Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Malen nach dem kosmischen Prinzip

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So nach und nach erscheint in jedem deutschen Verlag der eine oder andere Comic. Schön, dass die alten Vorbehalte über Bord gegangen sind und jeder seine Chance sucht. Selbst ein Haus wie Hatje Cantz, bekannt für seine Kunstbände, ist nun vom Comicfieber gepackt worden. Wobei das Debütwerk dieses Hauses so Hatje-Cantz-affin ist wie nur möglich. Es handelt sich um einen biographischen Comic über die schwedische Malerin Hilma af Klint.

Die hat in den letzten Jahren eine Renaissance erlebt, nein, das ist falsch: eine Entdeckung, denn obwohl sie 1944 starb, war sie sechs Jahrzehnte lang vergessen. Und zu Lebzeiten hatte sie auch nicht den Erfolg, den sie verdient gehabt hätte. Natürlich hatte das damit zu tun, dass sie eine Frau war. Der Kunstmarkt und die Museen setzten damals (und noch lange danach) auf männliches Genie. Das hat sich heute gründlich geändert und Hilma af Klingt kam geradezu in Mode, gipfelnd in einer Ausstellung des New Yorker Guggenheims vor vier Jahren, die zur bestbesuchten des Museums wurde.

Nicht ganz unbeteiligt an diesem postumen Siegeszug war und ist meine frühere F.A.Z.-Kollegin Julia Voss, die bis 2008 auch nichts von der schwedischen Malerin gehört hatte, dann aber eine Begegnung mit ihrem Werk hatte, die sie zu dessen begeisterter Propagandisten machte – hier gipfelnd in der großen Biographie, die 2020 erschienen ist. Der ersten weltweit.

Was kann ein biographischer Comic da noch leisten? Einen anderen Blick – einen in Bildern auf die Bilder. Philipp Deiners, für den dieser Band auch sein Debüt als Comiczeichner ist, nutzt das farben- und formenfrohe Werk Hilma af Klints zu großen (teilweise gar doppelseitigen) Kompositionen, die das Leben und das Schaffen der Malerin aufgehen lassen in ihre Bilderwelt. Af Klint war stark von der Anthroposophie beeinflusst (und tief enttäuscht vom weitgehenden Desinteresse Rudolf Steiners, des Begründers dieser Lebensanschauung, an ihren Bildern), und die anthroposophische Ästhetik mit ihren organischen Formen und dem bewegten Linienspiel (hierin ganz Kind des Jugendstils) gibt auch den stärksten Seiten des Comics deren Gestalt. Dagegen sind die eher sachlich erzählenden Panels und Sequenzen schlicht gehalten, meist vor leerem Hintergrund, aber immer in kräftigen Farben. Und je nach Einstellung (Close-up oder Halbdistanz) sind die Figuren so stilisiert, als wäre Deines bei Hergé in die Lehre gegangen. Oder in die Leere.

So sieht das aus: https://www.hatjecantz.de/die-5-leben-der-hilma-af-klint-8099-0.html. Und das Ganze heißt „Die 5 Leben der Hilma af Klint“. Fünf, weil das Buch fünf Kapitel hat, wovon eines zu einem nicht unwesentlichen Teil vor ihrer Geburt spielt: beginnend 1790, als ihr damals noch jugendlicher Großvater als Sohn eines Marineleutnants einen Rettungsplan für die von einer russischen Blockade bedrohten schwedischen Flotte schmiedet. Er war ein begabter Kartograph, und seine Fähigkeit zur Abstraktion von Wirklichkeit in gezeichnete Schemata wird von Deines als familiäres Erbe gedeutet, das die 1862 geborene Enkelin Hilma, die diesen Großvater nie kennenlernen sollte, antrat.

Denn als Pionierin der Abstraktion ist sie zuletzt gefeiert worden, wobei Deines implizit vermittelt, sie sei wohl eher eine Malerin gewesen, die sehr klare Vorstellungen vom Inhalt ihrer Bilder gehabt hätte, aber dafür Darstellungen fand, die anderen verschlossen blieben – eine Art kosmisches Prinzip wird bebildert, und so etwas entzieht sich naheliegenderweise einer weltlichen Sichtweise. Zur Ungegenständlichkeit kamen dann noch die Misogynie des seinerzeitigen Kunstbetriebs, die lesbische Liebe, die Hilma af Klint pflegte, und die Abgeschiedenheit in Stockholm, das damals nicht als ästhetischer Hot Spot galt.

Das alles kann man auch bei Julia Voss nachlesen, aber Deines hat nicht abgeschrieben (oder nachgezeichnet), sondern mit an dieser Deutung gearbeitet, denn er und Voss sind verheiratet. Sein Comic entstand also neben íhrer Biographie, und sie hat ein Nachwort beigesteuert, dass die Genese der beiderseitigen Begeisterung für Hilma af Klint rekapituliert. Was für eine glückliche Familienfaszination! Und wir profitieren doppelt davon, wenn auch die Entscheidung von Deines, Bildverweise wie Fußnoten unter die einzelnen Panels abzudrucken, nicht gerade elegant ist. Und Lautmalereien setzt er auch entschieden zu viele ein. Da merkt man den Comicnovizen. Auch Handlettering wäre schön gewesen.

Wobei sein Comic die Dynamik der Kunst Hilma af Klints im buchstäblichen Sinne anschaulich vor Augen führen kann, anders als noch die emphatischste schriftliche Beschreibung. In Deines‘ Bildern von den Kreativitätsexplosionen der Malerin ist die Lebendigkeit von Wilhelm Buschs „Virtuos“ gepaart mit dem surrealen Visionen von Moebius. Auch das eine erstaunlich schlüssige Kombination. Beide werden das Werk von Hilma af Klint nicht gekannt haben, und die Künstlerin mutmaßlich auch nicht das von Busch. Aber in diesem Comic findet Kunst über ein Jahrhundert hinweg zur organischen Genese – ganz im Sinne Ernst Haeckels, den Af Klint durchaus kannte und schätzte. Aber nun genug des Namedropping und ran an die Lektüre. Sonst ergänzt man die Berühmtheiten nicht um den Namen Hilma af Klint.


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