dem 23. April, wird der Band im Stuttgarter Gedenkort „Hotel Silber“ vorgestellt, und auf der Ankündigung dazu – https://hotel-silber.de/?p=5893 – kann man auch ein paar Bilder aus Lupis Geschichte sehen. Sie werden klarmachen, dass es sich hier nicht um ein graphisch besonders wagemutiges Werk handelt; der gute Zweck überzeugt mehr als die Zeichenkunst. Doch dieses Buch ist womöglich wirklich dazu geeignet, auf den Jugendbegegnungen gelesen zu werden und damit den unermesslichen Verlust, den das Werksterben der Zeitzeugen bedeutet, zumindest etwas zu kompensieren. Sollte der Comic „Enrico Pieri“ damit Schule machen, dann ist seine Existenz mehr als gerechtfertigt. Es ist nötig, dass es solche Geschichten gibt.


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