Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

In diesem Band steckt alles drin, was Comic kann

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Hamed Eshrat hat die Zauberformel gefunden, um einen ebenso persönlichen wie ästhetisch ambitionierten Comic zu machen. Dabei sieht erst einmal alles so aus, als hätte er einfach nur gute Vorbilder (aber was heißt da „nur“?). Das Titelbild könnte auch von dem französischen Zeichner Baru stammen, der es wie kein Zweiter versteht, Alltagsgeschichten einer Provinzjugend zu erzählen (aber was heißt da „wie kein Zweiter“, wo doch jetzt auch Hamed Eshrat eine solche Geschichte erzählt?). Und die zweitwichtigste Figur in Eshrats Comic, Sven, der beste Freund des Ich-Erzählers Hamed, könnte mit seiner überlangen dünnen Nase geradewegs einem Comic von Christophe Blain entstiegen sein, dem französischen Zeichner, der so beispiellos brillant physiognomische Abstrusitäten mit Wirklichkeitshandlungen zu vereinen versteht, etwa jüngst in seinen Bildern zum Klima-Sachcomic „Welt ohne Ende“ (aber was heißt da „Beispiellos“, wo doch Blain selbst offensichtlich das beste Beispiel für Eshrat war?). Aber genug der Rhetorik. Man schaue sich Eshrats Comic in der Leseprobe des Avant-Verlags einfach mal an: https://www.avant-verlag.de/comics/coming-of-h/#cc-m-product-9120677120.

„Coming of H“ heißt dieses dritte Buch, das der 1979 in Teheran geborene, aber in der deutschen Provinz (Bünde in Ostwestfalen, nahe bei Bielefeld) aufgewachsene Hamed Eshrat in dem Berliner Verlag veröffentlicht hat. Entdeckt wurde er allerdings in Frankreich, 2009 vom Autorenverlag Sarbacane, wo Eshrats „Tipping Point“ erschien, die Geschichte seiner Eltern und deren Entscheidung, die iranische Heimat nach der Islamischen Revolution von 1979 zu verlassen. Dieser Comic ist immer noch nicht auf Deutsch erschienen (was an der damals noch schlichten Graphik liegen mag, die vor allem von Joe Sacco und Marjane Satrapi inspiriert war – also weiß Gott auch keine schlechten Einflüsse. Aber „Venustransit“, Eshrats erste deutsche Albumpublikation (2015), war dann weniger epigonal, obwohl nun klar französisch beeinflusst (Charles Berberian und schon deutlich erkennbar Blain), und so wäre „Tipping Point“ als nachgereichte Veröffentlichung wie ein Rückschritt erschienen. Aber das hätte man auch über Eshrats deutschen Zweitling, den nach einem Szenario des Zeithistorikers Jochen Voit entstandenen „Nieder mit Hitler!“ über jugendlichen Widerstand im „Dritten Reich“, sagen können. Warum fehlt „Tipping Point“ also immer noch? Er war doch der Startpunkt für Hamed Eshrat, auch inhaltlich.

Nicht nur, weil er gewissermaßen den Ausgangspunkt von Eshrats Leben erzählt, sondern auch, weil „Venustransit“ und „Coming of H“ sich entscheidend an der Biographie ihres Autors anlehnen. „Venustransit“ spielt in Berlin, und dorthin bricht der Hamed aus „Coming of H“ am Schluss des neuen Bandes auf. Zuvor jedoch lebt er 170 Seiten lang noch in der (nie explizit genannten, aber deutlich identifizierbaren) Kleinstadt Bünde. Wie Eshrat die triste Atmosphäre einer dortigen Jugend während der achtziger und neunziger Jahre einfängt und trotzdem eine wilde Abenteuergeschichte daraus macht, das ist das Meisterhafte an „Coming of H“.

Der Titel spielt mit drei Bedeutungen. Einmal phonetisch mit „coming of age“, also einer Geschichte vom Erwachsenwerden einer Gruppe Jugendlicher. Dann mit der Abkürzung „H“ für Heroin: Härtere Drogen ziehen im Laufe des Geschehens in den schon zuvor rauschmittelgeprägten Alltag (Alkohol, Zigaretten, Haschisch) des Freundeskreises um Hamed und Sven ein: „Coming of H“ also als Ankunft von Heroin – wobei dieser Erzählstrang nicht so wichtig ist, wie es der Klappentext suggeriert. Und schließlich ist H für seine Freunde auch ein Rufname von Hamed. Es ist also mit dem Titel auch der Weg von Hamed zu dem, was er einmal sein wird, angesprochen.

Dieser Comic ist offen bis zur Selbstentblößung, etwa in den Szenen der wenig souverän absolvierten ersten sexuellen Erfahrungen. Er ist drastisch in der Dokumentation de Auseinandersetzungen rivalisierender Jugendgruppen (Skater, Neonazis, Türken). Er ist geradezu euphorisch in den Bildern des befreiten Skatens, das Hamed und seine Freunde zu ihrer Hauptbeschäftigung gemacht haben. Und er ist komplex in seiner Verschränkung der Zeitebenen, denn immer wieder springt die 1997 angesiedelte Haupthandlung zurück in Hameds Kindheit und bietet so auch ein Porträt der Integrationsbemühungen einer Flüchtlingsfamilie. Das daraus resultierende Psychogramm ist bei aller Traurigkeit grandios.

Dazu hat Hamed Eshrat seine graphischen Mittel noch einmal forciert. Seine randlosen Panels sind meist im Sechserraster angeordnet, doch es gibt zahlreiche Ausbrüche bis hin zu doppelseitigen Bildern. Lange stumme Sequenzen wechseln sich mit exzellent geschriebenen Dialogen ab – dieser Comic gäbe auch eine tolle Vorlage für ein Theaterstück ab. Und Eshrat schiebt bisweilen Schemazeichnungen ein, isoliert Einzelbilder auf sonst leeren Seiten, bringt Bildmetaphern zur Charakterisierung des Seelenzustands von Hamed und wechselt zu stimmungsvollen Totalen, etwa Luftansichten von Straßen oder Panoramabilden von Stromtrassen, die über die Umgebung von Bünde Auskunft geben und damit auch das Bemühen der Jugendlichen auszubrechen begreiflich machen. Nicht zuletzt ist der Comic eine große Liebeserklärung an den Vater von Hamed.

Eine solche Jugendautobiographie hat es noch nicht gegeben. Gemeinsam mit „Tipping Point“ und „Venustransit“ bildet sie ein Comic-Triptychon, und als dessen chronologische Mitteltafel darf „Coming of H“ Anspruch darauf erheben, das Zentrum zu sein. Meine Begeisterung für dieses Buch ist groß. Größer, als ich es sagen kann.


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