Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Asterix als Parodix

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Der neue Asterix erscheint in nicht einmal einem Monat. Moment, ist das letzte Album, „Asterix und der Greif“, nicht erst zehn Monate alt? Sollten Didier Conrad und Jean-Yves Ferri nun nicht nur den Zeichenstil von Uderzo perfekt imitiert haben, sondern auch das Schreibtempo von Goscinny? Und ließe das darauf hoffen, dass dann irgendwann auch dessen Schreibniveau angestrebt würde? Zumal der neue Band namens „Beim Teutates!“ wunderbar schwarzhumorig und selbstironisch geraten ist.

Allerdings ist es gar nicht der neue Asterix. Obwohl der kleine gallische Krieger darin genauso vorkommt wie das kleine gallische Dorf, wie Obelix, Miraculix, Majestix, Troubadix e tutti quanti (um einmal den Nachfahren der spinnenden Römer das Wort zu geben). Aber es treten auch auf Herr Hase und dessen bester Freund Richard, die beiden Hauptfiguren aus Lewis Trondheims Erfolgsserie „Lapinot“ (deutsch etwas effekthascherisch „Herrn Hases haarsträubende Abenteuer“, erschienen bei Carlsen). Die hatte er 2004 mit dem Band „Wie das Leben so spielt“ eigentlich beendet und in bester Conan-Doyle-Manier den Titelhelden sterben lassen, um sich selbst zum Aufhören zu zwingen. Doch 2017 wurde er sich in bester Conan-Doyle-Manier untertreu, und mit „Eine etwas bessere Welt“ starteten „Die neuen Abenteuer von Herrn Hase“, nun auf Deutsch bei Reprodukt. Und „Beim Teutates!“ ist Teil dieser Reihe (mittlerweile bereits Band 6), die ihre Protagonisten schon immer gerne durch alle Zeiten und Erzählstile geschickt hat. Warum also nicht auch einmal in einen satirischen Antikencomic?

Es mag dem ebenso engagierten wie streitlustigen Trondheim zugute kommen, dass die Rechte ans „Asterix“ mittlerweile beim französischen Buchkonzern Hachette liegen, der die Werbewirksamkeit eines Albums, das im Original beim kleinen, aber feinen Autorenverlag L’Association erscheint, richtig einschätzen kann: große Aufmerksamkeit bei moderaten Verkäufen. Wobei „Par Toutatis!“, wie der Band in Frankreich heißt, dort momentan in jedem Bahnhofskiosk stapelweise liegt. Asterix zieht eben immer. Dabei verkündet ein Aufkleber mitten auf dem Titelbild in bester Magritte-Manier: „Ceci n’est pas un album d’Astérix“. Und man sieht das den Figuren auch an, die Trondheim mit auffällig groben Kartoffelnasen versehen hat. Und sein Asterix hat selbstverständlich die langen Ohren von Herrn Hase. Und dessen Schuhgröße 82.

Überhaupt sieht die Figur aus wie Herr Hase in den Klamotten von Asterix (anschauen kann man sich das hier: https://www.lassociation.fr/catalogue/les-nouvelles-aventures-de-lapinot-tome-6-par-toutatis/, denn noch ist der deutsche Band ja nicht da; er kommt am 10. September), und als sie zu Beginn der Handlung im Wald vor dem kleinen gallischen Dorf aufwacht und von Obelix als Asterix begrüßt wird, kann sie das ebenso wenig verstehen wie wir als Leser. Herr Hase wehrt sich denn auch vehement gegen die Identifikation (noch ein gutes Argument gegen eine etwaige Plagiatsklage) und hält seine überraschende Umgebung für eine Illusion oder wenigstens den französischen Asterix-Freizeitpark, bis ihn die spitze Lanze eines römischen Legionärs eines Besseren belehrt. Sein Blut fließt, und das ist etwas, das Trondheim schon immer geschätzt hat: Spott über Erzählkonventionen, der dann in Drastik umschlagen kann. In seinem „Asterix“-Band metzeln die durch den Zaubertrank unbesiegbaren Gallier die Römer regelrecht hin. Es wird gestorben wie im Horrorcomic. Oder eben in einer Realität, die mit den Folgen unbegrenzter Kräfte zu leben hätte.

Bis Herr Hase versteht, was da passiert (der böse Plan eines Mannes aus der Gegenwart, der in der Vergangenheit das Rezept des Zaubertranks stehlen will, um damit die Unabhängigkeit der Bretagne zu erkämpfen), ist er schon Teil der Dorfgesellschaft und hat entdeckt, dass im Körper von Troubadix sein Freund Richard steckt – das passt: Großsprecher trifft Möchtergernsänger. Das Album dreht sich dann auf standardgemäß 44 Comicseiten um die Rettung des Dorfs, vor allem dessen inneren Zusammenhalts. Trondheim hat die „Asterix“-Abenteuer perfekt parat (nun, wer hätte das nicht?), und kann somit alles zitieren und variieren, was wir so lieben: die Fischstreitigkeiten, die Piraten, das Festbankett. Selbst seine eigene motivische Anleihe beim Album „Der Seher“ wird im Text von den Figuren ausgewiesen.

Also ein großer Spaß und für jeden „Asterix“-Fan empfehlenswert. Sollte es indes jemanden geben, der noch nie ein Album der Serie gelesen hat, dann Hände weg von Herrn Hases neuem Abenteuer. Lewis Trondheim nennt auf dem Aufkleber der französischen Ausgabe das Album „Parodix“. Und er schreibt und zeichnet eh nur für belesene Leser.


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