Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Gutgläubig? Schwer zu glauben

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Leser der F.A.Z. kennen Simon Schwartz durch seine Serie „Vita obscura“ im Magazin dieser Zeitung. Der 1982 in Erfurt geborene und heute in Hamburg lebende Comiczeichner versteht es wie kaum ein anderer, die Abstrusitäten in realen Lebensläufen zum Thema zu machen – und die rechte Form dafür zu finden, denn „Vita obscura“ in ihrer Gesamtheit ist auch eine Phänomenologie der Seitenarchitektur. Und für die Bücher von Schwartz gilt das ähnlich: Stets bildet sein Layout auch die Thematik mit ab. So nun wieder in seinem Comicalbum „Nachts im Dom“.

Das muss ein Traum gewesen sein für Schwartz: der Auftrag des Bischöflichen Ordinariats Limburg, eine Geschichte zu zeichnen, die ihren Handlungsort im dortigen Dom hat. Der im Kern romanische, aber dennoch himmelstürmende Bau liegt für jeden Autofahrer unübersehbar mitten in der Stadt neben der A3. Seit ich in Tübingen studiert habe, habe ich die spektakulär aussehende Kirche unzählige Male passiert, und stets nahm ich mir vor: Beim nächsten Mal fahre ich ab und besichtige sie. Es dauerte mehr als dreißig Jahre, ehe es passierte, und ich gebe zu, dass mich das Innere enttäuscht hat. Weil das Gebäude von außen so beeindruckend ist. Drinnen ist alles ziemlich durchschnittlich, wenn man andere deutsche Kathedralen kennt.

Aber Schwartz konnte aus der vertikalen Architektur Honig für seine Geschichte saugen, indem er sie mit zwei kleinen Protagonisten konfrontiert: dem Limburger Messdiener Nico und dessen englischem Austauschgast, einem farbigen Mädchen namens  Georgia. Gemeinsam schleichen sich die beiden Kinder eines Nachts in den Dom ein und lernen dort das süße Gruseln, als der legendäre Erbauer Graf Konrad Kurzbold als Geist seinem Grab entsteigt und ihnen so etwas wie eine geführte Tour durch Bauwerk und Bildprogramm der darin enthaltenen Kunstwerke gibt. Jetzt würde man gerne ein paar Bildbeispiele beigeben, aber der kirchliche Verlag Schnell + Steiner, der „Nachts im Dom“ herausgebracht hat, versteht nichts von Comics und weiß also auch nicht, dass eine Leseprobe in diesem Metier wichtiges ist als bei „normalen“ Büchern. Also hier nur das Cover: https://schnell-und-steiner.de/produkt/nachts-im-dom/.

 Typisch Schwartz, das immerhin kann man sehen. Weniger typisch ist die kindliche Zielgruppe und das unkritische Verhältnis zum Gegenstand. Nun zeichnet sich gerade „Vita obscura“ meistens auch durch große Affirmation der porträtierten Persönlichkeiten aus, aber hier musste Schwartz den Erwartungen eines Auftraggebers entsprechen, der laut seinem Selbstverständnis über den Schlüssel zur Wahrheit verfügt. So ist natürlich alles herrlich im Dom, von Kindesmissbrauch in katholischen Einrichtungen keine Rede, und unter den Figuren tritt einmal sogar Franz-Peter Tebartz-van Elst aus, Limburger Bischof von 2008 bis 2014, der bekanntlich für Abermillionen seinen Amtssitz neben dem Dom um- und ausbauen ließ. Kein Wort darüber im Comic, das ist bei Schwartz‘ sonst scharfsinnigen Zeitkommentaren erstaunlich.

Aber mag man nicht in der Tatsache eines herumspukenden Toten eine ironische Relativierung des katholischen Glaubens sehen? Im schrägen Orgelspiel des Küsters ein groteskes Element, das jede Ernsthaftigkeit der gezeigten Handlungen ad absurdum führt, oder in dem zum Leben erweckten Drachen des heiligen Georgs einen Widerspruch zu allen mythischen Überlieferungen („Hallo Kinder, bitte habt keine Angst. Ich bin ganz harmlos.“). So gutgläubig könnte man sein, aber gerade beim Bistum Limburg ist denn doch etwas zu viel vorgefallen im letzten Jahrzehnt, als dass dieser der Imageförderung dienen sollende Comic nicht besser ein paar images geboten hätte, die zumindest ambivalent gemeint gewesen wären. So ist „Nachts im Dom“ meine erste Enttäuschung mit Simon Schwartz. Klar, eine Auftragsarbeit und sicher nicht nur für Gotteslohn (was dem Autor zu gönnen ist), aber die Lektüre lohnt sich nicht.


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