Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Hollywoods schwarze Seite

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Alan Moore und Kevin O’Neill? Seit „The League of Extraordinary Gentlemen“ ein Traumpaar des Comics. 1999 haben die beiden Engländer ihre Zusammenarbeit an der Serie begonnen und 2020 mit „Der Sturm“ so etwas wie einen Abschluss geschaffen – wobei gerade Moore dermaßen offen seinen Abschied von der Comicbühne verkündet hat, dass man ihm kein Finale mehr glaubt.  Doch jetzt haben er und O’Neill eine neue Serie begonnen, die zumindest kaum Luft für weitere „Extraordinary Gentlemen“-Abenteuer lassen dürfte.

Sie heißt „Cinema Purgatorio“ und erzählt in jeweils achtseitigen Schwarzweißcomics skurrile Episoden aus der Kinogeschichte. Wobei acht Seiten für Moore natürlich ein Witz sind, und so hat es damit auch nicht sein Bewenden, sondern jedem Comic-Kapitel ist ( noch ein zwischen zwei und zehn Seiten (in der mir vorliegenden deutschen Ausgabe von Dantes Verlags) umfassender Kommentarteil beigegeben, der zwar manchmal auch Einzelillustrationen aus O’Neills Feder aufweist, aber durchaus auch aus reinem Text von Moore bestehen kann. Die Lektüre der Annotationen dauert jedenfalls immer deutlich länger als die des Comics, den sie erläutern.

Wir kennen dieses Verfahren aus einem Begleitband zur legendären Moore-Serie „From Hell“ (dieser über einen Zeitraum von zehn Jahren entstandene Comic über Jack the Ripper war von Eddie Campbell gezeichnet und von den Hughes-Brüdern 2001 verfilmt worden, mit Johnnie Depp in der Hauptrolle) . Darin waren Seite für Seite, Panel für Panel, Detail für Detail die Quellen und Überlegungen von Moore zum geschichtlichen Hintergrund aufgelistet, und es gibt weitere Bücher, die seine minutiösen Szenarios wiedergeben, die den Zeichnern kaum Luft für irgendwelche Eigenleistungen außer ihrem jeweiligen Stil lassen. Das hat solche Stars wie Brian Bolland (mit „The Killing Joke“), Dave Gibbons („Watchmen“), David Lloyd („V for Vendetta“) , Bill Szienkiewicz („Big Numbers“) oder John Totleben („Swamp Thing“) nicht abgehalten, mit dem anspielungsreichsten Szenaristen der Comicgeschichte zusammenzuarbeiten, doch mir keinem währte eine solche Kooperation derart lange wie mit Kevin O‘Neill.

Die beiden Autoren sind Jahrgang 1953 – im kommenden Jahr steht also zweimal siebzigster Geburtstag an, und mit „Cinema Purgatorio“ sind sie bei Geschenken schon einmal in Vorleistung gegangen. O’Neills kantiger Figurenstil ist auch im für ihn ungewohnten Schwarzweiß (die „League“-Comics waren rauschende Farbenfeste) unverkennbar – man sehe es sich hier an: https://www.dantes-verlag.de/gesamtprogramm/cinema-purgatorio/cinema-purgatorio/#cc-m-product-11473019421 -, und Moore packt einmal mehr sein enzyklopädisches Wissen bei ephemeren Themen aus.

Wobei Kinogeschichte den Vorzug hat, über die beteiligten Stars populäre Mythen zu schaffen, die einem großen Publikum zumindest in Ansätzen bekannt sind. Und Moore hat einen durchaus konventionellen Geschmack, was Filmklassiker angeht. Der längste Anmerkungsteil gilt seiner Variation auf Billy Wilders „Sunset Boulevard“. Und Todd Brownings „Freaks“ oder der alte „King Kong“ sind auch nicht gerade überraschende Entdeckungen. Immer jedoch erzählt Moore mit nur leicht veränderten Namen Anekdote um die Entstehung oder Rezeption der ausgewählten Filme oder Schauspieler, und so wird „Cinema Purgatorio“ zum Hollywood-Porträt (andere als amerikanische Filme haben es nicht in diesen immerhin zweihundertfünfzigseitigen Band geschafft; hoffen wir auf einen zweiten).

Der Titel ist dagegen als Verweis auf einen italienischen Film gemeint: Giuseppe Tornatores „Cinema Paradiso“ von 1988, im Jahr danach in Cannes ausgezeichnet und noch einmal ein Jahre später Oscargewinner in der Kategorie „Bester fremdsprachiger Film“. Das war eine nostalgische Liebeserklärung an die Macht des Kinos, aber so etwas ist Moores Sache natürlich nicht. Er entfaltet vielmehr einen Hexensabbat, der zwar auch von Liebe zu den Gegenständen spricht, aber statt Nostalgie ist hier Makabres Trumpf. Die Entgegensetzung von Paradies und Fegefeuer in den Titeln bringt es auf den Punkt, und hätte Moore nicht schon „From Hell“ in seiner Werkliste, wäre auch „Cinema Inferno“ passend gewesen – aber womöglich könnte ja auch so ein Folgeband heißen.

Anstrengend ist die Lektüre der gebotenen Faktenfülle in den Anmerkungsapparaten halber, doch die kurzen Comic-Kapitel selbst sind sogar reizvoller, wenn man sie mit dem eigenen Kinowissen abgleicht. Natürlich ist das von Alan Moore unvergleichlich viel größer, aber darauf mögen sich dann die Nerds und/ oder Philologen  einlassen. Auch wenn mehr als ein Drittel des Buchs aus anderem als Comics besteht, bieten die anderen zwei Drittel immer noch ein Meisterstück der Gattung – oder besser gesagt: achtzehn Meisterstücke, den so viele Kapitel gibt es. Und separat lesen kann man sie auch.


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