Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Dieser Comic spaltet unsere Erwartungen

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Eigentlich musste man diese Comicbesprechung mit einem Spracherkennungsprogramm anfertigen, dann wüsste man, was der Schriftsteller Markus Hug leistet. Er diktiert auf diese Weise seine Romane. Sehr erfolgreich ist er damit noch nicht, aber sehr modern – erstaunlich genug für einen eher Skeptiker gegenüber sozialen Medien, aber auch passend, denn Hug ist ein introvertierter Mensch. Mit seiner Partnerin Annina hat er einen neugeborenen Sohn, und das strapaziöse Kleinfamilienleben zehrt an den Nerven der beiden Erwachsenen. Zumal sie in Zürich wohnen, keinem billigen Pflaster. Konflikte sind unvermeidlich.

Allerdings keine besonders ungewöhnlichen. Wieso erzählt dann der Schweizer Comicautor Matthias Gnehm mehr als dreihundert Spalten lang davon. Spalten? Ja, denn ungewöhnlich ist zumindest schon einmal die Form dieses Comics namens „Gläserne Gedanken“. Gnehm wollte von Beginn an so zeichnen, dass man die Geschichte vertikal liest, als spiele sie sich auf einem Smartphone-Bildschirm ab. Unter http://www.glaesernegedanken.editionmoderne.ch/ kann man sie auch genauso in voller Länge lesen. Nur wie druckt man das, wenn man auch noch ein Buch haben will?

Die Edition Moderne ist seit einiger Zeit nicht nur durch exzellente Comics, sondern auch innovative Gestaltung auffällig. So hat sie Gnehms neues Werk in Kalenderbindung hergestellt: Man hält also einen Comic wie einen kleinen (eben smartphonegroßen) Kalender in der Hand, reißt allerdings nicht Blatt für Blatt ab, sondern blättert sie nach oben weg, so dass man die Bilder in Spaltenabfolge betrachtet. Bisweilen wird keine Rücksicht auf vollständigen Abdruck am unteren Blattrand genommen, aber dann ist das Bild eben noch einmal ganz auf der Folgeseite zu finden. Originalität erfordert eben gewissen optische Zugeständnisse. Und die Illusion, dass man eine nach unten fortlaufende Geschichte liest, wird so aufs Schönste gewahrt.

Geht es auch inhaltlich ständig nach unten? Das könnte man meinen, wenn man die eskalierende Entfremdung zwischen Markus und Annina sieht. Zumal, als der neue Freund einer alten Bekannten auftaucht, der in seiner Softwarefirma an der Konstruktion eines Spracherkennungsprogramms arbeitet, das gar nicht mehr darauf angewiesen sein soll, Texte aussprechen zu lassen. Vielmehr verheißt die Idee eine Art Gedankenlesung. Science-fiction? Wie sich am Ende erweist, nein. Aber was das wiederum heißt, möge man bitte selbst nachlesen.

Es tut auch recht wenig zur Sache, denn Gnehm interessiert sich für die Psychologie seiner Figuren. Und die ist beklemmend geschildert; man wünschte sich „Gläserne Gedanken“ als Theaterstück, so nah kommt man den Handelnden. Künstlerattitüden, Postschwangerschaftsdepressionen, Großmannssucht und Verschwörungsglaube – alles spielt hier nicht nur hinein, sondern wird geradezu ausbuchstabiert. Auch durch die gnehmsche Graphik, die in tiefem Grau gehalten ist und immer wieder Nacht- und sonstige Dunkelszenen zwischenschaltet, in denen man genauso im Düsteren tappt wie Markus und Annina.

Gewöhnungsbedürftig ist die Textgestalt: zwischen den Panels und in geradezu provozierend sachlicher Groteskschrift; nur bisweilen deuten Ventile und Blasenlinien an, dass es sich um wörtliche Rede oder Gedanken handelt. Das Publikum muss hier aufmerksam hinschauen und mitlesen, um zu folgen, und ein einfaches Hineinblättern funktioniert nicht. Das ist aber etwas sehr Gutes, wie „Gläserne Gedanken“ überhaupt sehr gut ist. Wenn auch gewöhnungsbedürftig. Und so deprimierend es ist: Ich habe es lieber im Netz als auf Papier gelesen. Eine mutige Entscheidung von Autor und Verlag, diese elektronische Gratisversion anzubieten. Es zeigt, wie wichtig Gnehm die Form ist.


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