Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Solidaritätsvergessene Generation

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Es ist kein Zufall, dass eine Woche nach Lewis Trondheims „Par Toutatis!“ nun Daniela Hellers „Pfostenloch“ hier vorgestellt wird. Nicht, weil die deutsche Debütantin und der französische Veteran im Hinblick auf Ruhm, Publikationsmasse oder Thema etwas gemeinsam hätten. Bei „Pfostenloch“ geht es zwar in dem Sinne auch um die Antike, als darin archäologische Grabungen durchgeführt werden, aber von Satire ist dabei ebenso wenig die Rede wie von Parodie oder dem Teil einer ganzen Comic-Serie, was dagegen alles für Trondheims „Asterix“-Spaß gilt. Nein, der Zusammenhang ergibt sich allein daraus, dass „Pfostenloch“ ohne Trondheims Vorleistungen wohl kaum hätte enstehen können.

Daniela Heller ist wie gesagt noch ein relativ unbeschriebenes Blatt, was sich aber mit „Pfostenloch“ ändern dürfte, denn dieser Comic gewann vor zwei Monaten auf dem Erlanger Comicsalon den Max-und-Moritz-Preis für das beste deutschsprachige Debüt (nicht, dass es einen Preis für das beste fremdsprachige gegeben hätte …). Erschienen ist er beim Avant Verlag, was man als Ritterschlag schon vor der Prämierung betrachten kann. Heller ist selbst Archäologin, die in Kassel aber in Hendrik Dorgathens Comic-Klasse gelernt hat – und eine bessere Schule findet man in Deutschland nicht leicht. „Pfostenloch“ war ihre Abschlussarbeit.

Als Trondheim von Frankreich aus die Erzählweise von Autorencomics revolutionierte, dürfte Heller noch ein Kind gewesen sein, sofern überhaupt schon geboren. Was er damals machte, war ebenso einfach wie neu: Europäische Erzählweise gepaart mit amerikanischer Funny-Animal-Ästhetik à la Walt Disney. Trondheim ist mit Comics von Carl Barks groß geworden (sowohl biologisch als auch künstlerisch), und entsprechend  setzte er in seiner Erfolgsserie „Lapinot“ ebenso auf sprechende Tiere wie bei seinen bahnbrechenden autobiographischen Comics. Und genau darin folgt ihm nun Daniela Heller. So sieht das aus – und zwar ausnahmsweise mal  in Stand- und Bewegtbildern: https://www.avant-verlag.de/comics/pfostenloch/.

Menschen mit tierischen Zügen agieren zu lassen, das taten vor Heller schon  mindestens zwei Zeichnergenerationen, und seit Anna Haifisch ist es in Deutschland auch noch stilprägend geworden. Neu ist also an „Pfostenloch“ nur das Thema. Und zwar nicht etwa Archäologie (dazu gibt es längst einiges) oder gar der sozialkritisch aufgefasste Selbsterfahrungsbericht (dergleichen gibt es noch viel mehr), sondern die konsequent ohne jede Empathie durchgehaltene Darstellung einer Generation Praktikum, die einerseits ausgebeutet wird und andererseits darüber ihres Solidaritätsgefühls verlustig geht.

Worum geht es in „Pfostenloch“? Das kann man in einem einzigen Satz sagen: um die Besetzung eines durch Krankheit überraschend freigewordenen festen Stelle in einem Grabungsteam. Da dieses Team aber überwiegend aus Praktikanten besteht, die sich alle einen Job in ihrem Traumberuf erhoffen, ist die Rivalität groß. Wobei das nicht etwa zu Intrigen oder Bosheiten führt, denn dafür agieren Hellers Protagonisten viel zu gedankenlos  Das Bemerkenswerte an dieser Geschichte ist, wie automatisiert und unreflektiert die Übernahme von egoistischen Verhaltensweisen bereits erfolgt ist. Niemandem kann man richtig böse sein, aber niemand handelt gut im Sinne von Kollegialität oder gar Solidarität.

Gefällt mir das nun? Moralisch natürlich nicht, aber Heller kann ja nichts  dafür, dass sie so genau hingesehen und so genau aufgezeichnet hat, was allen meinen Erkenntnissen nach derzeit verbreitet Sache ist bei Ü30-Menschen. Aber ästhetisch gefällt es mir leider auch nicht, weil ich solche Tierwesen nun etwas zu oft gesehen habe, und die Wackelpanellinien oder Doppelseitenschemazeichnungen noch ein wenig öfter. Obwohl die Geschichte interessant ist, lässt sie mich kalt, weil ich auch eine Anteilnahme erwartet hätte, die sich in einer ungewöhnlichen Graphik ausgedrückt hätte. Viel verlangt, das weiß ich. Aber „Pfostenloch“ ist ja auch schon vielgelobt.

 

 


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