Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Zwischen Gothic und Groteske

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Der Berliner Schaltzeit Verlag ist jahrelang in meiner Wahrnehmung vor allem damit hervorgetreten, dass er die Jahresbände des fabelhaften Karikaturisten Klaus Stuttmann herausbrachte – und dann zum Ende der Ära Merkel auch dessen Band mit lauter Karikaturen der Kanzlerin. Comics aber fehlten lange im Programm, bis sich der ebenso rührige wie geschmackssichere Verleger Andreas Illmann vor zwei Jahren die Übersetzungsrechte an Steven Applebys sagenhaft komischer und kluger Geschichte „Dragman“ sicherte. Der resultierende Band brachte Illmann erst so richtig auf den Geschmack (auch wenn die Verkaufszahlen für ein derartiges Meisterwerk beschämend fürs deutschsprachige Publikum sind), und er sah sich mit Unterstützung der „Dragman“-Übersetzerin Ruth Keen weiter auf dem englischen Comicmarkt um. Die Folge: Andi Watsons 2019 erschienener Band „The Book Tour“ ist nun auf Deutsch erhältlich: „Die Lesereise“.

Wer sich unter diesem Titel eine sichere Einschlafhilfe durch Langeweile bei der Schilderung von Wasserglaslesungen erwartet, liegt falsch. In Watsons Buch wird gemordet, dass es eine Unart ist. Und immer in er Nähe der Leichen ist der erfolglose Schriftsteller G.H. Fretwell, der mit seinem neuen Roman „Ohne K“ gerade auf Lesereise. Bald ist er Hauptverdächtiger und gejagt von der Polizei. Und weiter pflastern Leichen seinen Fluchtweg.

Das klingt nach Spannungsliteratur, aber auch das wäre falsch. Denn dieser noch relativ junge Mr. Fretwell ist ein Geistesverwandter Kafkas (bei seinem Romantitel ja auch nicht verwunderlich) und tritt reichlich lebensuntüchtig und sozialgestört auf. Dazu zeichnet Watson ihn wie eine Abziehbildfigur (Leseprobe unter https://www.schaltzeitverlag.de/graphic-novels/die-lesereise/), was wiederum den Anschein erweckt, alles wäre so klar wie diese simplen Linienführung. Ist es nicht, man schwankt ständig zwischen Groteske und Gothic. Und selbst die Panel-Rahmen sind so zittrig gezeichnet, als gäbe es nirgendwo festen Grund in dieser Geschichte.

Genauso ist es auch, und das ist wiederum die Schwäche der Geschichte. Watson hat eine Karikatur aus seinem Schriftsteller gemacht (mag sein, dass das für Schaltzeit ein gewichtiges Argument war), aber diesem Tölpel will man denn auch keine Sympathie zukommen lassen. „Die Lesereise“ ist wie ein Versuchsaufbau in sozialer Kälte erzählt, und die karge Schwarzweiß-Ästhetik unterstützt diesen Eindruck noch. Dazu ist die Handlung in einer Zeit angesiedelt, die unbestimmt bleibt, jedenfalls aber lange vor dem Digitalzeitalter. Schnurtelefone stehen in den Hotelzimmern, und Autos auf den Kopfsteinpflaster der englischen Städtestationen der Lesereise? Fehlanzeige! Natürlich passt der Parabelcharakter zum beschworenen Vorbild der Literatur von Kafka, aber es ist ja kein Zufall, dass der illustrierte Bücher ganz scheußlich fand. Seine Bilder wollte er im Kopf erzeugen.

Was wieder einmal wunderbar zu lesen ist, sind Ruth Keens Texte. Gut, sie hat einen Vorteil: Normale Comic-Übersetzungen verlangen wegen des klar definierten Sprechblasenraums äußerste Wortökonomie, Watson dagegen stellt seine Dialoge frei in den Raum über die jeweiligen Ventile, womit Keen so viel Platz hat, wie das Panel eben bietet. Aber dass sie die lapidare Sprache des Originals so gut trifft, ist nicht selbstverständlich. Zumal Watson seine Figuren wenig sprechen lässt, und das macht die Aufgabe, für sie einen spezifischen Ton zu finden, eher kompliziert. Trotzdem wünschte man sich für das Engagement von Verlag und Übersetzerin andere Vorlagen. Wäre doch das Werk von Tom Gauld noch nicht vergeben … Andererseits gibt’s von dem noch so viel, was fehlt …


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