Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Auf zum Entern im Weltall!

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Sardine heißt auf Deutsch Alldine. Warum? Weil Alldine nach Weltall klingt, und da spielt die vor mehr als zwei Jahrzehnten von niemand Geringeren als Joan Sfar und Emmanuel Guibert begründete französische Kindercomicserie „Sardine de l’espace“. Sfar, der damalige Zeichner, ist schon längst nicht mehr dabei, aber die heutige Autoren-Besetzung ist kaum weniger prominent: Emmanuel Guibert schreibt immer noch Szenarien für die Reihe, und Mathieu Sapin zeichnet (bisweilen, gerade in den jüngeren Bänden, macht Sapin auch beides).

 So, das war jetzt viel Information auf einmal, ziemlich insidermäßig, also nun noch einmal etwas langsamer. Der erste Band von „Sardine de l’espace“ erschien 2000, und Guibert und Sfar hatten schon bei einem Erwachsenencomic zusammengearbeitet, namentlich bei „La Fille du professeur“ 1997, wobei da die Rollenverteilung umgekehrt war. Und so sollte es beim 2001 gestarteten dreiteiligen Zyklus „Les Olives noires“ wieder sein. Beides waren Meilensteine der jüngeren französischen Comicgeschichte, und dazwischen lag „Sardine“. Die etwas darstellte, was es bis dahin in Frankreich (oder sonst irgendwo) kaum gab: einen anarchischen Kindercomic.

So sieht der aus: https://www.schaltzeitverlag.de/kinderb%C3%BCcher/alldine/#cc-m-product-11808751094. Hier natürlich die deutsche Version von Schaltzeit (in der Übersetzung Verlegers Andreas Illmann persönlich), die 22 Jahre auf sich warten ließ, aber besser spät als nie. Heute sind anarchische Kindercomics weltweit erfolgreich, aber die Ursprungsserie fehlte im Portfolio deutscher Verlage. In dem längst Guiberts wunderbare weitere Kinderserie „Ariol“ (gezeichnet von Marc Boutavant) gelandet war. Oder ach „Kleiner Strubbel“ von Pierre Bailly. Beides sind weitere Kindercomicperlen aus Frankreich, die jeweils Epoche machten, aber eben etwas später verglichen mit „Sardine“.

Von dieser Serie gibt es mittlerweile in Frankreich sage und schreibe 23 Bände, also kam jedes Jahr ein neuer, die ersten neun von Sfar und Guibert, dann wurde mit der Zeichner-Umbesetzung neu gezählt, und deshalb steht die Reihe jetzt bei Nummer 14. In jedem der taschenbuchkleinen Alben finden sich jeweils fünf Episoden à zehn Seiten. In den beiden ersten deutschen Bänden sind dagegen jeweils gleich zwölf Geschichten abgedruckt, auf 128 Seiten. Und das für einen Preis von vierzehn Euro pro Ausgabe, während die französischen nicht einmal halb so dicken Bände aktuell 11,50 Euro kosten. Hierzulande bekommt man also mehr als die doppelte Menge Handlung für unwesentlich mehr Geld. Ist das ein gutes Zeichen für den deutschen Comicmarkt? Jedenfalls ist es ein Schnäppchen.

 Nun eine Warnung an alle Helikoptereltern: Bei „Sardine“ oder eben „Alldine“ besteht Suchtgefahr für die Kinder, denn darin findet sich alles, was Erwachsene nicht so recht mögen: Albernheit, Pathos, Piraten (Alldine ist Teil einer interstellaren Seeräubertruppe), Schwarzweißmalerei, Chaos, superdumme Superschurken, Fäkalhumor. Aber das haben eben Erwachsene geschrieben und gezeichnet, kluge überdies, und somit steckt auch noch eine ganze Masse Witz drin, den Kinder lieben, aber nicht notwendig schon verstehen müssen. Etwa in der Auftaktgeschichte „Ende als Anfang“ (aus dem französischen Band 13). A wird mit den Voraussetzungen einer Serienerzählung gespielt, und es ist schon frech, dass Illmann just diese Episode an den Beginn der eigenen „Alldine“. Publikationen setzt, denn eigentlich kann doch noch gar keiner die Gesetze einer Serie kenne, die er nie zuvor gelesen hat. Klappe t aber dennoch. Wie überhaupt die meisten metafiktionalen und transgressiven Späße von Guibert. Aber jetzt genug mit den Fachtermini aus dem Seminar für Literaturkritik.

Die von Mathieu allein geschriebenen Geschichten, von denen sich vor allem im deutschen Band 2 einige finden, sind nicht ganz so geglückt. Da hätte man bei der Riesenauswahl, die es gab, stärkere Geschichten gefunden. Aber das heißt ja auch, dass diese kleinen Wunderwerke noch kommen können – wenn die Comics so erfolgreich sind, wie sie es verdienen. Wobei mit Weltraum und Piraten und einem kleinen Mädchen als großer Heldin doch gleich drei Erfolgsgaranten kombiniert werden. Also auf in unendliche Weiten mit Sardine, pardon: Alldine. Energie! To infinity and beyond! Oder was man da oben sonst noch alles so sagt. Und Helikoptereltern kommen ja eh nicht bis ins Weltall. Wir aber. Ein gutes neues Jahr allen Lesern dieses Blogs!


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