Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Liebesgeschichte und Liebeserklärung

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Stellen wir uns einmal vor, es wäre schon Ende Januar, der letzte Donnerstag im Monat. Dann sind wir in the mood for love, wie Bastien Vivès sie in seinem neuen Comic beschreibt: „Dernier week-end de Janvier“, erschienen beim französischen Verlag Casterman. Ob dieser band je ins Deutsche übersetzt wird, weiß ich nicht; das Thema könnte zu französisch sein. Nicht der Liebe wegen, sondern eben des titelgebenden letzten Januarwochenendes, denn das signalisiert für Comicleser aus unserem Nachbarland: Angoulême.

Natürlich das dortige Festival international de la bande dessinée, die wichtigste Comicveranstaltung in ganz Europa, Mekka der Szene, ausgerichtet tief im Südwesten Frankreichs, in einer Kleinstadt, die vier Tage lang aus allen Nähten platzt und in der das ganze Jahr über Straßennamen zu lesen sind, die berühmte Zeichner ehren. Diese Stadt lebt Comic, und für vier Tage im Jahr lebt der Comic dort. Und das ist der Handlungsrahmen für Bastien Vivès, in Angoulême schon ausgezeichnet für sein Debüt, das fabelhafte Album „Der Geschmack von Chlor“ aus dem Jahr 2009, da war der Autor gerade einmal fünfundzwanzig Jahre alt. Heute, dreizehn Jahre später, ist aus ihm ein Star geworden, der sich auf allen Felden tummelt, kürzlich erst als Modernisierer von Hugo Pratts Abenteuercomicklassiker „Corto Maltese“ (auch von diesem Blog gewürdigt: https://blogs.faz.net/comic/2022/09/26/ausweitung-der-corto-chronologie-1976/).

Der neue Band ist dagegen selbst geradezu klassisch: Als hätte ein Filmregisseur wie Eric Rohmer oder Claude Chabrol sich an einem Porträt der Comicszene versucht. Wunderschön sieht das aus, ganz leise läuft das aus, aber mit kühler Präzision hin zum unauflösbaren Dilemma. Die Geschichte: Der mit einem in der NS-Zeit spielenden Album namens „Opération Hitler“ erfolgreiche Zeichner Denis Choupin trifft am ersten Festivaltag in Angoulême ein, ist dort einsamer als erwartet, weil sein Szenarist erkrankt ist, und hat sich am letzten Tag in die schöne Vanessa verliebt, die als Begleiterin ihres comicbegeisterten Gatten Christophe angereist ist und sich in Angoulême zu Tode langweilt. Wer je dort war und das übliche Pech hatte, in Schnee und Kälte zu geraten (auf beides ist die Stadt wie ebenfalls üblich nicht gut vorbereitet), der wird sich vorstellen können, was die Anwesenheit für jemanden bedeutet, der keinen Drang verspürt, in die Ausstellungen zu gehen oder sich in die Signierschlangen einzureihen.

So sieht das aus: https://www.casterman.com/Bande-dessinee/Catalogue/albums/dernier-week-end-de-janvier – grau und kalt wie eben Angoulême meist Ende Januar. Vivés hat die Grauschattierungen längst zu einem Markenzeichen gemacht, kaum noch Spuren des großflächigen Farbauftrags von „Der Geschmack von Chlor“, und hier passt seine Ästhetik perfekt zum Inhalt. Auch zur Tristesse von Vanessa, die sich auch in Denis verliebt, aber am Ende weg ist. Vorher aber gibt es noch viel mehr Reise- als Liebesverwirrungen, denn eigentlich müsste Denis schon am Samstagabend nach Paris zurück, um die Hochzeit seines Sohnes zu feiern. Ein Ticket hat er nicht, und in den französischen TGV gilt harte Reservierungspflicht. Aber nachdem er Vanessa durch Zufall kennengelernt hat, sind seine Gedanken ohnehin selten bei der Familie daheim

Diese Liebesaffäre ist typisch französisch und als solche wenig originell. Was „Dernier week-end de Janvier“ reizvoll macht, sind Stimmung und Dekors. Nur ganz zu Beginn grüßt eine Comicfigur in die Geschichte hinein: vom Eingangsportal des Bahnhofs, danach spielten sich zwar viele authentische Details im Hintergrund ab, aber sie sich meist nur angedeutet, also nur für Kenner zu genießen. Wen das Festival nie besucht hat, wird aber trotzdem nichts vermissen.

Denn was zählt, ist die amouröse Ambivalenz der beiden Hauptfiguren (Christophe bleibt ein Abziehbild, eine echte Comicfigur, wie Vanessa sie in deren Eindimensionalität verspottet). Aber was Denis und Vanessa zueinander zieht, das erklärt Vivès nicht, das zeigt er einfach als Faktum, und man glaubt jede Geste. Dieser große Erotiker des französischen Comics macht sogar einen Liebesakt völlig unpeinlich zu einer Sequenz von mehreren Seiten, den hier wird im besten Sinne bürgerlich geliebt: kein Hollywood-Gestöhne oder Strip-tease für die Betrachter, sondern ein sich aus den Berührungen ergebendes Verführen, das auf Dialoge ebenso verzichten kann wie auf Haut-Schauwerte. Vivès, möchte man einen, ist auf einen Schlag erwachsen geworden.

Unvergesslich der nächtliche Besuch eines Clubs irgendwo unterhalb des Hügels mit der Altstadt, und man geht in Gedanken mit den Protagonisten, weil man ihre Unvertrautheit mit dem Angoulême abseits des Festivals kennt. Da sind die Treffen der Zeichner und Verlagsleute im „Chat noir“ und anderswo, die Abendessen, die beiden großen Hotels, in denen alle Etablierten unterkommen, und da sind die kleinen Rituale der Besucher. Psychogramm einer Faszination, Topographie eines Comicfestivals – Vivès liefert beides in Vollendung.

Man möchte danach sofort aufbrechen nach Angoulême, obwohl keine der Schattenseiten des Festivals verschwiegen wird. Aber wie immer, wenn man bei Lektüren bekanntes Terrain vorfindet, entsteht Sehnsucht. Und es würde mich interessieren, ob es Menschen, die bislang nicht dorthin gereist sind, dank Bastien Vivès‘ Liebeserklärung an Stadt und Festival ähnlich gehen könnte. Das spräche dafür, dass er einen glaubwürdigen Raum für seine Geschichte geschaffen hat – eine Stadtlandschaft, die wir als reale erkennen, auch wenn wir nie dort gewesen sind. Für die von diesem Comic hoffentlich derart Bewegten also hier die wichtigste Information: Das nächste Festival findet vom 26. bis zum 29. Januar 2023 statt.


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