Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Der ungeheure Ungerer

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Der ungeheure Ungerer

Er zeichnete keine Comics, aber nun ist ein Comic über ihn gezeichnet worden: Emmanuel Murzeau erzählt in „la farde perdue“ von dem, was Tomi Ungerer umtrieb.

Ich gebe zu: Mit spitzen Fingern habe ich diesen Comic angefasst, als er mir jüngst in Frankreich begegnete. Eine Biographie über Tomi Ungerer? Klar, viel bekannter als Ungerer geht es nicht im Illustratorengeschäft, aber erst einmal gibt es dessen autobiographische Bücher (nicht zu wenige), und dann ist über dieses fast neunzigjährige Leben (1931 bis 2019) unendlich viel geschrieben worden, auch von mir selbst, also was sollte es so bald nach dem Tod Neues geben? Und wenn es das gäbe, dann erwarte ich es in der seit Jahren in Arbeit befindlichen Biographie von Thomas David, die statt hundert wohl eher fünfhundert Seiten bieten wird, deren Erscheinungszeitpunkt allerdings in denselben Sternen steht, zwischen denen nun Tomi Ungerer herumwandelt.

Ich gebe zu: Gekauft habe ich den Band, der bei dem kleinen elsässischen Verlag Éditions Félès erschienen ist, trotzdem, denn wie könnte ich denn einen Comic über Ungerer (der Comics liebte, aber nie selbst einen gezeichnet hat) ignorieren? Obwohl mir der Stil von Emmanuel Wurzeaus Bildern auch nicht behagte: schon das aquarellierte Cover – geschmäcklerisch und unungerisch. Und drinnen geht’s mit Aquarellbildern weiter, als sollte auf der Erfolgsschiene von Jean-Pierre Gibrat gefahren werden. Not my cup of tea, um mit dem Kosmopoliten Ungerer (gebürtiger Elsässer, im Selbstverständnis aber auch noch Franzose, Deutscher, Kanadier und Ire) zu sprechen.

Ich gebe zu: Ich bin nach der Lektüre ziemlich angetan. Murzeau, Jahrgang 1970, hat Ungerers eigene Bücher zu Rate gezogen, außerdem allerlei sonstiges biographisches Material, und erzählt eine Geschichte, die nicht chronologisch das Leben des Künstlers ausbreitet, sondern ihn selbst anlässlich der bevorstehenden Auszeichnung mit der Ehrenlegion durch Präsident Mitterrand im Jahr 1990 auf einzelne prägende Erlebnisse zurückblicken lässt. Anlass dafür bietet das Auftauchen eines ominösen Sammelordners mit Ungerer-Zeichnungen, die dem Zeichner zuvor gestohlen worden waren. Der belgischen Bezeichnung „farde“ für einen solchen Sammelordner (der Kommissar, mit dem Ungerer im Laufe des Albums in Paris unterwegs ist, ist Belgier) verdankt sich der Titel des Albums: „La farde perdue“. Um beurteilen zu können, ob es da noch ein Wortwitz oder einen Doppelsinn gibt, reicht mein Französisch nicht aus – und die belgisch-wallonischen Eigentümlichkeiten dieser Sprache sind mir eh unbekannt.

Ich gebe zu: Ganz neu ist eine solche Erzählstruktur – subjektive Rückblenden – nun auch wieder nicht. Aber neben erwartbaren Episoden wie den Kriegserlebnissen des jungen Tomi im deutsch annektierten Elsass gibt es auch Unerwartetes aus Nova Scotia, wo Ungerer nach seinen New Yorker Jahren lebte, und Heikles wie die Indienstnahme einer jungen masochistischen Frau als Ungerers freiwilliger „Sklavin“. Dieser Mann lebte ungewöhnlich, er konnte ein Ungeheuer sein, unersättlich,  und keineswegs entsprachen seine Vorlieben bürgerlichem Comment. Weshalb mir im Comicladen beim Kauf versichert wurde, ich tue gut daran zuzuschlagen, denn bald werde es den Band wohl nicht mehr zu erwerben geben: Die Familie von Ungerer habe schon geklagt. Keine Ahnung, ob das stimmt.

Ich gebe zu: Verstehen würde ich es. Allerdings aus anderen Gründen. Denn auch wenn Murzeau keine Kopien von Ungerer-Arbeiten in seinen Band aufgenommen hat, zeichnet er doch etliches aus dem Werk des Meisters sehr detailgetreu nach. Und der Zustimmung der Erben als Rechteinhaber hat er sich offensichtlich nicht versichert. Muss er auch nicht, weil das französische Plagiatsverständnis liberaler ist als in Deutschland. Bearbeitungen von Kunstwerken wie Liedern oder eben auch Comicbildern sind zulässig, wenn man nicht einfach kopiert, sondern etwas Neues daraus macht. Doch bei einigen Panels von „La farde perdue“ hätte ich selbst gedacht, dass sie von Ungerer Hand sein könnten, besonders im Falle der erotischen Zeichnungen, die man nur in Ausstellungen sehen kann. Auf der Website des Verlags (https://www.editionsfeles.com/) gibt es keine Spur des vor zwei Monaten erschienenen Bandes. Und bei Murzeau selbst (http://www.emmanuel-murzeau.com/) wird der Band zwar angekündigt, aber das versprochene Material lässt noch auf sich warten. So kann man nur hier mittels zweier Seiteneinen Eindruck davon bekommen, wie die Geschichte aussieht: https://www.bedetheque.com/BD-Farde-perdue-Tome-1-449251.html.

Ich gebe zu: Vermisst habe ich Ungerers amerikanische Erfahrungen, seinen Zorn auf die Vereinigten Staaten, nachdem man ihn in den Siebzigern faktisch außer Landes gejagt hatte, weil man seine Kinderbücher als jugendgefährdend gebrandmarkt hatte (obwohl viel eher die gesellschaftskritischen Cartoonbände wie „The Party“ das amerikanische Establishment verstört haben werden). Kurz vor Ende seines Lebens war er noch einmal nach New York zurückgekehrt und erlebte dort einen triumphalen Empfang; das hat ihm gutgetan. Ungerer hat viel über diese Genugtuung erzählt, im Comic aber fehlt sie. Wie auch die Tatsache, dass er kurz vor seinem Tod, 2017, auch noch zum Kommandeur der Ehrenlegion ernannt wurde. Eine daraus entstandene Macron-Episode hätte man gerne gesehen. Wer kennt denn noch Mitterrand? Aber Murzeau lebt und arbeitet seit vielen Jahren in Berlin. Womöglich ist er da zu weit weg von der französischen Gegenwart. Und hat sich nur an das gehalten, worüber Ungerer erzählt hat.

Ich gebe zu: Auf Ungerers Geschichten bin ich bisweilen hereingefallen. Ganz besonders peinlich war das, als ich eine Bemerkung von ihm bei unserer letzten Begegnung ernstnahm und deshalb öffentlich behauptet habe, dass er zuletzt einen großen Bestand an verschollenen Zeichnungen zurückerstattet bekommen hätte – eine Behauptung, der sein Schweizer Verlag, Diogenes, sofort widersprochen hat. Vielleicht hat Ungerer von so etwas geträumt: noch produktiver gewesen zu sein, als er es ohnehin war. Beklemmend für mich jedenfalls, dass Murzeau nun eine ähnliche (wenn auch dem Umfang des angeblichen Zeichnungskonvoluts nach viel weniger gewichtige) Räuberpistole erzählt – die er allerdings im Band dezidiert als fiktiv ausweist. Aber kann auch er einmal mit Ungerer gesprochen haben? Ich wüsste es gern.

Das gebe ich zu. Sonst nur noch dies: ein hochinteressanter Band


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