Comic

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Vor ein paar Tagen wurde der Siegertitel des Comicbuchpreises der Berthold-Leibinger-Stiftung bekanntgegeben: „Ahmadjan und der Wiedehopf“ von Maren Amini und ihrem Vater Ahmadjan Amini. Eine Überraschung? Für mich als Mitglied der Jury allemal. Nicht, weil der Comic nicht gut wäre – im Gegenteil. Sondern weil alle Einsendungen (diesmal waren es mehr als 130) anonym zur Begutachtung vorgelegt werden; es handelt sich bei dem Preis ja um einen, der einem noch im Entstehen befindlichen Werk gilt. Und als dann nach der Entscheidung für „Ahmadjan und der Wiedehopf“ der Name Maren Amini fiel, fiel ich aus allen Wolken. Denn diese Zeichnerin kannte ich.

Nicht persönlich, aber durch ihre Arbeit als Cartoonistin. Man kann mir Fug und Recht sagen, dass es niemanden in Deutschland gibt, der größere Begeisterung für Sempé in seinen Figuren artikuliert – dafür genügt schon ein Blick auf ihre Website http://www.maren-amini.de/. Da Maren Amini zusammen mit der Comiczeichnerin Line Hoven in Hamburg einen kleinen Laden betreibt, in dem ich vergangenes Frühjahr vorbeigeschaut hatte, waren mir die Drucke der Cartoonistin vertraut, aber von ihrem Comicprojekt wusste ich nichts. Und auch wenn ich im Nachhinein klüger bin und sehe, was im ausgezeichneten Comic alles an eindeutigen Spuren zu sehen gewesen wäre, habe ich sie eben doch nicht bemerkt.

Und ich hätte für Aminis graphische Handschrift doppelt sensibilisiert sein müssen, denn ich kenne sie noch aus einem weiteren Kontext: dem Hamburger Zeichnerinnenkollektiv „Spring“, dessen jährliche Publikationen mir seit bald zwei Jahrzehnten ein steter Quell der Begeisterung sind. In der jüngsten Nummer, „Spring 19“ zum Thema Scheitern, ist Maren Amini selbstverständlich auch vertreten: mit einer nur vierseitigen, aber sehr originellen Geschichte namens „Das Kunstwerk“. Okay, eigentlich nicht einmal vierseitig, denn die erste Seite besteht nur aus dem Titel und der Abbildung eines leeren Blattes, dessen unterer linker Ecke sich eine zitternde stiftbewehrte Hand nähert, und die letzte Seite zeigt ein hyperrealistisch gezeichnetes zerknülltes Blatt Papier. Dazwischen spielt sich auf einer Doppelseite mit acht Panels die eigentliche Handlung ab: Eine Zeichnerin sitzt am Arbeitstisch, spricht sich selbst Mut zu, preist die Qualität ihres Strichs, und im letzten Bild kommt eine Kollegin und fragt: „Hä? Was soll das denn sein?“ – so erklärt sich das zerknüllte Blatt auf der nächsten Seite.

Klingt simpel, ist es auch, aber wunderbar gezeichnet, denn die Akteure der Doppelseite sind von einer leichten Einfachheit, wie sie in Deutschland kaum jemand beherrscht. Und in Frankreich das Markenzeichen eben von Sempé war, dem großen Idol von Amini. Wobei sie hier Figuren geschaffen hat, die mit ihren Nasen und Haaren eher an Nicolas Mahler denken lassen. Aber allein schon die abstrakte Linienform des Zeichentischs, an dem die Protagonistin sitzt, ist ein kleines Virtuosenstück, und dass Amini noch viel mehr Stile beherrscht als die der großen Meister der Leichtigkeit, führt sie mit dem verblüffend veristischen Papierknäuel vor.

Leider gibt es auf der Spring-Homepage https://www.mairisch.de/programm/spring-19-scheitern/ keine Seite aus Aminis Kurzcomic zu sehen (dafür allerdings welche von Moki, Birgit Weyhe, Stephanie Wunderlich, Carolin Löbbert, Katarina Kuhlenkampf, Nina Pagalies und Romy Blümel), und „Ahmadjan und der Wiedehopf“ ist ja noch nicht fertig, also gibt es davon auch nichts zu zeigen. Aber dass diese Zeichnerin, die schon als Illustratorin bei einigen namhaften Blättern reüssierte (etwa der „Washington Post“ oder dem „Spiegel“) nun auch als Comicautorin den Durchbruch schaffen wird, ist gewiss. Ahmadjan Amini ist übrigens ihr in Afghanistan geborener Zeichner, und seine Geschichte wird im gemeinsam gestalteten Comic erzählt. Wobei der Löwenanteil von der Tochter stammen wird, während Ahmadjan Amini neben den Erzählungen seines Lebensweges einige Gemälde beisteuern wird, denn auch er ist ein Künstler. Es kann ja nicht alles von Sempé kommen …


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