Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Besser wird’s nicht

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Kann man das Jahr schöner beginnen als mit einem Hinweis auf Michel Rabagliati? Den kennt hierzulande kaum jemand, dabei ist er einer der stilsichersten und vor allem persönlichsten Comic-Autoren der ganzen Welt. Er ist Kanadier, geboren 1961 in Montréal, und dass ich diesen Stadtnamen hier mit Accent aigu schreibe, ist zwingend, weil Rabagliati zum französischsprachigen Teil der dortigen Bevölkerung gehört. Seit 1999 veröffentlicht er beim Verlag Éditions de la Pastèque Comics mit Geschichten aus dem Leben eines Protagonisten namens Paul Rifiorati, in dem man leicht das Alter Ego des Zeichners erkennen kann (nicht physiognomisch, aber biographisch). Und in all den Jahren hatte es nur eines der „Paul“-Alben in einen deutschen Verlag geschafft: „Pauls Ferienjob“ (im Original „Paul a un travail d’été“ von 2002), das vor fünfzehn Jahren bei der Wuppertaler Edition 52 erschien.

Dieser Verlag ist ein Trüffelschwein, und das nirgendwo so sehr wie in der kanadischen Comicszene. Denn neben Rabagliati ist im Programm auch Seth vertreten, dessen englischsprachiges Äquivalent, was Comic-Weltrang aus Kanada angeht. Beide Zeichner vereint ein melancholischer Blick auf die Moderne, der vor allem durch grenzenlose Bewunderung für Cartoonisten des mittleren zwanzigsten Jahrhunderts geprägt ist. Seth zeichnet wie Peter Arno, Rabagliati  wie André Franquin (hier zu sehen: http://michelrabagliati.com/Bienvenue.html). Doch während Seth fast mit seinem Gesamtwerk in der Edition 52 zu haben ist, war dort von bislang zehn „Paul“-Bänden eben nur der eine übersetzt worden. Bis jetzt.

Denn jetzt ist der jüngste, „Paul zu Hause“, im französischsprachigen Original 2020 erschienen, herausgekommen. Der beste (und das will einiges heißen). Warum ist das so? Weil Rabagliati Mitte des vergangenen Jahrzehnts eigentlich Schluss mit „Paul“ hatte machen wollen. Dass er sich dann doch zur Wiederaufnahme entschied, hatte traurige Gründe: Der Tod seiner Mutter im Jahr 2012 und eine darauf folgende Midlife-Crisis, die auch den Entschluss zum Ende von „Paul“ motiviert hatte, ließen den Zeichner als Erlebnisse nicht los, und nur in der Figur von Paul glaubte er sie bewältigen zu können. Darum dreht sich „Paul zu Hause“.

Aber es ist kein deprimierender, sondern ein tröstlicher Comic. Und ein wunderschöner. Deshalb hier gleich zwei Leseproben: die der Edition 52 (https://www.edition52.com/wp-content/uploads/2022/06/Paul_Leseprobe.pdf) und eine zum kanadischen Original: https://www.lapasteque.com/paul-a-la-maison. Vielleicht ist das auch gar nicht schlecht, denn leider wird die Eleganz des klassischen Strichs von Rabagliati in der deutschen Fassung durchs etwas zu grobe Lettering gemindert, und da Paul (wie sein Erfinder) ein fanatischer Typographieliebhaber und -kenner ist, der sich ständig über diesbezügliche Beobachtungen auslässt, tut es besonders weh, wenn einige Schilder im Straßenbild für die deutsche Fassung eher grob, vor allem aber typographisch keineswegs originalgetreu neu gestaltet worden sind. Und ein paar Sprechblasen sind versehentlich ganz im französischen Original stehengeblieben – keine große Sache, weil es jeweils textarme Blasen sind, aber trotzdem schade.

Man möchte versinken in diesen Schwarzweißbildern, die mit einer unauffälligen Akribie das Montréal des Jahres 2012 auferstehen lassen. Allein die paar Seiten, die auf dem jährlichen Salon du livre (Buchmesse) der Stadt spielen und die darauffolgende Szene in der Bar des Hotels Bonaventure mit ihrem Calder-Mobile an der Decke – das übertrifft in der Eleganz sogar Franquin.

Und wie klug und anspielungsreich ist die Geschichte gebaut! Allein die überraschenden Auflösungen der Klischees über Pauls Nachbarn. Oder der kleine Hund namens Keks, der so selbstverständlich wie Hergés Struppi seine Kommentare zu Herrchens Verhalten abgibt, ohne dass das aber für die Handlung irgendeine Konsequenz hätte. Und wie etwa der Sänger Léo Ferré einmal erwähnt wird, dessen Chanson „C‘est le printemps“ dann von Rabagliati dem Abschlussbild unterlegt wird – das auch das letzte in einer Sequenz von kleinen Einzelpaneln ist, die jeweils eine ganze Seite bekommen und neue Hoffnung ins Leben von Paul bringen. Seit der „Monsieur Jean“ von Dupuy & Berberian habe ich keine so lebensnahe Serie mehr gelesen. Keine, die so viel über ihre Handlungszeit erzählt, obwohl sie „nur“ das Leben eines einfachen Bürgers in den Blick nimmt. Aber darin steckt ja mehr als genug Drama. Und Humor.

Ja, besser kann man das neue Jahr als Comicleser nicht beginnen als mit diesen zweihundert bewegenden und virtuosen Seiten. Herzlich willkommen zurück, Michel Rabagliati. In der Welt von Paul und in Deutschland. Und Glückwunsch dem Kleinverlag zu seinem Mut. Hoffentlich auch für weitere Bände.


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