Comic

Comic

Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Ausweitung der Corto-Chronologie

| 0 Lesermeinungen

Hugo Pratt ist seit 27 Jahren tot, doch seine bekannteste Figur, der Seemann Corto Maltese, lebt weiter. Das ist nicht Besonderes in der Weltliteratur, zu der die „Corto Maltese“-Serie gehört. O ja, diese Alben sind ein erzählerisches Meisterwerk des zwanzigsten Jahrhunderts, unvergleichlich, obwohl sie so viel Anleihen bei Joseph Conrad nehmen, bei Robert Louis Stevenson oder auch Emilio Salgari („Sandokan“). Aber was der Italiener Pratt daraus machte, ist eine Schöpfung eigenen Rechts, ein eklektischer Geniestreich (um einmal paradox sein zu dürfen), der nicht umsonst seinen italienischen Landsmann Umberto Eco begeisterte – von Pratt lernte er, wie man Mystik und Mythos so verbindet, dass unter dem Strich Abenteuer herauskommt. Aber Abenteuer qualitativ jenseits des Genres und diesseits von Eden. Paradiesische Literaturgefilde.

Seit sieben Jahren gibt es „Corto Maltese“ wieder, denn Pratts Erben ließen sich dafür gewinnen, die Abenteuer der Kultfigur fortsetzen zu lassen. Dafür, dass sie qualitativ wieder jenseits des Genres (wenn auch nicht mehr diesseits von Eden) angesiedelt sind, sorgt das spanische Autorengespann Juan Diaz Canales als Szenarist, der mit „Blacksad“ eine Noir-Detektivserie geschaffen hat, die in Frankreich alle Rekorde gebrochen hat, und Rubén Pellejero als Zeichner, der sich Pratts eigentlich unverwechselbarer Tuschetechnik so täuschend ähnlich angeeignet hat, wie es Didier Conrad mit dem „Asterix“-Stil von Albert Uderzo gelungen ist. So sieht Pellejeros Corto aus: https://www.casterman.com/Bande-dessinee/Catalogue/corto-maltese-edition-couleurs/corto-maltese-16-nocturnes-berlinois. Vier Alben des spanischen Duos sind mittlerweile erschienen, und sie führen den Weltenbummler Corto Maltese an Orte, zu denen er es bei Pratt noch nicht geschafft hatte.

Das jüngste, in Frankreich erst vor zwei Monaten erschienene Album heißt „Nocturnes berlinois“ (Berliner Nachtszenen; für Oktober bereits auf Deutsch bei Schreiber & Leser angekündigt als „Nacht in Berlin“), und man kann Canales nur bewundern für die Anschmiegsamkeit, mit der er die deutsche Hauptstadt in ihrer schillerndsten Phase, den goldenen Zwanzigern, in die Corto-Chronologie einpasst. Zwei Jahre, nachdem Walter Rathenau umgebracht worden ist, verschlägt es Corto Maltese 1924 zu seinem Freund Joseph Roth nach Berlin, wo er die Bekanntschaft von Reichspräsident Friedrich Ebert macht und in die Suche nach einem Dossier verwickelt wird, das die perfiden Hintergründe des Attentats auf den Außenminister enthüllen soll.

Das ist erstaunlich konkret für eine Corto-Maltese-Geschichte, historisch geradezu veristisch, während Hugo Pratt Alternativgeschichtserzählungen zu konstruieren pflegte, in denen sich zwar Versatzstücke der Wirklichkeit finden, doch selten mehr als Namensähnlichkeiten und Mythenfortschreibungen benutzt werden. Dagegen Roth, Ebert, Rathenau, auch Marlene Dietrich oder Adolf Hitler – Canales fährt großzügig und bedenkenlos auf, was Berlin an Berühmt- oder Berüchtigkeiten zu bieten hat. Dabei spielt fast die Hälfte der achtzig Comicseiten von „Nocturnes berlinois“ in Prag, wohin sich die Intrige zusammen mit den Dreharbeiten eines Ufa-Films verlagert. Immerhin kommt Kafka nicht als Figur vor. Dabei hätte er 1924 sogar in beiden Städten auftauchen können.

Der Ausflug in die zweite Ikonenstadt der Dunkelheit überrascht, denn so ziemlich alles in „Nocturnes berlinois“ außer den angesichts des Pratt’schen Erbes natürlich unvermeidlichen jüdisch-kabbalistischen Elementen hätte statt in Prag auch weiterhin in Berlin spielen können. Da hat Canales zu viel in seine Geschichte gepackt. Aber wie Pellejero sie zeichnet, das ist aller Ehren wert, zumal er diesmal nicht nur akkurat Pratt kopiert, sondern in einigen Film- und Phantastikszenen auch dem expressionistischen Zeitgeist der Zwanziger huldigt. Dazu eine besondere Empfehlung: Wie jüngst üblich gibt es neben der für ein breites Publikum gedachten Farbausgabe auch eine durch Zusatzmaterial angereicherte Schwarzweißversion des Albums, und sie zeigt Corto Maltese in einer graphischen Perfektion wie seit Pratts „Argentinischem Tango“ nicht mehr. Berlin passt einfach als Dekor, die Stadt wird dem Geist der Vorlage gerecht. Was für eine Faszination deutsche Abgründigkeit auf Pratt ausgeübt hat, kann man etwa seinen bereits lange vor „Corto“ entstandenen Zweiter-Weltkrieg-Comics der Serie „Ernie Pike“ ablesen, die gerade beim Avant-Verlag als kiloschwere Gesamtausgabe erschienen sind.

Dass man allerdings gar nicht sklavisch am Vorbild von Pratt kleben muss, um mit Corto Maltese zu reüssieren, hat kürzlich erst der junge französische Zeichner Bastien Vivès vorgeführt, der die Figur für den Band „Océan noir“ (als „Schwarzer Ozean“ im vergangenen Februar auf Deutsch erschienen, auch bei Schreiber & Leser, hier deren Leseprobe: https://www.schreiberundleser.de/index.php?main_page=popup_img&pID=760&zenid=f45100c687772a5e3e77362fbda8c411&imgType=lese1) in die Gegenwart versetzte – oder genauer gesagt: in eine nahe Vergangenheit, nämlich den Herbst 2001und damit ins Umfeld der Attentate vom damaligen 11. September. Wobei gar nicht sie im Mittelpunkt der Handlung stehen, sondern – cortogemäß – die Suche nach einem Konquistadorenschatz in Peru. Und wie der Szenarist dieses Abenteuers, Martin Quenehen, geradezu nebenbei die Wirtschaftsgeschichte des südamerikanischen Landes dazu benutzt, das Geschehen auch noch nach Japan zu verlagern, das gehört zu den großen erzählerischen Leistungen der jüngeren Comicgeschichte.

Noch bemerkenswerter ist allerdings das Geschick von Vivès bei der Aktualisierung des Protagonisten. Ihm gelingt das Kunststück, eine Figur aus den zwanziger Jahren fast hundert Jahre später ganz zeitgemäß wirken zu lassen, indem er ihre wesentlichen Charakteristika – die melancholische Lässigkeit und die einsame Ungebundenheit des Seemannes – auf einen heutigen Drifter überträgt. Dazu tritt mit Rasputin die charismatischste Nebenfigur der Pratt’schen Serie in einer Rolle auf, die diesem ambivalenten Herrn ebenfalls gerecht wird: als erpresserischer Rebellenführer. Quenehen und Vivès haben „Corto Maltese“ sogar noch besser verstanden als Canales und Pellejero, weil sie Pratts Muster modernisieren, ohne mit der Tradition zu brechen. Corto lebt. Und wie!


Hinterlasse eine Lesermeinung