Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Kein Einfluss auf niemand

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Der Mainzer Ventil-Verlag hat ein Themennest gefunden, voller goldener Eier. Seit zwei Jahren publiziert er Comicsammelbände zu Popmusik, aber mit einem besonderen Konzept: Zeichner adaptieren (und interpretieren dabei natürlich auch) Songtexte von bekannten deutschen Bands. Los ging es mit Tocotronic und Stereo Total (beides an dieser Stelle auch gewürdigt: https://blogs.faz.net/comic/2020/11/20/und-unsere-leidenschaft-ist-ihnen-raetselhaft-1641/ und https://blogs.faz.net/comic/2022/07/18/drei-grosse-tote-in-berlin-1934/), dann kamen Fehlfarben, und nun sind Ton Steine Scherben dran, angekündigt sind bereits die Go-Betweens..

Ganz neu ist die Idee natürlich nicht. Hierzulande ist mir dieses Konzept vor bald anderthalb Jahrzehnten zum ersten Mal begegnet: mit dem von Olivia Vieweg herausgegebenen, im Mangastil gehaltenen „Storybook“ zu Liedern der Band Subway to Sally, dem 2012 noch ein zweites folgte. Auch darin hatten jeweils unterschiedliche Comiczeichner die Texte der Band als Vorlagen für Geschichten genommen. Aber warum soll eine gute Idee keine Wiederauferstehung erleben? Zumal, wenn die beiden Herausgeber der Ventil-Reihe, Gunther Buskies und Jonas Engelmann, namhafte Mitwirkende zu bieten haben?

Die Liste der Beteiligten liest sich in der Tat wie ein Who is Who der deutschsprachigen Comicszene (und eine Leseprobe hat Ventil immer noch nicht hinbekommen, aber in einer Rezension des Deutschlandfunks findet man zumindest wenige Beispiele aus dem Band: https://www.deutschlandfunkkultur.de/keine-macht-niemand-comic-ton-steine-scherben-100.html). Um nur einige zu nennen, die am jüngsten Band, dem zu Ton Steine Scherben, mitgezeichnet haben: Kathrin Klingner, Nicolas Mahler, Bianca Schaalburg, Sheree Domingo, Reinhard Kleist, Mia Oberländer, Sascha Hommer, Jan Soeken, Ulli Lust. Die Reihenfolge dieser Berühmtheiten folgt der Anordnung im Buch, die sich wiederum an der Playlist des Ton-Steine-Scherben-Albums „Keine Macht für niemand“ von 1972 orientiert, denn mit dem Fehlfarben-Band wurde ein neues Konzept etabliert: nicht einfach Lieblingssongs wie in den ersten beiden Comicbüchern, sondern Konzeptalben, die eine gesamte Platte abbilden. Bei Fehlfarben war es natürlich „Monarchie und Alltag“, und auch bei Ton Steine Scherben ist die berühmteste ausgewählt worden.

Das erweist sich allerdings als Problem, denn dieses weitaus eingeschränkterer Konzept erlaubt nur noch in Ausnahmefällen die Umsetzung von  Lieblingsstücken. Das meiste wird zur Pflichtaufgabe, und genau so klingen dann auch die einleitenden Worte der beteiligten Zeichner. Der Regelfalle ist: Ich kannte das Stück noch gar nicht … oder „Ich bin nicht mit Ton Steine Scherben … aufgewachsen – was auch daran liegen mag, dass die Platte fünfzig Jahre alt ist, die älteste beteiligte Künstlerin aber erst fünfundfünfzig. Biographische Erlebnisse verbinden sich also für kaum jemanden mit der Musik.

Und das merkt man etlichen Comics auch an. Daran können dann nicht einmal die kurzen Stellungnahmen von Musikern oder Aktivisten, die an der Aufnahme von „Keine Macht für niemand“ mitgewirkt haben, vor den einzelnen Liedadaptionen etwas ändern. Natürlich sieht man gerne Comics von solchen Könnern, aber gute Zeichnungen allein machen noch keine guten Geschichten aus. Und Liedtexte bieten in wenigsten Fällen geeignete Szenarios. Da muss etwas hinzutreten, was aber nur von der Zeichnerin Daniela Heller in ihrem Comic zu „Der Traum ist aus“ geleistet wird: eine zweite inhaltliche Ebene.

Schade also, dass das vielversprechende „Songbook“-Konzept schon so schnell verwässert. Zumal diesmal auch die comicartigen Zugaben aus dem Bandumfeld eher peinlich sind: Kürzestgeschichten von Rio Reiser und Nikel Pallat. Aber auch solche Zugaben gehören eben zum Konzept; Qualität darf da keine Rolle spielen. Aber nur daran wird sich die Berechtigung der Reihe bemessen lassen. Sofern es dem Ventil Verlag nicht reichen sollte, an die jeweiligen Fans einer Band ein paar hundert Bücher zu verkaufen.


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